"Und erlöse uns von allen Üblen" #14 : Die Reporterin bekommt eine Exklusivgeschichte

Der rechtsnationale Parteichef ist aus der Wohnung einer nichtsahnenden Journalistin erschossen worden. Ihr dämmert die Wahrheit. Ein Fortsetzungsroman, Teil 14.

Michael Jürgs
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Aus der Wohnung der Reporterin Andrea Hofwieser heraus hat ein Attentäter den Parteichef der Nationalen Alternative erschossen. Auf der Flucht sind der Mörder und die Journalistin kurz zusammengetroffen. Er hat sie vor einer Vergewaltigung durch ihren Chef gerettet.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 14 vom 29. Juni.

Andrea Hofwieser liegt in der Badewanne, ihre roten Haare hängen nass ins Gesicht. Kaum war sie in ihrer Wohnung, hat sie sofort Wasser in die Wanne einlaufen lassen und sich fast hysterisch alles vom Leib gerissen. Die Kleidungsstücke sind vom Flur bis zum Bad verstreut. Sie versinkt immer wieder im heißen Wasser, als müsse sie die letzten Spuren von Schwarzkoffs Attacke abwaschen. Schwein, denkt sie, Schwein, zu gerne würde ich dein blödes Gesicht sehen, wenn du aufwachst. Aber du wirst dafür noch einmal büßen, spätestens am Montag, wenn wir über den Vorschuss verhandeln.

Wo ihn der seltsame Jogger wohl hingebracht hat und wo hat der gelernt, mit einem einzigen Schlag hinters Ohr einen so großen Mann wie Schwarzkoff auszuschalten? Sie will ihn unbedingt auch danach fragen, wenn er sich meldet. Ihr Handy hat sie neben sich auf dem Rand der Badewanne gelegt, um das Klingeln nicht zu überhören. Eigentlich eine tolle Geschichte für ihr Buch, wenn es ihr nicht selbst passiert wäre. Wieder versinkt sie im Schaumbad.

Auch sie hört Mu­sik, hat automatisch beim Einsteigen ins Wasser auf den Knopf des kleinen Radios gedrückt, das immer auf einen Hamburger Sender eingestellt ist, der auch Schwarzkoff gehört. Sie taucht gerade aus dem Schaum mal wieder auf und bekommt deshalb nur den letzten Teil des Satzes mit, den ein aufgeregt klingender Sprecher verliest. "... in seinem Büro erschossen worden. Live vom Tatort nun unser Reporter ... "

Sie lauscht bewegungslos auf den Bericht, in dem vom Eintreffen der Hamburger Mordkommission die Rede ist und von der Ringfahndung, und der mit dem Versprechen an die Hörer endet, sich bei neuen Entwicklungen sofort wieder zu melden.

Sie weiß, wo Freypen sein Büro hat. Als die ersten Töne von Adeles Hit "Hello" einsetzen, steigt sie schnell aus dem Wasser, streift sich achtlos einen Bademantel über und geht zum großen Fenster im Wohnraum. Hinterlässt nasse Fußstapfen auf dem Boden. Licht hat sie dabei nicht angemacht.

Das Zimmer Freypens auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist taghell erleuchtet, auch auf dem Balkon sieht sie Gestalten. Als der große Mann da drüben, in dem sie Georg Krucht zu erkennen glaubt, den sie schon oft interviewt hat, in den Raum zurücktritt, kann sie eine zusammengesunkene Gestalt am Schreibtisch ausmachen. Fast greifbar nahe. Das muss Freypen sein. Sie pfeift leise und greift zum Telefon.

"Ich bin es. Wisst ihr schon mehr?"

"Er ist erschossen worden, direkt zwischen die Augen. Ringfahndung, das übliche. Muss ganz bei dir in der Nähe sein, Willst du zum Tatort und ..."

"Brauch ich nicht. Ich kann direkt in sein Zimmer schauen und euch einen ersten Augenzeugenbericht vom Tatort mailen. Einen, den niemand außer mir hat."

"Ist ja wahnsinnig. Leute, hört mal schnell zu, Ruhe verdammt. Andrea ist dran. Die wohnt genau gegenüber und kann alles sehen. Und ... sag mal, ein Foto mit dem Smartphone, Mensch, das ist doch einfach irre. Stell dir vor: jetzt online ein exklusives Foto und morgen früh Seite eins gedruckt noch eines vom ermordeten Freypen."

Der Schock, den Andrea Hofwieser gerade in der Tiefgarage erlitten hat, ist schlagartig verdrängt. Was für eine Geschichte. Ein klassischer Scoop. Ein Glück, dass sie zuhause ist und nicht unterwegs wie sonst an einem Samstag. Hat doch noch was Gutes, denkt sie, dass der alte Bock so scharf war. Brüllt unvermittelt die Wand an: Du Schwein, das wird dir noch leid tun, beruhigt sich wieder, drückt die Fingernägel so in ihre Haut, bis der Schmerz alles andere auslöscht.

Sie geht zurück zum Fenster und öffnet es vorsichtig. Jetzt kann sie den Hubschrauber hören, der über die Dächer gerade Richtung Hafen davonfliegt. Stimmengewirr von drüben. Sie nimmt ihr Smartphone drückt ab. Fast wie ein Gewehr, denkt sie, fast wie ein ...und lässt einen Moment lang das Handy sinken.  Fast wie ein Gewehr. Von hier aus hätte man Freypen treffen können. Der saß ja wie auf dem Präsentierteller. Hier hätte der Mörder stehen können, hier in ihrer Wohnung.

Der Mörder? Sie erstarrt mitten in der Bewegung, aber es gelingt ihr nicht, den Gedanken festzuhalten, der gerade aus ihrem Unterbewusstsein gestiegen ist. Der Mörder, der Mörder, sagt sie, verdammt, der Mörder ...

Aus dem Telefon dringt eine blecherne Stimme, die immer wieder ihren Namen ruft. Sie nimmt den Hörer auf: "Natürlich bin ich noch da. Warum ich gebrüllt habe? Ach, mir war da gerade was eingefallen, unwichtig, was ganz Persönliches, etwas, was ich vergessen hatte. Hör zu, ich diktiere jetzt einfach mal runter, was sich da abspielt. Du machst ganze Sätze daraus. Die Fotos habe ich dir soeben gesendet. Angekommen? So, ich fang an, also schreib mit ... "

Der gleichzeitig mit der Polizei alarmierte Notarzt hatte nichts weiter machen können als den Tod Freypens festzustellen, und dann das Feld dem Gerichtsmediziner überlassen. Er wunderte sich, dass keine Wunde am Hinterkopf gefunden wurde, dass die Kugel also noch im Kopf steckte. Muss einen ziemlich harten Schädel gehabt haben, murmelte er und zupfte vorsichtig mit einer Pinzette an der Stirn herum, wo das Geschoß eingedrungen war.

Die Besatzungen der Streifenwagen hatten solange Tatort und Umgebung gesichert, bis die Experten von der Mordkommission eingetroffen waren. "Mord geschah zwischen 21.04 und 21. 13 Uhr", diktiert Krucht wieder in sein Gerät, "siehe Aussagen der Leibwächter." Sie haben diese Zeitspanne gewählt, weil die zwischen dem Augenblick liegt, als der Junge im Vorzimmer zum ersten Mal glaubte, ein Geräusch gehört zu haben und dem Moment, als er die Leiche entdeckt hatte.

Mit Karl Mulder, der sich bei Ankunft der Mordkommission anbiedernd als ehemaliger Kollege vorstellte, hat Krucht nur kurz gesprochen und sich nicht anmerken lassen, was er von einem ehemaligen Polizisten hält, der die Seiten gewechselt hat. Mit klammheimlicher Freude hat er ihn angeschaut, du Angeber, machst auf großen Sicherheitsexperten und kannst nicht mal deinen Chef schützen, der fünf Meter entfernt von dir sitzt. Empfindet dabei aber kein Bedauern.

Dann seine Leute angewiesen, die Aussagen der Mulder-Truppe aufzunehmen, die im Vorzimmer gewartet hat. Deren Angaben sind zwar nicht sehr aufschlussreich, denn gesehen haben sie nichts, aber eben wichtig für die Bestimmung der Mordzeit. Der tödliche Schuss wird wahrscheinlich sogar präzise in dem Moment abgefeuert worden sein, als der Junge mit dem Stoppelhaarschnitt, durch das seltsame Geräusch aufgeschreckt, Richtung Balkon gegangen war. Also wirklich drei Minuten nach 21 Uhr.

"Schauen Sie mal", wird Krucht gerade von einem seiner Mitarbeiter herangewinkt, die sich die Wände vorgenommen haben. In der Deutschlandfahne haben die durch ihre weißen Schutzanzüge fast außerirdisch wirkenden Profis von der Spurensicherung den ersten Einschuss entdeckt, etwa zwischen Schwarz und Rot, vorsichtig lösen sie gerade ein Projektil aus dem Ver­putz hinter dem Tuch. "Kaliber vermutlich 7,6", sagt der Beamte, "Gewehrkugel auf jeden Fall." Die Kugel wandert in eine der durchsichtigen Plastiktüten, die aussehen wie Brotbeutel, in denen die Experten wie üblich ihre Indizien sammeln.

Der Polizeiarzt hat seine Untersuchung der Leiche abgeschlossen, mehr kann er hier nicht tun, alles andere erst im Gerichtsmedizinischen Institut auf dem Seziertisch, und dem Fotografen Platz gemacht, der den Toten und den Schreibtisch aus allen Perspektiven aufnimmt. Auch vom zerbrochenen Fenster her.

Dabei geht der in die Hocke, so dass Andrea Hofwieser auf ihrem Sucher seinen Kopf im Vordergrund hat und dahinter die Leiche Joachim Freypens. Sie drückt auf den Auslöser, wieder und wieder. Dieses Foto wird morgen auf Seite eins der Abendpost zu sehen sein. "Ich habe gerade einen tollen Schuss rüber gemacht", jubelt sie ins Telefon und es fällt ihr nicht auf, was sie da gesagt hat. Sie legt ihr Smartphone beiseite und beschreibt wieder, was sie sehen kann.

Und morgen lesen Sie: Kommissar Krucht ermittelt. Auch Reporterin Hofwieser macht ihren Job.

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