Politik : UN: Klimawandel rottet bis zu 40 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten aus

Dagmar Dehmer

Weltklimarat der UN legt zweiten Bericht vor und schlägt Alarm Milliarden Menschen auf allen Kontinenten sind betroffen USA, China und Saudi-Arabien schwächen Aussagen ab


Berlin - Nach einer 27-stündigen Sitzung hat der Weltklimarat (IPCC) am Freitag mit stundenlanger Verspätung seinen zweiten Bericht über die Auswirkungen des Klimawandels vorgelegt. Vor allem die Regierungsdelegationen aus den USA, China, Russland und Saudi-Arabien versuchten, Aussagen über die Auswirkungen der Erderwärmung abzuschwächen.

Die Hauptaussagen: Bei einer Erwärmung um etwa zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung werden 30 bis 40 Prozent der Pflanzen- und Tierarten aussterben. Milliarden Menschen werden unter Wassermangel leiden. Die Meeresspiegel steigen, Wirbelstürme werden heftiger, Dürren und Überschwemmungen zahlreicher. Der IPCC-Vorsitzende, Rajendra Pachauri, wies darauf hin, dass „arme Menschen am stärksten getroffen“ werden. Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) nannte die Wirtschaftsweise der Industriestaaten einen „andauernden Angriff auf die Lebensgrundlagen der Menschen in Afrika“. Der frühere Chef des UN-Klimaprogramms (Unep), Klaus Töpfer, sagte: „Unser Lebensstil ist kein Exportartikel für die Welt ist.“

Der Bericht bestätige, dass der Klimawandel eine Tatsache sei, sagte Merkel der „Süddeutschen Zeitung“. Beim G-8-Gipfel im Juni im Ostseebad Heiligendamm sei ihr Ziel, „möglichst alle Staaten in die Verantwortung für den Klimaschutz einzubinden.“ EU-Umweltkommissar Stavros Dimas forderte: „Wir müssen rasch handeln, wenn wir das Schlimmste verhindern wollen.“

Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte dem Tagesspiegel: „Wir werden unsere Anstrengungen erhöhen müssen, Finanzmittel für die Anpassung in Entwicklungsländern aufzubringen.“ Es werde kein neues Abkommen geben, wenn Klimaschutz und Entwicklungspolitik nicht „Hand in Hand“ gingen. Deshalb hat Gabriel vorgeschlagen, die Kohlendioxid-Zertifikate im europäischen Emissionshandel von 2013 an einheitlich mindestens zur Hälfte über eine Auktion abzugeben. Alleine aus Deutschland kämen so 2,5 Milliarden Euro zusammen. Diese Mittel sollten für die Anpassung und den Technologietransfer für erneuerbare Energie verwendet werden. In Regierung und Bundestag wird zudem darüber diskutiert, schon 2008 einen Teil der Zertifikate zu versteigern. Auch der Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer, fordert, den „Kohlenstoff-Markt für den Klimaschutz arbeiten zu lassen“ und auf die dabei getätigten Transaktionen „Steuern zu erheben, um Mittel für die Anpassung einzunehmen“. Gabriel sagte zur dramatischen Nachtsitzung des IPCC: „Ich finde es gut, dass der Versuch von wissenschaftlichem Vandalismus abgewehrt wurde.“ Er fände es noch besser, wenn die vom Wirtschaftsministerium finanzierte Bundesanstalt für Geowissenschaften dies künftig auch einstellen würde. „Da wird aus der Tiefe des Gemüts Propaganda gegen den Klimaschutz gemacht – auf Kosten des Steuerzahlers“, sagte er. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften kommentiert für die Regierung die IPCC- Berichte und bezweifelt, dass Menschen den Klimawandel verursacht haben, allerdings arbeitet dort kein einziger Klimaforscher.

Der Chef des Umweltbundesamts (UBA) Andreas Troge sieht im IPCC- Bericht „einen starken Impuls für ein Kyoto-Folgeabkommen“. Im Gegensatz zur Vergangenheit, in der Völkerwanderungen eine Möglichkeit gewesen seien, sich an dramatische Veränderungen anzupassen, falle dies nun aus. „Erstens sind wir mehr Menschen, und außerdem müssten wir zu viel aufgeben. Das gilt zunehmend in Schwellenländern wie China“, sagte Troge. Der UBA-Chef verlangte eine „völlige Neuausrichtung der Entwicklungshilfe“. Es müsse gelingen, zu beweisen, dass Klimaschutz und Wohlstand sich nicht ausschlössen.

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