Politik : Unbeirrt unterwegs in Europa Merkel erklärt sich

vor Studenten.

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Berlin - Der Abend hatte auch seinen politischen Nachrichtenwert: eine Garantieerklärung für Griechenland. „Ich werde mich nicht daran beteiligen“, sagte die Bundeskanzlerin, das Land „aus der EU hinauszudrängen.“ Aber eigentlich ist er eine Stunde der europäischen politischen Pädagogik. Die BELA-Foundation, auf deren Einladung die Kanzlerin spricht – Abkürzung für „Broader European Leadership Agenda“ –, soll eine Plattform für junge europäische Führungskräfte sein. Also führte Barbara Monheim, die engagierte Deutsch-Polin, die die Stiftung vor gut drei Jahren gegründet hat, Angela Merkel mit 180 Studenten aus so gut wie allen europäischen Staaten zusammen. Es mag zu der rundum ehrenamtlichen, von privatem Einsatz getragenen Stiftung passen, dass die Veranstaltung sozusagen in einem Treppenhaus stattfindet. Allerdings ist es die grandiose Eingangshalle des Neuen Museums. Eine Komposition aus Klassizismus, Kriegswunden und neuem Berlin. Ein „ziemlich genial gewählter Ort“, findet die Bundeskanzlerin.

Ihre Botschaft ist nicht neu, aber klar konturiert. Nicht die Finanzkrise von 2008 ist das eigentliche Problem Europas, sondern seine strukturellen Versäumnisse – und die Krise ist eigentlich ein „Weckruf“. Dass auf den Tag genau vor zwei Jahrzehnten der Vertrag von Maastricht unterzeichnet und damit der Euro geboren wurde, veranlasst sie, ihre Zuhörer auf den eisernen Bestand an europäischen Kernsätzen einzuschwören: „Große Fragen sind nur noch gemeinsam zu lösen“, die Europäer „sind zu ihrem Glück vereint“, europäische Solidarität und nationale Eigenverantwortung gehören zusammen.

Nichts Dramatischeres? Aber es beeindruckt, wie Angela Merkel das gedrängt sitzende Auditorium für sich einnimmt. Die Studenten, die die Stufen belagern, dazu ein halbes Hundert von Politikern und Botschaftern – sie hören eine Rednerin, die schnörkellos spricht, bestimmt in ihrem nüchternen norddeutschen Tonfall, unaufgeregt in Argumentation und Intonation, doch drängend und intensiv. Angela Merkel ist, wie sie da vor den Säulen des Stüler-Baus steht, ein erstaunliches Beispiel von politischer Vernünftigkeit, von ganz unglamouröser Unbeirrbarkeit und Überzeugungskraft.

Die jungen Leute, moderiert von Quentin Peel, Berlin-Korrespondent der „Financial Times“, die mit von der Partie ist, stellen brav ihre Fragen: Was ist die Fiskalunion wirklich? Wo bleibt in Europa das Soziale? Die Kanzlerin antwortet locker, differenziert, wehrt auch ab: Nein, die Fiskalunion ist keine Transferunion, Deutschland ist gar nicht so vorbildlich, wie alle meinen – zum Beispiel dauern Baugenehmigungen länger als anderswo –, nur die Frage einer jungen Griechin, die die verzweifelte Lage ihrer Generation erwähnt, bringt sie etwas aus dem Tritt. Bis zu einem Schillerwort aus der „Ode an die Freude“ – „Fester Mut in schweren Zeiten“ – hat sie sich in ihrer Rede gewagt. Aber, so fügt sie hinzu, es gab in Europa schon schwerere. Und hält fest an ihren einfachen Wahrheiten: Mehr, nicht weniger Europa, Vertrauen ist wichtig, jeder muss seinen Beitrag leisten. Ist es das, was ihre Stärke ausmacht? Hermann Rudolph

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