Unabhängigkeitstag : Die Ukraine feiert sich

Bei einer Militärparade kündigt Präsident Poroschenko ein großes Aufrüstungsprogramm an. Vom Besuch der deutschen Kanzlerin in Kiew sind viele im Land enttäuscht.

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Klare Ansage. Präsident Petro Poroschenko will den Konflikt in Osten seines Landes militärisch lösen und rüstet dafür massiv auf.
Klare Ansage. Präsident Petro Poroschenko will den Konflikt in Osten seines Landes militärisch lösen und rüstet dafür massiv auf.Foto: dpa

Die Ukraine hat den 23. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit mit der größten Militärparade seit 1991 gefeiert. Während im Osten des Landes die Kämpfe mit voller Härte weitergingen, kündigte Präsident Petro Poroschenko in einer emotionalen Rede ein milliardenschweres Aufrüstungsprogramm und die Fortsetzung der sogenannten Anti-Terror-Operation an an.

Etwa 20 000 Ukrainer waren am frühen Sonntagmorgen in die Kiewer Innenstadt gekommen, um sich einen guten Platz am Kretschatik, dem Prachtboulevard in der Stadtmitte, zu sichern. Auf dem Unabhängigkeitsplatz, wo im Winter Hunderttausende für eine engere Anbindung an Europa demonstrierten, waren Fahnen und ein Podest aufgebaut. Poroschenko ließ sich im Mercedes SL 600 seines Vorgängers vorfahren. Der 49-Jährige wirkte gelöst und winkte in die Menge.

Militärische Kampfansage

Seine Ansprache wurde von mehreren ukrainischen TV-Sendern live übertragen und entsprach so gar nicht dem Duktus, den die westlichen Partner, vor allem die deutsche Bundesregierung, von der Regierung in Kiew erwarten, um den Konflikt mit Russland zu beenden. Poroschenkos Botschaft an seine Landsleute lautete, dass die Ukraine die militärische Auseinandersetzung gegen Russland gewinnen will. Am meisten Applaus erhielt er für die Ankündigung, die ukrainischen Streitkräfte bis ins Jahr 2017 mit 40 Milliarden Griwna (umgerechnet 2,20 Milliarden Euro) zu modernisieren.

Symbole am Rande der Parade

Erstmals seit 2008, damals eine Reaktion auf den Georgien-Krieg, hatte sich die politische Führung in Kiew wieder für eine Militärparade entschieden. Anders als vor sechs Jahren wurden dieses Mal jedoch ausschließlich nagelneue Waffen durch die Innenstadt gefahren. Viele Familien waren in den traditionellen Wischiwankas erschienen, den reichbestickten Leinenhemden der Ukraine. Die 17-jährige Lena, die mit ihrer Mutter gekommen war, sagte auf die Frage, was sie von der Militärschau hält: „Ich bin sehr stolz auf die Einheit unseres Landes, im Krieg muss man Stärke zeigen.“ Im Winter hatte sie sich an den Maidan-Protesten beteiligt und ehrenamtlich in einer der vielen Freiwilligen-Küchen mitgearbeitet. „Für mein Land würde ich sogar sterben“, sagte sie.

Kriegstöne überall

Für westliche Ohren sind solche Töne befremdlich, doch in den ukrainischen Medien und in der Öffentlichkeit werden seit Monaten Kriegstöne angeschlagen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die meisten Ukrainer von dem Kiew-Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel mehr erwartet hatten. Auch Poroschenko hatte insgeheim gehofft, dass Merkel doch Militärhilfe zusagen würde. Aber es kam anders. Kiew und Moskau sollen einen Waffenstillstand vereinbaren, damit ernsthafte Friedensgespräche beginnen können.

Wiederaufbau wird teuer

Beim Treffen mit Bürgermeistern aus der Ostukraine kam diese Botschaft nur bei einigen an. Alexander Lukjantschenko, Bürgermeister der seit Wochen schwer umkämpften Stadt Donezk, war von Anfang an gegen den bewaffneten Kampf in seiner Stadt. Mittlerweile hat mehr als die Hälfte der knapp eine Million Bewohner die Industriemetropole verlassen. Als die Kanzlerin am Samstag in Kiew landete, machten im Internet gerade Fotos der zerbombten Donbass Arena die Runde. Das 280 Millionen Euro teure Fußballstadion wurde vor fast genau fünf Jahren, am 30. August 2009 eröffnet. Die von Merkel in Aussicht gestellten 500 Millionen Euro Aufbauhilfe können bei der massiven Zerstörung, die der Krieg in den Regionen Donezk und Lugansk verursacht hat, nur ein Anfang sein.

Neue Waffen für die kämpfende Truppe

Doch davon wollten am Nationalfeiertag nur die wenigsten etwas wissen. Poroschenko war am frühen Nachmittag in seiner Heimatstadt Odessa angekommen. Dort betonte das Staatsoberhaupt, wie wichtig es sei, die Anti-Terror-Operation „zu einem siegreichen Ende zu führen“. Die Ukraine sei ein junges Land, das angegriffen worden sei. Nie wieder dürfe es so enden wie 1917 oder 1920, als die Ukraine ihre Unabhängigkeit verloren hatte. Damals sei das Land nicht in der Lage gewesen sich zu verteidigen, das sei heute anders: „Wir wissen die gesamte westliche Welt an unser Seite“, sagte Poroschenko. Verteidigungsminister Valerie Geletei gab bekannt, dass die auf den Paraden gezeigte Militärausrüstung sofort an die kämpfenden Truppen in die Ostukraine gingen. „Alles Gerät, was wir auf dem Khretschatik gesehen haben, wird umgehend in den Donbass geschickt, um dort für Frieden zu sorgen“, zitierte ihn die ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform.

Rebellen verbieten Feiern

Während in Kiew und vielen anderen ukrainischen Städten der Nationalfeiertag mit Konzerten und Stadtfesten gefeiert wurde, starben im Osten wieder zahlreiche Menschen. Die prorussischen Rebellen hatten Feiern zum Unabhängigkeitstag verboten. Auf dem zentralen Leninplatz in Donezk ließen die Rebellen Kinder auf blau-gelben Fahnen herumtrampeln, präsentierten Kriegsgefangene und zerschossene Militärfahrzeuge der ukrainischen Streitkräfte.

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