"Und erlöse uns von allen Üblen" #16 : Der Mörder ärgert sich über ein Versäumnis

Der Mord am Chef der Nationalen Alternative macht Schlagzeilen. Die Partei will ihn für sich nutzen. Der Mörder muss weiter planen. Ein Fortsetzungsroman, Teil 16.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher passierte: Der Vorsitzende der Nationalen Alternative ist erschossen worden. Die Reporterin Andrea Hofwieser hat den Mörder gesehen - ohne es zu ahnen.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 16 vom 1. Juli.

In den Tagesthemen, die sie gemeinsam im Zimmer des Franzosen anschauen, ist der Mord die Spitzenmeldung. So wie es der Mann vorausgesagt hatte, als er auf seine Art am Fenster von Andrea Hofwieser von Freypen Abschied nahm. Es wird vom Tatort live berichtet. Man sieht, wie die Bahre mit dem Toten herausgetragen wird und man sieht auch Georg Krucht, der alle Fragen der auf ihn einstürmenden Journalisten abwehrt und dessen Blick eher in die Ferne gerichtet ist. Noch viel zu früh, etwas zu sagen.

Karl Mulder ist hinter ihm in der Gruppe seiner Männer zu bemerken, aber da ihn keiner kennt, wird er nicht von den Reportern bedrängt. Er hätte allerdings auch nichts sagen können. Ein Parteisprecher verliest eine kurze Erklärung, in der natürlich die Chance benutzt wird, den politischen Gegner für das Attentat indirekt verantwortlich zu machen. Motto: Da kann man doch sehen, wie schlecht es um die Innere Sicherheit in unserem Lande steht und dass dringend etwas unternommen werden muss. So wie es der Tote zu seinen Lebzeiten immer gefordert hatte.

Die nächste Einstellung zeigt Straßensperren, an denen die Polizei jedes Auto anhält, man sieht aufgeklappte Kofferräume, auch das ein gewohntes Bild nach Anschlägen. Der Moderator fragt sich und seine Zuschauer, wer hinter dem Anschlag steckt, hat aber keine Antwort zu bieten, denn es gibt kein Bekennerschreiben. Dabei blickt er ein bisschen vorwurfsvoll, als könne man von Attentätern erwarten, dass sie die Produktionszeiten der großen Nachrichtensendungen kennen und sich entsprechend verhalten.

"Bekennerschreiben", wiederholt nachdenklich Freypens Mörder und streicht sich über das kurzgeschnittene noch immer graue Haar, "darauf hätte auch ich kommen sollen." Schwache Leistung, beschimpft er sich innerlich selbst, ist jetzt aber zu spät. Wenn ein Brief erst in ein paar Tagen eintrifft, glaubt keiner mehr daran. Dieser Krucht übrigens sieht nicht blöde aus, aber darüber macht sich der Mörder keine weiteren Gedanken. Er weiß, dass irgendwann in dieser Nacht der Generalbundesanwalt in Karlsruhe die Ermittlungen übernehmen muss. Dann wird es ein Fall für die Abteilung Terrorismus des Bundeskriminalamtes sein wie immer bei Attentaten.

Am Schluss des Films in den Tagesthemen wird noch eine dünne Erklärung verlesen: Alle Parteien sind sich darin einig , dass Mord kein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein darf. Einen bedauernden Nachruf , wie sonst üblich bei politisch motivierten Anschlägen, verkneift man sich aber. Freypen hat sich ganz offensichtlich nicht ums Vaterland verdient gemacht. Das Vaterland, das der meinte, ist bereits 1945 verstorben. Damit ist für die Politiker das Attentat abgehakt und sie wenden sich wieder dem Thema des Tages zu. Der deutschen Einheit, die vor genau 25 Jahren euphorisch gefeiert worden ist.

Der Deutsche drückt mit der Fernbedienung den Ton weg. "Stimmt das denn alles so?" fragt der Franzose zynisch, "sie haben dich doch gar nicht befragt." Sein Gegenüber ist aber nicht zu Scherzen aufgelegt, nickt nur automatisch, ja, stimmt alles.

Was ihn gerade beschäftigt, hat mit dem Mord schon nichts mehr zu tun. Den hat er bereits abgehakt wie einen sauber erfüllten Auftrag und dass er einen Menschen umbringen musste, belastet sein Gewissen nicht. Er kann seine Tat moralisch und nicht nur politisch begründen. Freypen hat sich durch Mordaufträge schuldig gemacht, dies ist belegbar, er hat den Tod verdient und durch seinen Tod werden andere überleben, die sonst hätten sterben müssen. Unschuldige also. Er musste gestoppt werden und da dies im Namen des Volkes rechtmäßig nicht ging, musste ihn eben eine Kugel stoppen. So einfach ließ sich der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit erklären. 

Der Mörder denkt viel mehr darüber nach, was nach dem Attentat in der Tiefgarage passierte. Über die Frau, die ihn mit ihren Augen festhielt und über sein anfängliches Zögern, sie vor diesem Kerl zu retten. Bin ich wirklich schon so abgebrüht, dass ich ernsthaft überlegt habe, sie ihrem Schicksal zu überlassen? Mich aus dem Staub zu machen ? Wieder streicht er sich übers Haar. "Das werde ich gleich noch entfärben", sagt er , "wer weiß, wann ich sonst dazu komme."

"Steht dir aber gut. Was machen wir eigentlich mit dem Gewehr? Doch mitnehmen?"

"Wir sollten morgen noch einmal Golf spielen gehen. Ich erinnere mich da an einen netten kleinen Teich, weißt du noch, hinter Loch neun, am Fuß des Hügels." Dann steht er auf und gähnt: "Ich geh jetzt schlafen. Im Gegensatz zu dir habe ich einen anstrengenden Abend hinter mir. Sehr anstrengend. Wir sehen uns beim Frühstück."

Er würde zu gerne wissen, was Andrea Hofwieser jetzt macht und ob sie über den Mann nachdenkt, der sie befreit und ihr versprochen hat, sich bei ihr zu melden. Ob sie vielleicht schon einen Verdacht hat? Sie hat inzwischen sicher erfahren, was im Haus gegenüber passiert ist. Er macht sich keine Sorgen deswegen. Selbst wenn sie eine Beschreibung abgeben würde über den Fremden, der ihr geholfen hat, würde die schon jetzt nicht mehr auf ihn zutreffen und ab morgen erst recht nicht mehr, wenn er wieder so aussieht wie sonst. Keine Brille, keinen Bart, keine grauen Haare. Nein, reine Neugier treibt ihn, professionelle Neugier.

Und morgen lesen Sie: Die Reporterin freut sich über ihren Erfolg.

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