Politik : UN warnen vor Aids-Epidemie im Osten

Weltgesundheitsorganisation befürchtet eine Katastrophe / Ukraine hat die höchsten Zuwachsraten

Jens Mühling

Berlin - Gesundheitsorganisationen warnen vor einer rapide zunehmenden Ausbreitung von HIV-Infektionen in Osteuropa – und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zur Europäischen Union. „Die Aids-Gefahr vor unserer Haustür wächst“, sagte Dietrich Garlichs, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, anlässlich des heutigen Welt-Aids-Tags in Köln. „Osteuropa steht an der Schwelle einer Aids-Epidemie katastrophalen Ausmaßes.“ Auch Jeff Lazarus, ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation WHO, bestätigte dem Tagesspiegel: „Die Entwicklung in Russland und der Ukraine ist in der Tat katastrophal.“

Anlass zur Sorge gibt besonders der Zuwachs bei den Neuinfektionen: Allein in diesem Jahr haben sich in Osteuropa und Zentralasien 270 000 Menschen mit HIV infiziert – was einem Zuwachs von 70 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 2004 entspricht. Innerhalb der Region stellen Russland und die Ukraine rund 90 Prozent aller HIV-Infizierten, und insbesondere die Entwicklung im EU-Nachbarland Ukraine muss nach den Worten von Unicef-Sprecher Sebastian Sedlmayr als „in hohem Maße besorgniserregend“ angesehen werden: Nicht nur liegt hier der Anteil HIV-infizierter Menschen mit 1,5 Prozent der ukrainischen Gesamtbevölkerung europaweit am höchsten – bei den Neuinfektionen hat die Ukraine gar die größte Zuwachsrate weltweit. Zudem greift das Virus immer stärker von Risikogruppen auf die allgemeine Bevölkerung über: Hatten sich 2003 noch 14 Prozent aller Neuinfizierten durch heterosexuellen Kontakt angesteckt, so waren es im ersten Halbjahr dieses Jahres bereits 35 Prozent. „Damit wächst die Gefahr einer Ausbreitung der Krankheit vor allem unter jungen Frauen und ihren Kindern“, warnt Unicef-Sprecher Sedlmayr.

Als Gründe für die intensive Ausbreitung des Virus nennt Sedlmayr vor allem die späte Erkennung des Problems durch die lokalen Behörden. „Viel zu lange wurden keine Maßnahmen ergriffen, viel zu lange wurden Risikogruppen nicht angesprochen.“ Vor allem unter ukrainischen Straßenkindern sei die Ausbreitung des Virus verheerend – und das Wissen um die Ansteckungsgefahr durch verseuchtes Drogenbesteck und ungeschützten Verkehr gering. Zudem hätten HIV-Infizierte in Osteuropa mit starker gesellschaftlicher Stigmatisierung zu kämpfen: Ein HIV-infiziertes Kind könne beispielsweise keinen normalen Kindergarten besuchen, weshalb Mütter die Krankheit oft zu vertuschen versuchten. Schon der Erwerb HIV-hemmender Medikamente könne in Osteuropa zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führen, weshalb viele Patienten auf die Einnahme verzichteten. Auch Armut sei ein großes Problem, sagt Sedlmayr: „Viele stehen vor der Wahl, sich entweder die Busfahrt ins Krankenhaus zu leisten oder etwas zu essen.“

Als zusätzliche Hürde konstatiert WHO-Sprecher Jeff Lazarus einen Mangel an adäquater medizinischer Versorgung: „Das größte Problem ist, dass diejenigen, die dringend Behandlung brauchen, sie oft nicht bekommen.“ Gerade die Ukraine habe in dieser Hinsicht jedoch in der jüngeren Vergangenheit „enorme Fortschritte“ gemacht, sagt Lazarus. So wurde in der Haushaltsplanung für das kommende Jahr der Posten für HIV-Prävention um umgerechnet rund 16 Millionen Euro erhöht. Auch Sedlmayr bescheinigt der Ukraine Fortschritte: Gemeinsam mit den örtlichen Behörden arbeite Unicef verstärkt an einer breiteren Aufklärung der Bevölkerung über Ansteckungsrisiken und -wege. Wichtig sei dabei insbesondere, gezielt mit Risikogruppen zu arbeiten und schwangere Frauen zum Aids-Test zu bewegen. Denn bei frühzeitiger Erkennung kann die Ansteckungsgefahr ungeborener Kinder durch medikamentöse Behandlung eingedämmt werden.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben