Politik : Unbequem, gebrochen, überfordert

Sebastian Bickerich

Berlin - Stummpolizei. Immer wieder taucht dieser Begriff in der Stasi-Verpflichtungserklärung des Polizisten Karl- Heinz Kurras auf. Gemeint ist die vom Juristen und Sozialdemokraten Johannes Stumm in den Westsektoren Berlins aufgebaute Polizei. Wie in vielen anderen Institutionen wurde auch für Polizisten die Frage der Zugehörigkeit zu Ost oder West vor dem Mauerbau zur Gewissensfrage – Kurras hatte die Antwort schnell gefunden. Bei der Volkspolizei am Alex statt in der Friesenstraße wollte er Dienst tun. Es kam anders; offenbar von der Stasi umgepolt, machte er Karriere im Westen.

„Stupo“, wie die von Stumm aufgebaute West-Polizei von der DDR-Propaganda denunziert wurde, konnte man die West-Polizei in den späten 60er Jahren nicht mehr nennen. In dieser Zeit war Erich Duensing Polizeichef, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier. Duensings Gewalttaktiken trugen zur Eskalation der Studentenunruhen bei; viele nannten den angeblichen Antikommunisten Kurras damals in einem Atemzug mit Duensing.

„Heute zeigt sich, dass man da genau hinsehen muss“, sagt Klaus Hübner, Duensings Nachfolger als Polizeipräsident. Hübner, der die Polizei modernisierte und für Deeskalation statt Knüppeleinsatz sorgte, erinnert sich an Kurras als „unbequemen Mitarbeiter“. Nach seinem zweiten Freispruch arbeitete Kurras seit 1971 im Innendienst an der Fahndungskartei, seine Dienstwaffe kam unter Verschluss. „Er war ein gebrochener Mensch, mit der Situation überfordert“ und „unbeliebt“, erinnert sich Hübner. Erst jetzt werde ihm klar, was da „in Kurras brodelte“, sagt er – und erinnert an ein Ereignis im Sommer 1971. Damals war Kurras betrunken in einem Park aufgegriffen worden, in seiner Aktentasche fanden Kollegen ein Messer und die Dienstwaffe, die er nicht tragen durfte. Er habe sich bedroht gefühlt, gab er zu Protokoll. „Bei der Vorgeschichte wundert mich das noch weniger“, sagt Hübner. Sebastian Bickerich

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