Politik : Unabhängige Diagnose

-

Unter seinen CDUKollegen gilt Wolfgang Böhmer nicht unbedingt als pflegeleicht. Der Mann, hat neulich ein Kollege aus dem Parteivorstand über den Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts gesagt, könne seinen früheren Beruf als Chefarzt nun mal nicht verleugnen: „Wenn der einmal die Diagnose gestellt hat, wird operiert.“ Das wäre an sich unproblematisch, würden die Diagnosen des Dr. Böhmer nicht bisweilen diametral denen widersprechen, die alle anderen christdemokratischen Chef- und Assistenzärzte dem Patienten Deutschland gerade stellen. Böhmer stört das nicht; so lange er die praktische Vernunft auf seiner Seite sieht, ist ihm die Parteiräson egal. Weil er die praktische Vernunft ziemlich oft auf seiner Seite hat und obendrein völlig unverdächtig ist, jemals mehr werden zu wollen als Ministerpräsident in Magdeburg, nehmen ihm die anderen die Alleingänge nicht ernsthaft krumm. Es soll sogar CDU-Spitzenleute geben, die ihm heimlich die Unabhängigkeit neiden. Jedenfalls rechnen Angela Merkel und Edmund Stoiber, wenn es um Abstimmungsmehrheiten im Bundesrat geht, Böhmer sicherheitshalber als schwer kalkulierbar ein. Für uns Journalisten hingegen ist der Mann, der gerne selber denkt, eben deshalb ganz ungewöhnlich pflegeleicht. Böhmer wägt seine Worte, doch dann steht er auch zu ihnen. An diesem Interview hat er beim Gegenlesen keinen Buchstaben verändert. bib

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben