"Und erlöse uns von allen Üblen" #22 : Ein Leibwächter erkennt seinen Fehler

Der Mörder des rechtsnationalen Parteichefs verwischt seine Spuren. Die Polizei stochert im Nebel. Ein Fortsetzungsroman, Teil 22.

von
Illustration: Anna Krauss
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Mörder Joachim Freypens hat die Tatwaffe auf einem Golfplatz versenkt. Die Ermittler suchen Anhaltspunkte für ein Tatmotiv.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 22 vom 7. Juli.

In der Nacht, oder genauer, vor ein paar Stunden am frühen Morgen, hatte Susanne Hornstein noch einmal Karl Mulder verhört. Als sie in Begleitung von einigen BKA-Beamten und Krucht oben auf dem Parkdeck ankam, wo sie auch ihre Autos abstellten, empfangen von einem ziemlich nervösen Mulder am Eingang zur Parteizentrale, hat man ihr nicht die geringste Spur von Müdigkeit angemerkt. Aber das war keine Kunst, sondern gehörte zu ihren über Jahre antrainierten Fähigkeiten: Sie kann sich jederzeit so konzentrieren, dass sie hellwach wirkt.

Mulders spürbare Verachtung für sie, die Frau in einem seinem Weltbild nach für Frauen ungeeigneten Geschäft, gab ihr eine zusätzliche Motivation. Dumme Männer reizten sie immer, obwohl sie fast täglich mit denen konfrontiert wurde und sich an den Umgang gewöhnt hatte.

Sie ließ sich von ihm Punkt für Punkt erklären, welche Sicherheitsvorkehrungen für Freypen ausgearbeitet worden waren, wie normalerweise sein Tagesrhythmus in Hamburg aussah und wer außer seinem Sekretariat und seinen Leibwächtern diese Abläufe kannte.

Praktisch alle hier, antwortete Mulder vage, daraus habe der Chef nie ein Geheimnis gemacht. Auch Außenstehende? Sicher auch Außenstehende, wir haben sogar damit geworben, sagt er, dass man immer am Dienstag und immer am Samstag hier anrufen kann, um mit ihm zu sprechen. Direkt? Natürlich nicht, wir haben schon gefiltert, wen wir zu ihm durchstellten, und abends dann gar keinen mehr, da wollte er ungestört sein, da leuchtete das rote Licht. Und er wies auf die kleine Lampe über Freypens Tür, die jetzt so tot war wie der.

Nach dem Verhör bat sie den Mann um die Personalakten der Leibwächter, die Mulder widerstrebend aus einem Safe holte. "Alle von mir bei der Einstellung zehnfach überprüft", hat er geknurrt, "halten Sie mich etwa für einen Amateur?"

Schaute dabei Zustimmung heischend auf Krucht, den er zwar auch nicht mochte, aber immerhin war der doch ein Mann und damit wohl auf seiner Seite. Konnte dem doch nicht schmecken, dass jetzt eine Frau die Ermittlungen leitete und er nichts mehr zu sagen hatte.

Wieder mal täuschte sich Mulder. Denn Krucht blickte ihn nur abschätzig an: "Apropos Amateur. Meine Kollegin hat mich gefragt, warum hier keine schusssicheren Fenster eingebaut waren und ich konnte ihr das auch nicht erklären. Lag doch eigentlich nahe angesichts der Prominenz des Ermordeten und angesichts möglicher Drohungen. Können Sie uns das beantworten?"

Mulders trotzigen Erklärungen, dass Freypen dies schlichtweg abgelehnt habe, schienen aber beide nur halb zuzuhören. Es klang unglaubwürdig und das war ziemlich deutlich zu merken bei dem hastigen Gestammel. Was Freypen tatsächlich abgelehnt hatte, war der Innenraum gewesen, weil er einen freien Blick haben wollte auf den Hafen und den Michel. Auf die naheliegende Idee schusssicherer Scheiben war einfach keiner gekommen, vor allem der zuständige Experte Mulder nicht, denn dagegen hätte Freypen bestimmt nichts gehabt. Deshalb redete er jetzt so hastig, weil er plötzlich das Gefühl hatte, mitschuldig zu sein am Tod seines Chefs. Das Gefühl ließen sie ihm.

Susanne Hornstein ging ans Fenster, das provisorisch mit einer durchsichtigen Plastikfolie abgedeckt war und schaute nachdenklich auf das Haus gegenüber. Anschließend inspizierte sie zum ersten Mal das Büro, in dem der Parteivorsitzende gestorben war: Massiver Teakholz-Schreibtisch, kleine Besprechungsecke, große schwarze Ledersessel, Regal mit politischen Fachbüchern, die Deutschlandflagge an der weißen Wand, ansonsten keine Bilder. Die Fotos vom Tatort hatte sie schon bei Krucht gesehen. Freypens blaues Jackett hing über dem Stuhl, als würde er gleich wieder reinkommen.

Und morgen lesen Sie: Zwei Ermittler verstehen sich gut.

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