Politik : UN-Tribunal verurteilt fünf bosnische Kroaten zu hohen Haftstrafen

Thomas Roser

Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat am Freitag fünf bosnische Kroaten wegen ihrer Teilnahme an dem Massaker von Ahmici zu Gefängnisstrafen zwischen sechs und 25 Jahren verurteilt. Einer der Angeklagten wurde freigesprochen.

Im Mittelpunkt des bisher größten Prozesses vor dem UN-Tribunal, der im August 1998 eröffnet wurde, stand das Massaker der bosnisch-kroatischen Armee (HVO) an der moslemischen Zivilbevölkerung des zentralbosnischen Dorfes Ahmici. Am 16. April 1993 hatte die HVO die überwiegend moslemische Siedlung in der Nähe von Vitez angegriffen. Alle von Moslems bewohnten Häuser wurden zerstört, ihre Bewohner erschossen oder vertrieben. Insgesamt 116 tote moslemische Zivilisten waren zu beklagen.

Das Verfahren habe gezeigt, das es sich bei dem Angriff keineswegs um eine normale Militäroperation gehandelt habe, erklärte der italienische Richter Antonio Cassese in seiner Urteilsbegründung. "Der Angriff war ein bewusst geplanter und organisierter Mord an Zivilisten einer anderen ethnischen Gruppierung", führte er aus.

Die Geschehnisse in Ahmici gehörten zu den grausamsten Verbrechen, die Menschen an Menschen begangen hätten: "Der Name des Dorfes muss zu der langen Liste von Orten hinzugefügt werden, die uns mit Schrecken und Scham erfüllen: Dachau, Oradour sur Glane, Katyn, Soweto, My Lai, Sabra und Shatila."

Nach Druck "freiwillig" gestellt

Wegen mehrfachen Mords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilte das Gericht Vladimir Santic, den früheren Kommandeur der paramilitärischen Einheit "Jokers", zu 25 Jahren Haft. Die HVO-Soldaten Mirjan Kupreskic, Zoran Kupreskic und Drago Josipovic wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu Haftstrafen von acht, zehn und 15 Jahren verurteilt. Der frühere Polizist Vlatko Kupreskic erhielt eine Gefängnisstrafe von sechs Jahren. Dragan Papic sprach das Gericht hingegen frei.

Fünf der Angeklagten hatten sich aufgrund starken amerikanischen Drucks auf Zagreb im Oktober 1997 "freiwillig" dem Tribunal gestellt. Vlatko Kupreskic war zwei Monate später von SFOR-Truppen verhaftet und später an das Den Haager Tribunal überstellt worden. Cassese betonte, dass sich das Gericht der Vereinten Nationen darüber bewusst sei, dass in dem Verfahren - mit Ausnahme von Santic - keineswegs die Hauptverantwortlichen des Massakers zur Rechenschaft gezogen worden seien. Ähnliche Überfälle wie in Ahmici beging die HVO im Frühjahr 1993 auch auf andere Dörfer von Moslems im Lasva-Flusstal-Gebiet.

Für die "ethnische Säuberung" der Region müssen sich derzeit auch drei frühere Vorgesetzte der nun Verurteilten vor dem Tribunal verantworten. Bereits seit Juni 1997 läuft der Prozess gegen den früheren HVO-General Tihomir Blaskic. Im April 1999 begann das Verfahren gegen den früheren HVO-Kommandeur Mario Cerkez und den ehemaligen Vizepräsident der selbsternannten kroatischen Republik, Dario Kordic. Allen drei wirft die Anklage vor, verantwortlich für die von der HVO begangenen Verbrechen zu sein.

Mittlerweile befinden sich insgesamt 37 von 68 offiziell angeklagten mutmaßlichen Kriegsverbrechern aus dem ehemaligen Jugoslawien in den Händen der Justiz.

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