• UN-Schutztruppe: Christa Nickels im Interview: "Der Friedensprozess gibt den Afghanen ihre Würde zurück"

Politik : UN-Schutztruppe: Christa Nickels im Interview: "Der Friedensprozess gibt den Afghanen ihre Würde zurück"

Afghanistan bekommt nun eine neue Regierung. Sehen

Afghanistan bekommt nun eine neue Regierung. Sehen Sie das Land auf einem guten Weg?

Die Riesensorge, die wir vor dem 11. September hatten, ist weg. Zuletzt wusste niemand mehr, wie mit dem menschenverachtenden Taliban-Regime umzugehen ist. Für mich war von Anfang an klar, dass humanitäre Basisversorgung nur möglich ist, wenn das Taliban-Regime abgelöst wird. Jetzt ist die große Ratlosigkeit einer Aufbruchstimmung gewichen.

Ganz ohne Risiken?

Selbstverständlich kann der Prozess, der bei der Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn vereinbart worden ist, scheitern. Dem afghanischen Volk wird ungeheuer viel zugemutet. Aber der Friedensprozess gibt ihm auch seine Würde zurück - gerade weil er auf die Kraft und den Willen der Afghanen selbst setzt, ohne sie allein zu lassen. Wir haben nicht zu träumen gewagt, dass diese Einigung so schnell gelingt. Afghanistan kann jetzt zum Motor für die Entwicklung der ganzen Region werden.

Was muss die internationale Staatengemeinschaft tun?

Die internationale Schutztruppe kann verhindern, dass Warlords gleich wieder die Macht an sich reißen. Wenn Länder keine stabile Regierung haben, fehlt auch ein Ansprecherpartner für Menschenrechte, für humanitäre Hilfe. Die Gefahr, dass solche Länder Brutstätten von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen werden und schlussendlich den Weltfrieden gefährden, liegt auf der Hand. Wichtig wird sein, dass die internationale Solidarität - genauso intensiv wie bei der Zerschlagung des Al-Qaida-Netzwerkes - weiter geübt wird.

Kann eine so unterschiedlich zusammengesetzte Regierung überhaupt stabil sein?

Alle Beteiligten wollen, dass der wirtschaftliche Aufbau, dass Handel und Wandel in Gang kommen. Und allen ist klar, dass dies ohne internationale Hilfe nicht möglich sein wird. Die Staatengemeinschaft aber knüpft ihren Beitrag an einen demokratischen Übergangsprozess von zwei Jahren. Ich halte das für eine sehr gute politische Rahmenkonzeption. Eine weitere Bedingung muss die Achtung der Rechte von Frauen sein. Das Muster ist immer gleich: Angriffe auf die Menschenwürde von Frauen werden als kulturelle oder religiöse Bräuche gerechtfertigt und deshalb von den Regierungen erlaubt oder zumindest geduldet. Opfer werden mundtot gemacht, Täter straflos gestellt. Eine solche Unkultur muss beendet werden. Es ist wichtig, dass die Frauen und Mädchen Afghanistans aktiv und gleichberechtigt am Wiederaufbauprozess beteiligt werden. Berufsfreiheit, Bildungsfreiheit, Bewegungsfreiheit gehören unabdingbar dazu.

Afghanistan wird ein islamisches Land bleiben. Kann es eine Gleichberechtigung der Frauen überhaupt geben?

Afghanistan kann auch als islamisches Land beweisen, dass Islam nicht gleichbedeutend mit Fundamentalismus ist. Wenn das gelingt, könnte das zur Rehabilitierung des Islam beitragen.

Auch die Nordallianz hat regelmäßig Menschenrechte verletzt.

Alle, die in den vergangenen 20 Jahren das Sagen hatten in Afghanistan, waren in Gewaltstrukturen involviert. Aber deshalb dürfen nicht alle in einen Topf geworfen werden. Wiederaufbauhilfe darf künftig nur geleistet werden, wenn die Menschenrechte eingehalten werden. Wer in Afghanistan da nicht mitgehen will, muss auf Dauer einflusslos bleiben. Die internationale Staatengemeinschaft muss hier sehr konsequent sein. Menschenrechte sind doch kein Luxusartikel für reiche Länder.

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