"Und erlöse uns von allen Üblen" #2 : Der Mörder wartet gegenüber

Der zwielichtige Vorsitzende der rechtsnationalen NADP hat nur noch ein paar Minuten zu leben. Sein Tod ist beschlossene Sache. Wer sind die Männer, die Joachim Freypen vor der Bundestagswahl aus dem Weg räumen wollen? Ein Fortsetzungsroman.

Michael Jürgs
Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gehören auch in der Geschichte von Michael Jürgs zum Alltag.
Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gehören auch in der Geschichte von Michael Jürgs zum Alltag.Illustration: Anna Krauß

Was bisher geschah: Joachim Freypen, Chef der Nationalen Alternative, sitzt in der Hamburger Parteizentrale. Im Hochhaus gegenüber wartet sein Mörder.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 2 vom 17. Juni.

Drei vom inneren Kreis um NADP-Chef Freypen kümmerten sich hauptsächlich darum, nach rechtsradikalen Anschlägen oder Krawallen mögliche Spuren zu verwischen, die in diese Zentrale führen könnten. Die Fassade der Wohlanständigkeit musste bewahrt werden, um bürgerliche Wähler nicht abzuschrecken. Mit Brandstiftern wollten die nichts zu tun haben, selbst wenn manche über das Ergebnis von Brandstiftungen – brennende Flüchtlingsheime - nicht empört waren. Denn falls Freypen & Co. als rechtsradikale Gewaltbereite im jährlichen Bericht des Verfassungsschutzes auftauchen würden, könnte sich die Partei ebenso gut gleich selbst auflösen.

Es gab deshalb nicht den geringsten Hinweis darauf, dass die vor allem in Dänemark und in Tschechien hergestellten CD-Aufnahmen mit Nazi-Rock, der in Deutschland auf dem Index stand, von den Nationalkonservativen finanziert wurden. Solche Geschäfte wurden bar abgewickelt. Die Zillertaler Türkenjäger zum Beispiel, schlimmste Produzenten dieser gegröhlten Aufforderungen zum Mord, waren zwar Mitglieder in der Partei des Joachim Freypen. Allerdings in den Listen unter ihren bürgerlichen Namen verzeichnet.

Zwei ehemalige Führungsoffiziere von Erich Mielkes Spitzelbande hatten nach der Wiedervereinigung vor fünfundzwanzig Jahren bei Freypen einen neuen Job gefunden: Regelmäßig wurden seine Büros, nicht nur das in Hamburg, von ihnen auf Wanzen untersucht. Der Parteichef hatte eine panische Angst davor, belauscht zu werden. Denkt an Uwe Barschel, hämmerte er immer wieder seinen Leuten ein, der hat damals auch nicht im Traum daran gedacht, dass sein Autotelefon abgehört wird oder seine Staatskanzlei verwanzt ist. Auf den Gedanken jedoch, dass er im vergangenen Sommer ausgerechnet in seiner Jagdhütte in der Schweiz abgehört worden war, ist er nicht gekommen.

Das Haus gegenüber, höher als die Aufbauten des Parkdecks, ist etwa hundert Meter Luftlinie über die vielbefahrene Straße hinweg entfernt. Zunächst stand es ein Jahr lang leer, bis der Eigentümer seine Hoffnung aufgab, es im ursprünglichen Zustand als Bürokomplex ohne weitere Investitionen loswerden zu können. Nach der Renovierung wurde aus dem Kasten eine begehrte Adresse für Singles aus den umliegenden Werbeagenturen, Multimediafirmen und Verlagen. Insgesamt 34 Wohnungen waren vermietet. Wenn Freypen dienstags und samstags an seinem Schreibtisch saß, blickte er manchmal nach links hinüber und stellte sich vor, auf dem Dach würde eine Leuchtschrift zu sehen mit seinem Namen. Darüber sprach er nie, denn er wollte nicht als größenwahnsinnig verlacht werden.

Die Gewohnheiten Freypens auszukundschaften, vor allem seine regelmäßigen Büroabende am Dienstag und am Samstag, war eine leichte Übung gewesen. Der 59jährige ist eine öffentliche Person, die sich mit der Ehefrau beim weihnachtlichen Christbaumschmücken oder bei einer Opernpremiere fotografieren lässt und keine Einladung zu einer der üblichen Talkshows ausschlägt. In solchen Diskussionen gibt Freypen sich stets als Staatsmann, von den cholerischen Ausbrüchen, zu denen er bei Widerspruch sonst neigt, ist live auf dem Bildschirm nie etwas zu sehen. Man erlebt ihn, wo auch immer er auftaucht, als nationalkonservativen Populisten, aber er hütet sich vor allzu rechten Parolen. Bei den Zuschauern kommt er gut an, auch bei denen, die bisher letztlich doch lieber die CDU gewählt haben. Bisher wenigstens.

Genau das will der Parteivorsitzende langfristig ändern, das erste Ziel ist bei der kommenden Bundestagswahl der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde. Früh hat er begriffen, dass er sich nicht in die rechtsradikale Ecke abdrängen lassen darf. Denn dort, wo die DVU oder die NPD mit dümmsten Sprüchen an die niedersten Instinkte appellieren - Polit-Bonzen die Hammelbeine langziehen! Ich bin stolz, Deutscher zu sein! - stinkt es nach Nazis, und wer diesen Stallgeruch erst mal an sich hat, kommt selten über fünf Prozent.

Patriotismus lautet deshalb Freypens unverdächtige Parole, was den Zeitgeist trifft. Schutz des Vaterlandes und Asylanten abschieben, das klingt angesichts Hunderttausender Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Somalia ebenfalls einleuchtend. Für Europa ist Joachim Freypen selbstverständlich dennoch, allerdings nur dann, wenn die Außengrenzen befestigt werden und die Griechen kein Geld mehr aus Berlin bekommen.

Die Parteizentrale nach Hamburg zu verlegen, war ebenfalls ein Teil ihrer PR-Strategie. Gerade in einer angeblich so liberalen Stadt konnten die Nationalen durch selbstverständliche Präsenz beweisen, dass alle Verdächtigungen, in Wahrheit nichts weiter als Dumpfdeutsche in italienischen Anzügen zu sein, üble Propaganda der Linken waren. "Wir haben nichts zu verbergen", erklärte Joachim Freypen am Tag der Eröffnung auf dem Parkdeck, zu dem die örtliche Presse geladen worden war: "Wir müssen uns nicht verstecken, wir sind eine demokratische Großstadtpartei und passen deshalb genau hierher in die Stadt, deren Weltoffenheit der unseren entspricht." Dass nach der festlichen Eröffnung nie wieder Journalisten in die Parteizentrale vorgelassen wurden, fiel denen allerdings nicht auf.

Als er vor ein paar Wochen von seinen Freunden gefragt wurde, ob er schon einen Plan habe für das Attentat, hatte sich der Mann, der gerade in die Wohnung mit dem Türschild Hofwieser eingedrungen war, zunächst Wein nachschenken lassen und einen Moment lang stumm aufs Meer geblickt, auf dem sich der Mond spiegelte. Dabei rieb er sich sich mit dem rechten Daumen über die Nasenspitze. Eine Angewohnheit aus seiner Studienzeit. Damals hilfreich bei juristischen Prüfungen, denn aus der Geste hatte er für Kommilitonen eine Art Code entwickelt, auf welchen Seiten des Lehrbuches etwas zu finden war. Also dreimal reiben, Stop, viermal reiben, Stop, einmal reiben, hatte bedeutet Seite 341.

Die Männer, die an jenem Abend vor ein paar Wochen mit ihm auf der Terrasse saßen, alle gut rasiert, warteten in Ruhe auf seine Antwort. Sein Fischgräten­gemustertes Jackett mit klassischen Lederflecken auf den Ellbogen hing über seine Schultern, doch mehr Lässigkeit erlaubte er sich nicht. Der Knoten der weinroten Krawatte blieb fest geschlossen, sie war farblich mit seinen kurzgeschnittenen braunen Haaren und den grünen Augen abgestimmt.

Neben ihm, offenes Hemd und ohne Sakko, ein untersetzter Blonder mit schütterem Haar, etwa Mitte vierzig, der auf den ersten Blick gemütlich wirkt wie ein Kneipenwirt. Nur wer ihn anfassen würde, konnte feststellen, dass aus Muskeln besteht, was wie die Folge zu vieler Biere aussah. Auch der Jüngste unter ihnen, lange schwarze Haare, Jeans, keine Socken in den Slippern, schien ein eher unauffälliger Typ, an den man sich kaum erinnern würde. Sein gewaltiger Brustkorb, der sich unter dem gelben Polohemd abzeichnete, passte allerdings nicht zu seinem sonst so dünnen Körper. Letzter in der Runde war der hoch aufgeschossene Rothaarige, von dem das Gespräch mit der Frage eröffnet worden war, auf welche Art denn der Mord erfolgen solle. Die Weste seines dreiteiligen weißen Sommeranzugs hatte er geöffnet, das Jackett über seinen Stuhl gehängt.

Alle wirkten austrainiert wie ehemalige Sportler, die es auch nach dem Ende ihrer Karriere geschafft hatten, in Wettkampfform zu bleiben. Der Rothaarige und der Blonde trugen einen Ehering, die beiden anderen galten als nicht vermittelbar. So jedenfalls lästern ihre Freunde bei passender Gelegenheit, aber vor allem der Schwarzhaarige schwärmte bei solchen Gesprächen über seine unschätzbare Freiheit.

Am Nachmittag waren sie im Hafen von Le Palais angelandet. Der Rothaarige, den die anderen kurz Red nannten, war bereits am Morgen mit der ersten Fähre aus Quiberon eingetroffen. Nach seiner Ankunft hatte er den Tage zuvor reservierten Peugeot abgeholt. Er fiel nicht weiter auf unter den Touristen: die blauen Leinenhosen ein wenig zu kurz über den blankgewienerten schwarzen Schuhen endend, das weiße Hemd über dem Gürtel hängend. Nur Profis wie er hätten bemerkt, dass seine Augen unablässig die Umgebung musterten.

Und morgen lesen Sie: In Frankreich schmieden vier Männer bei gutem Essen und Wein ein Mordkomplott.

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Fortsetzungsroman: "Und erlöse uns von allen Üblen"
Fortsetzungsroman: "Und erlöse uns von allen Üblen"
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