Politik : UN-Schutztruppe: Begrenzter Einfluss

Elke Windisch

Die Befehlsgewalt der neuen afghanischen Interimsregierung, die am Samstag offiziell die Macht übernehmen soll, endet momentan 15 Kilometer südöstlich von Kabul. Dort, auf der Straße nach Jalalabad, steht der letzte Posten der Nordallianz. Danach beginnt das Teilreich zweier Paschtunenführer, die sich per Sprechfunk als Repräsentanten einer "Ostallianz" vorstellten. Was es damit auf sich hat und über wie viele Gewehrläufe die Gruppierung verfügt, konnte der tadschikische Posten nicht sagen. Die Paschtunen-Kommandeure hätten ihm bisher weder ihre Namen noch ihre Stammeszugehörigkeit mitgeteilt.

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Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Realitäten, auf die sich auch die internationale Schutztruppe einstellen muss, die die Einhaltung der Anfang Dezember auf dem Petersberg getroffenen Abmachungen gewährleisten soll. Nur ein Teil der Schutztruppe sollte bewaffnet sein, forderte Paschtunen-Premier Hamid Karsai, der sich dabei wahrscheinlich dem Druck der um ihre Macht besorgten Nordallianz beugen musste. Sie besetzt in der Interimsregierung die Schlüsselressorts und hatte sich schon bei Kriegsbeginn gegen eine ausländische Militärpräsenz ausgesprochen.

Ein begrenztes Kontingent aber, zumal nur mit einem Mandat für sechs Monate ausgestattet, kann bestenfalls in Kabul und dessen Umland für Ordnung sorgen, nicht aber auf dem flachen Land. Dort herrscht ein Machtvakuum, das nicht nur rivalisierende Kriegsherren nutzen, sondern auch die Anführer gewöhnlicher Verbrecherbanden, die Wegzölle kassieren und im Weigerungsfall morden.

Die neue Macht ist sich der eigenen Schwäche offenbar durchaus bewusst. Der am Donnerstag vom Sicherheitskomitee des Verteidigungsministeriums erlassene Demilitarisierungsbefehl erstreckt sich ausdrücklich nur auf Kabul. Ab sofort sind Polizisten die einzigen, die sich bewaffnet auf der Straße zeigen dürfen. Allen anderen wurde die Rückkehr in die Kasernen verordnet. Der Befehl, so ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, wende sich vor allem an die Kämpfer der Nordallianz. Eine Anordnung, die sich momentan gar nicht durchsetzen lässt, denn der Winter macht den Abzug der Truppen in die Heimat unmöglich.

Dass die Friedenstruppe unter britischem Kommando steht, halten die meisten Afghanen für keine gute Idee. Die Soldaten Ihrer Majestät haben die USA bei den Angriffen unterstützt, und ihre Vorväter machten sich im 19. Jahrhundert als Kolonialoffiziere unbeliebt. Wenn schon Ausländer, würden viele die Deutschen vorziehen. Nach massiver Präsenz ausländischer Friedensschützer rufen bisher nur die Basaris von Kabul. Sie haben nicht nur mit den Taliban, sondern inzwischen auch mit Plünderern der Nordallianz schlechte Erfahrungen gemacht. Daher fordern sie von Karsai, mit Hilfe einer multi-ethnischen Polizei schnell Ordnung zu schaffen. Das aber dürfte dauern, weil die Warlords dazu auf Teile ihrer Milizen verzichten müssten, für die sie bei der nächsten Runde im afghanischen Machtpoker ganz andere Einsatzpläne haben.

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