Politik : UN-Tribunal: "Besser im Grab als im Kerker"

Stephan Israel

Kroatiens "Vater der Nation" müsste sich derzeit eigentlich im Grabe umdrehen. "Besser im Grab als im Kerker", titelt die renommiert bissige Satirezeitschrift "Feral Tribune" über einer Fotomontage eines frohlockenden Franjo Tudjman neben einem Slobodan Milosevic in Handschellen. Auch Zarko Puhovski, der Politologe und Vorsitzende des Zagreber Helsinki-Komitees, zweifelt nicht, dass ein lebender Franjo Tudjman heute das Schicksal seines autoritären Amtskollegen aus Belgrad teilen müsste. Der kroatische Präsident ist im Dezember 1999 gestorben, und deshalb sehen sich nun sein pensionierter Armeegeneral Ante Gotovina und der noch aktive General Rahim Ademi im Visier des Haager UN-Gerichts. Anklagen gegen weitere ehemalige Offiziere der Tudjman-Ära könnten laut Zarko Puhovski in den kommenden Monaten folgen.

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Porträt: Richard May, der Milosevic-Richter
Hintergrund: Kriegsverbrechertribunal
Link: Die Anklageschrift des UN-Tribunals (englisch) Das Kriegsverbrecher-Tribunal kann sich dabei auf die detaillierte Vorarbeit der Zagreber Menschenrechtsaktivisten stützen. Ante Gotovina zum Beispiel hatte während der Rückeroberung der serbisch kontrollierten Gebiete im August 1995 die Befehlsgewalt über den so genannten Sektor Süd. Das Helsinki-Komitee listet in einem Bericht die Namen von 410 Serben auf, die während der 78-stündigen Operation "Sturm" und in den hundert Tagen danach den kroatischen Regierungstruppen beziehungsweise Paramilitärs zum Opfer fielen. Weitere hundert serbische Zivilisten gelten seither als vermisst. Kroatiens Legitimation, die abtrünnigen Gebiete zurückzuerobern, wird zwar nicht in Frage gestellt. Der Bericht der Menschenrechtsorganisation unterstellt der Tudjman-Regierung jedoch, bei der Rückeroberung der abtrünnigen Gebiete auch die "Endlösung der serbischen Frage" im Auge gehabt zu haben: Mehr als 200 000 kroatische Serben flüchteten vor dem Vormarsch der Regierungstruppen Richtung Mutterland.

"Nehmt Eure schmutzige Wäsche mit", rief damals ein triumphierender Franjo Tudjman den Serben hinterher. Aus der Sicht der Zagreber Menschenrechtsaktivisten ist es höchstens politisch relevant, ob der "Bevölkerungsaustausch" damals wie vermutet zwischen den beiden Autokraten Tudjman und Milosevic abgesprochen war. Im Hinterland der Adriaküste seien 1995 nicht nur viele Zivilisten und serbische Bewaffnete getötet worden. Während und in den Monaten nach der Rückeroberung wurde serbischer Besitz systematisch zerstört. Die leer stehenden Häuser wurden angezündet oder gesprengt, Kühe getötet und Autos gestohlen. Industrieanlagen, Schulen, Bibliotheken wurden vernichtet. Durch bürokratische Schikanen ist die Rückkehr der vertriebenen Serben behindert worden.

Rahim Ademi, einer der beiden angeklagten Generäle, will sich dem UN-Tribunal stellen. Ante Gotovina, der zweite Angeklagte, ist jedoch abgetaucht: Er habe damals keinen privaten, sondern einen kroatischen Krieg geführt, sagte er der Tageszeitung "Jutarnji List": "Wenn ich mich fürchten muss, müssen auch Sie sich fürchten", so der pensionierte Offizier aus seinem Versteck. Ähnlich wie in Serbien sträubt sich jedoch auch in Kroatien nur eine Minderheit gegen die Vergangenheitsbewältigung. Laut einer Umfrage befürworten 50 Prozent der Bevölkerung die Kooperation mit dem Haager Tribunal, während 31 Prozent sich gegen die Auslieferung der Generäle aussprechen. Premierminister Racan könne zwar nach dem Rücktritt von vier Ministern und dem Verlust eines Koalitionspartners weiter auf eine Mehrheit im Parlament hoffen, glaubt der Menschenrechtsaktivist und Politologe Puhovski: "Die Frage ist, ob wir zwei Wochen Straßenblockaden überleben können". Kriegsveteranen wollen in den kommenden Tagen den Reiseverkehr an die Adriaküste lahmlegen.

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