Politik : UN-Haftanstalt: Ein Malkurs für Milosevic

Caroline Fetscher

Vergangenen Samstag wollte Timothy McFadden endlich einmal in die Ferien aufbrechen. Für fünf Wochen, "egal, was passiert", hatte der Leiter der Haftanstalt in Scheveningen betont. Dort sitzen die Untersuchungshäftlinge des Haager Kriegsverbrechertribunals während ihrer Verhandlungen ein. Doch dann kam Milosevic. Und McFadden verschob seinen Urlaub.

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Portrait: Richard May, der Milosevic-Richter
Hintergrund: Kriegsverbrechertribunal
Link: Die Anklageschrift des UN-Tribunals (englisch) Dass der ehemalige jugoslawische Staatschef eine Zelle wie alle anderen bekommt, hatte McFadden schon länger gesagt. Die 38 Männer und die eine Frau - Biljana Plavsic - die hier einsitzen, sind womöglich schlimmster Kriegsverbrechen schuldig. Für McFadden steht dennoch ihre Menschenwürde an erster Stelle. "Solange jemand in Untersuchungshaft ist, gilt für mich, dass er unschuldig sein kann. Also will ich, dass das Leben im Gefängnis dem Leben draußen so ähnlich wie möglich ist. Wenn einer rauskommt, soll es für ihn eine Brücke geben." Und dementsprechend ist das Gefängnis ausgestattet.

Um 7 Uhr 30 werden die Häftlinge geweckt, um acht Uhr wird die Zelle aufgeschlossen. Bis mittags um zwölf, wenn das Wachpersonal essen geht, können alle in ihren Gruppen einander besuchen, die Bücherei benutzen, Musik hören, fernsehen, an die frische Luft gehen. Sie dürfen auch im Gefängnisladen einkaufen, Tischtennis spielen, in den Fitnessraum gehen oder telefonieren. Zwischen mittags um 12 und 13 Uhr ist die Zelle zu, auch zwischen 17 und 18 Uhr. Ab 20 Uhr 30 ebenfalls, dann beginnt die Nachtruhe.

Fernsehen, Kaffeeautomat, Toilette und Dusche gibt es in jeder Zelle. Man kann Englisch lernen, den Umgang mit Computern oder Malen und Töpfern. "Das alles klingt womöglich luxuriös, aber ich stehe hier einem Untersuchungsgefängnis der UN vor. Da gelten höchste Standards", sagt McFadden. Dazu gehört, dass die Häftlinge lesen dürfen, was immer sie wollen.

Einschränkungen der Privatsphäre gibt es gleichwohl. "Ich höre Telefonate ab, und das wissen die Bewohner des Traktes. Aber sie vertrauen mir. Ich mache das auch, weil ich manchmal erfahre, wie es jemanden geht. Wenn zum Beispiel einer erzählt bekommt, dass seine Tochter schwanger ist, dann verstehe ich viel besser, warum sich sein Verhalten ändert."

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