Politik : UN-Weltbevölkerungsbericht: Jede dritte Frau wird misshandelt

Martin Gehlen

80 Millionen Frauen werden jedes Jahr ungewollt schwanger, 20 Millionen treiben ihr Kind unter lebensbedrohlichen Umständen ab. 500 000 Mütter sterben an Komplikationen. Millionen Vergewaltigungen, die Tötung weiblicher Säuglinge, 5000 so genannte Ehrenmorde und zahllose Mitgift-Verbrechen - in düsteren Farben beschreibt der am Mittwoch veröffentlichte UN-Weltbevölkerungsbericht das weltweite Los der Frauen zum Ende des 20. Jahrhunderts. Diskriminierung von Frauen sei in Kulturen der ganzen Welt unverändert fest verwurzelt, heißt es in dem Text. Jede dritte Frau werde misshandelt. Rollenbilder, die festlegen, wer ein "echter Mann" ist und was "Frauensache" ist, würden von einer Generation zur nächsten weitergegeben und veränderten sich nur langsam.

Nach Angaben der UN dürften Frauen häufig ihre Rechte, wenn sie ihnen überhaupt zugestanden werden, nicht in Anspruch nehmen. "Frauen werden meist medizinisch schlechter versorgt als Männer. Berufliche und öffentliche Tätigkeiten werden ihnen oftmals verwehrt und ihre Leistungen schlecht oder gar nicht entlohnt." Als Kontrast weist der Bericht auf zahlreiche hoch gesteckte Ziele hin, zu denen sich die Regierungen 1999 weltweit verpflichtet haben: Die Analphabetenrate des Jahres 1990 für Frauen und Mädchen soll bis 2005 halbiert werden. Der Zugang zu Mitteln der Familienplanung soll bis 2015 allen ermöglicht werden und bis 2015 sollen 90 Prozent aller Geburten von Fachkräften betreut werden.

Familienministerin Christine Bergmann lobte bei der Vorstellung des Berichtes ausdrücklich, dass dieser erstmals geschlechtsspezifisch aufgebaut sei. Trotzdem gebe es "noch reichlich zu tun, um eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen". So würden 130 Millionen Frauen weltweit an den Folgen von Genitalverstümmelungen leiden. Dies sei nicht nur eine schädliche traditionelle Praxis, sondern eine Menschenrechtsverletzung, sagte die SPD-Politikerin.

Eine besondere Herausforderung stelle die Bereitstellung von Mitteln zur Familienplanung für alle Interessierten dar, heißt es in dem UN-Text weiter. Gegenwärtig sei jede dritte Schwangerschaft ungewollt. Nach Angaben von Hans Fleisch, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), haben etwa 150 Millionen Paare keinen Zugang zu Familienplanung, obwohl sie dies wünschen. Auch die Bundesregierung müsse hier mehr tun. So seien im Haushalt 2000 die Entwicklungshilfe-Mittel für Familienplanung von 40 auf 20 Millionen Mark halbiert worden. Sie sollen allerdings im kommenden Jahr wieder auf 28 Millionen ansteigen - gemessen an den internationalen Verpflichtungen Deutschlands immer noch zu wenig. "In den nächsten zehn Jahren müssen die Finanzmittel der Industrienationen für Kontrazeptiva in Entwicklungsländern verdoppelt werden, damit der wachsende Bedarf gedeckt werden kann", sagte Fleisch. Für die Eindämmung der Aids-Erkrankungen, an der bislang 16,3 Millionen Menschen gestorben sind, sei sogar eine Verdreifachung der globalen Kondomversorgung erforderlich.

Doch werden in dem UN-Bericht auch einige Fortschritte beschrieben. In Nicaragua beispielsweise hätten Kurse über die Geschlechterrollen und Macht die Gewalt gegen Frauen eingedämmt. Mexiko und Peru verabschiedeten Gesetze, um den Zugang zu Mitteln der Familienplanung zu erleichtern. Botswana, China, Kolumbien, Großbritannien und Vietnam haben die Strafen für sexuelle Verbrechen verschärft. In Bolivien muss eine Frau nicht mehr als "ehrlich" gelten, um als Opfer einer sexuellen Straftat anerkannt zu werden. Deutschland schließlich hat die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt.

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