Politik : UN-Tribunal: Völkermord nach Plan

Stephan Israel

Die Verteidigungsstrategie von Radislav Krstic ist nicht aufgegangen. Der 53-jährige Ex-Offizier hatte im mehr als zweijährigen Verfahren vor den Richtern des UN-Tribunals in Den Haag versucht, alle Schuld auf seinen Vorgesetzten Ratko Mladic abzuschieben. Ja, in Srebrenica seien "schwere Verbrechen" begangen worden, räumte Krstic von Anfang an ein. Doch er wollte zur Tatzeit fern von Srebrenica gewesen sein. Das UN-Gericht hat nun aber sein erstes Urteil zum schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gesprochen.

Es geht um die juristische Aufarbeitung der Massaker an 8000 muslimischen Zivilisten aus der Enklave in Ostbosnien, die damals formal unter dem Schutz von UN-Truppen stand. Es waren Männer im Alter zwischen 16 und 60, die von der Serbenarmee zum Teil sofort ermordet oder auf einen Todesmarsch geschickt wurden. Rund 35 000 Frauen, Kinder und Betagte wurden damals in Regionen deportiert, die unter der Kontrolle der Sarajevo-Regierungstruppen standen.

Krstic behauptete während des Verfahrens vor dem UN-Tribunal, kurz vor Einnahme der Enklave von Armeeführer General Mladic abgezogen und mit anderen Aufgaben in der benachbarten Enklave Zepca beauftragt worden zu sein. Mladic habe darauf persönlich das Kommando übernommen. Mladic, der ehemalige Armeechef der Republika Srpska, steht ebenso wie der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic wegen der Massaker während des Krieges in Bosnien-Herzegowina noch auf der Fahndungsliste des Haager Tribunals. Bis zur Verhaftung der beiden prominentesten Angeklagten muss Krstic für die Verbrechen alleine gerade stehen.

Die Anklage konnte anhand von Filmaufnahmen und Aufzeichnungen von Telefongesprächen nachweisen, dass Krstic beim planmäßigen Morden involviert und sehr wohl vor Ort war. "Tötet alle, lasst keinen einzigen am Leben", befahl er damals einem untergeordneten Major. Der bestätigte laut Aufzeichnung, dass "alles nach Plan geht". Videobilder zeigten Krstic schließlich beim triumphalen Einzug in die Enklave an der Seite seines Vorgesetzten, General Ratko Mladic.

Die Anklage beschrieb Krstic als einen "Karrieresoldaten" und als einen erfahrenen, an der jugoslawischen Militärakademie ausgebildeten Offizier, der über die Verantwortung und Pflichten des internationalen Kriegsrechts im Bild gewesen sein müsse. Die Soldaten unter Krstic seien beteiligt gewesen, als Frauen und Kinder von ihren Männern mit Gewalt getrennt und in Busse verladen worden seien. Die Anklage warf dem bosnisch-serbischen Ex-General nicht nur Verbrechen gegen die Menschenlichkeit und Verletzung des internationalen Kriegsrechts, sondern nun zum ersten Mal auch Völkermord vor. Krstic habe mit den Männern seines berüchtigten Drina Korps mitgewirkt, die bosnischen Muslime von Srebrencia "teilweise oder ganz als nationale, ethnische oder religiöse Gruppe" zu zerstören. Die Verteidiger des Generals beschrieben die Morde als "Rache" dafür, dass sich die Muslime den Truppen der Republika Srpska nicht stellen wollten.

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