Politik : Unabhängig und doch befangen - warum die Ärzte oft an ihre Grenzen stoßen

Eric Bonse

"Heute wäre ein Völkermord wie in Auschwitz, Kambodscha oder Ruanda kaum noch möglich." Mit diesen Worten der Erleichterung kommentierte Bernard Kouchner, Mitgründer der "Medecins sans Frontieres" (MSF) und UN-Verwalter im Kosovo, den Friedensnobelpreis. Er sei "stolz" auf die Auszeichnung, die "rechtzeitig vor der Jahrtausendwende" gekommen sei. Ganz andere Töne schlug Philippe Biberson, amtierender MSF-Chef, an. "Ich bin nicht stolz, sondern betrachte den Preis als Herausforderung", so der 44-jährige Franzose. Er hoffe, dass die Auszeichnung nicht dem "staatlichen oder militärischen Humanitarismus" gelte, sondern "einer von politischen Einflüssen völlig unabhängigen Organisation".

Hinter den beiden Statements stehen unterschiedliche Konzeptionen und Generationen. Als Kouchner die MSF im Dezember 1971 gemeinsam mit dem Mediziner Xavier Emmanuelli aus der Taufe hob, waren sie noch vom Mai 1968 und dem Vietnam-Krieg geprägt. Die ersten "French doctors" kamen vom Roten Kreuz und wollten die Öffentlichkeit auf den Horror in Biafra aufmerksam machen. Sie fanden sich nicht damit ab, dass UN-Hilfsorganisationen nur mit Genehmigung der jeweiligen Regierungen agieren durften. Mit befreundeten Journalisten proklamierten sie das Recht auf "humanitäre Einmischung". Aus der engen Zusammenarbeit mit den Medien erwuchs die Stärke der "French doctors", aber auch der erste Krach. 1979 wollte Kouchner eine medienwirksame Aktion zugunsten der "Boat People" in Vietnam starten. Einige Mitstreiter waren dagegen, es kam zum Bruch und Kouchner gründete die "Medecins du Monde". Seither stehen sich nicht nur Medienstars und unbekannte Helden wie rund 20 000 MSF-Freiwillige gegenüber. In den achtziger Jahren spaltete sich die humanitäre Szene in Frankreich in einen staatsnahen und einen unabhängigen Flügel.

Besonders heftig wurde der Streit während des Bosnienkriegs ausgetragen. Pariser Intellektuelle wie Bernard-Henri Levy oder Regis Debray beschuldigten Staatspräsident Mitterrand, sich in Sarajevo nur auf humanitäre Gesten für die bedrängten Bosnier zu beschränken. Die humanitäre Hilfe sei zum Alibi für die Untätigkeit der Politik geworden, klagte auch MDF-Chef Biberson, der 1994 den langjährigen Präsidenten Rony Brauman abgelöst hatte. In bestimmten Situationen, wie etwa beim Völkermord in Ruanda, stießen die Ärzte ohne Grenzen an ihre Grenzen - da könne nur noch ein Militäreinsatz helfen, so die Ärzte damals.

Erstmals beherzigt wurde diese Einsicht im Kosovo. Doch die "French doctors" sind weit davon entfernt, nun das Hohelied vom "humanitären Krieg" zu singen. Im Kosovo wiesen sie jede materielle Unterstützung durch die Nato ab. Auch künftig wollen sie sich von Politik und Militärs fern halten, so Biberson, und allein aus "Empörung über Ungerechtigkeit und Verfolgung" helfen.

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