"Und erlöse uns von allen Üblen" #18 : Der Verleger wird kalt erwischt

Das BKA übernimmt die Ermittlungen zum Mord am Rechtsnationalen Freypen. Die Polizeireporterin kommt ins Blickfeld. Ein Fortsetzungsroman, Teil 18.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Nach dem Attentat auf den Parteichef der Nationalen Alternative laufen die Ermittlungen an. Schon bald führen Indizien zur Wohnung der Journalistin Andrea Hofwieser.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 18 vom 3. Juli.

Zehn Beamte von der besonderen Abteilung Terrorismus des Bundeskriminalamtes waren inzwischen aus Meckenheim und aus Wiesbaden eingetroffen und hatten offiziell die Ermittlungen übernommen. Krucht hatte ihnen seine Protokolle zur Verfügung gestellt, nun warteten sie in seinem Büro auf den angekündigten Autopsiebericht des Gerichtsmediziners. Auf einem riesigen Flachbildschirm an der Wand hinter Krucht sind viele kleine leuchtende Punkte zu sehen, in konzentrischen Kreisen angeordnet. Die Standorte der Sperren für die Ringfahndung. Ohne Ergebnis bislang, aber etwas anderes hatte auch keiner erwartet.

"Wie kommen die zu solchen Fotos?", fragt die Frau, die sich als Susanne Hornstein, Kriminaldirektorin, vorstellte und die ab jetzt die Ermittlungen leiten wird. Den erstaunten Blick von Krucht hatte sie beim Händedruck richtig gedeutet: "Ich bin übrigens nicht die einzige, wir haben noch mehr Frauen beim BKA, Herr Kollege."

Woraufhin er rot wurde und sie sich genauer anschaute. Schätzungsweise Ende vierzig, könnte auch ein bisschen mehr oder weniger sein, eher klein als groß, keinen Ehering, keinen Schmuck, dunkles zweiteiliges Kostüm, das gut zu ihren blonden Haaren passte, und Kettenraucherin. Ihre erste Kippe hat sie achtlos in eine Tasse mit kalten Kaffee fallen lassen, weil sie in Kruchts Büro keinen Aschenbecher entdeckte.

"Die Fotos müssen von der gegenüberliegenden Seite aufgenommen worden sein", antwortet Krucht, "wir nehmen übrigens auch an, dass von dort aus geschossen wurde, haben bisher aber auf den Dächern keine Spuren gefunden. Wie das Leben so spielt, wohnt da Andrea Hofwieser. Deren Name steht auch in der Autorenzeile."

"Und wer ist das?"

"Die Polizeireporterin der Abendpost. Wir kennen uns. Knallhart, aber meistens ganz fair. Zumindest im Vergleich zu den anderen, die wir so erlebt haben. Aber dies hier, dies hier ist natürlich ein Hammer."

"Scoop nennt man das in dem Metier", antwortet Susanne Hornstein schnell, gar nicht mal oberlehrerhaft, sondern ganz selbstverständlich, als würde sie Krucht nur auf die Sprünge helfen wollen. Der sagt nur trocken, es habe sich sogar bis zu ihm herumgesprochen, was ein Scoop sei.

Einerseits ärgert sie sich oft über ihre Besserwisserei, schon beim Jurastudium und bei ihrer Doktorarbeit musste sie sich viel Spott gefallen lassen. Andererseits hat ihr die auch oft geholfen und ihre Karriere befördert. Sie weiß nämlich wirklich vieles besser, sie ist Mitglied im Mensa-Club der Hochbegabten und das schaffen nur Menschen mit einem Intelligenzquotienten über 136. Darüber spricht sie allerdings nicht mehr, auch ihren Doktortitel erwähnt sie nicht mehr freiwillig, seit die Männer, denen sie das nach der jeweils ersten Nacht stolz erzählt hat, eher verhalten darauf reagiert haben. Was man unter anderem daran feststellen konnte, dass die sich nie wieder bei ihr meldeten. Aber sie benutzt ihren so geschulten Verstand bei der Arbeit, und die Ergebnisse ihrer Ermittlungen in den vergangenen Jahren haben ihr die Beförderung zum Kriminaldirektor eingebracht. Für Männer, tröstet sie sich selbst, hat sie seitdem eh keine Zeit mehr. Sie rettet sich in Zynismus: Denen bin ich einfach zu klug, wahrscheinlich auch schon zu alt, die vögeln lieber blöde achtzehnjährige Blondinen.

"Wenn man so den Tatort ins Visier bekommen kann", aber sie kann den Satz nicht zu Ende sprechen, weil Krucht sie unterbricht.: " ... dann könnte auch der Mörder dieses Blickfeld gehabt haben."

Sie nickt und gibt einem der Beamten, die mit ihr per Hubschrauber aus Wiesbaden gekommen sind, ein Zeichen: "Lassen Sie die Häuser, die in Frage kommen, mal durch die Computer laufen." Dann dreht sie sich wieder zu ihrem Hamburger Kollegen um: "Wo bleibt denn der Gerichtsmediziner?", steckt sich eine Zigarette an und wird jetzt ihrerseits rot, weil Krucht die Kaffeetasse mit ihrer Kippe demonstrativ zu ihr rüberschiebt.

Jens-Peter Schwarzkoff steht um diese Zeit an der Tür seines Hauses im feinen Stadtteil Blankenese mit Blick auf die Elbe. Er findet das Schloss nicht beim ersten Versuch und bevor er es erneut versuchen kann, öffnet ihm seine Frau. Sie ist angezogen, als habe sie Gäste erwartet und schaut ihn verächtlich an. Seine Krawatte ist verrutscht, der Blazer am rechten Ärmel verdreckt und sein Gesicht sieht aus wie das eines Trinkers. Verquollene Augen, rote Nase. Schwarzkoff hat nicht damit gerechnet, sie bei seiner Heimkehr zu treffen. Normalerweise schläft sie tief, wenn er sich nachts nach Hause schleicht. Glaubt er zumindest. Sein Schädel brummt und krampfhaft sucht er nach einer Erklärung für seinen Zustand.

"Schön, dass du auch schon da bist", sagt sie kalt und schließt die Tür hinter ihm. Wehrt mit einer Handbewegung ab, als er was sagen will: "Interessiert mich nicht, wird so gewesen sein wie immer. Ich habe auch nicht auf dich gewartet, um mir deine Lügen anzuhören. Es gibt Wichtigeres. Dein ganz besonderer Freund Freypen ist erschossen worden oder weißt du das etwa schon?"

Julia Schwarzkoff freut sich, dass sie ihren Mann offensichtlich kalt erwischt hat, denn er zuckt zusammen, greift sich an den Kopf und lässt sich in einen der Stühle fallen, die in der Eingangshalle stehen.

"Erschossen? Joachim? Wer ..."

"Man weiß nicht, wer es war. Der Mörder scheint auf der Flucht zu sein, wenigstens ist das der jüngste Stand auf deinem Sender. Freypen ist an seinem Schreibtisch erschossen worden, gestern Abend irgendwann gegen 21 Uhr, heißt es. Du musst ja ganz schön beschäftigt gewesen sein, dass du es nicht mitbekommen hast. War die Dame so gut oder hast du wieder mal so lange gebraucht?"

Und morgen lesen Sie: Der Verleger denkt an alte Zeiten. Die Witwe des Ermordeten wird informiert.

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