UN-Strafgerichtshof : Karadzic bleibt Völkermordprozess fern

Serbenführer Karadzic muss sich für den Massenmord verantworten. Zum Auftakt des Prozesses in Den Haag blieb er fern, nach zehn Minuten wurde das Verfahren vertagt.

Vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal hat der Völkermord-Prozess gegen den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karad?i? begonnen. Wie angekündigt boykottierte Karad?i? den Auftakt des Strafverfahrens – er verlangt für sich eine längere Vorbereitungszeit.

"Ich stelle fest, dass Herr Karad?i? nicht anwesend ist", sagte der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon. Der Angeklagte habe sich trotz einer dringenden Aufforderung des Gerichtshofes entschieden, nicht an der Eröffnungssitzung teilzunehmen. Das Verfahren werde dennoch weitergeführt, über Karad?i?s Vertretung sei später zu entscheiden.

Die Verlesung der Anklageschrift wurde aber, wie die Fortführung des gesamten Prozesses, auf Dienstag vertagt. Der Richter appellierte an den 64-Jährigen, seinen Boykott aufzugeben und an der Sitzung am Dienstag teilzunehmen.
 

Das Problem an Karad?i?s Boykott: Der Prozess kann zwar ohne Angeklagten, aber nicht ohne Anwalt beginnen. Karad?i? hatte jedoch angekündigt, sich während des gesamten Prozesses selbst zu verteidigen.

Nun beantragte die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff, dass Karad?i? das Recht entzogen wird, sich selbst zu verteidigen. Das Gericht müsse stattdessen einen Pflichtverteidiger für ihn bestellen. Karad?i? versuche mit einer Blockadehaltung, den Prozess gegen ihn massiv zu behindern. Dies dürfe das Gericht nicht weiter hinnehmen.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Karad?i? ist wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 angeklagt. Darunter ist auch das Massaker von Srebrenica, bei dem 1995 etwa 8000 muslimische Männer und Jungen getötet wurden.
 

Mehr als eine Million Seiten umfasst das Beweismaterial, das Chefankläger Serge Brammertz zusammengetragen hat, die Anklageschrift ist 40 Seiten lang. Der Prozess wird voraussichtlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Allein die Beweisaufnahme könnte bereits ein Jahr dauern.

Karad?i? bestreitet alle Anklagevorwürfe. Nach elfjähriger Flucht war er 2008 verhaftet worden. Während dieser Zeit lebte er als Heilpraktiker unter falschem Namen in der serbischen Hauptstadt Belgrad.

 

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, Reuters

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