"Und erlöse uns von allen Üblen" #25 : Die Nachbarn haben nichts gesehen

Die Polizei weiß, wo der Mörder des rechtsnationalen Parteichefs gestanden hat. Aber die Ermittlungen stocken. Ein Fortsetzungsroman, Teil 25.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Rechtsnationale Joachim Freypen ist aus der Wohnung der Reporterin Andrea Hofwieser erschossen worden. Doch viel mehr weiß die Polizei nicht.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 25 vom 10. Juli.

Die Befragung der Mieter in den Wohnungen neben Andrea Hofwiesers Appartement überlässt Susanne Hornstein ihren Kollegen. Es dauert nicht sehr lang, denn bei keinem gibt es auch nur die Andeutung irgendeiner politischen oder gar terroristischen Aktivität.

Zwei der Bewohner, beide über sechzig und alleinstehend, ehemalige Stern-Redakteure im Ruhestand, was aber nicht verdächtig ist, haben erst heute morgen aus der Sonntagszeitung erfahren, dass in ihrer unmittelbaren Nähe ein Mord passiert ist. Es ihnen nichts Besonders aufgefallen zur möglichen Tatzeit.

Weder haben sie etwas Ungewöhnliches gehört noch jemand gesehen, der auf ihrer Etage nichts zu suchen hatte. Sie haben miteinander Schach gespielt wie fast jeden Abend und dabei von alten Zeiten gesprochen. Auch wie fast jeden Abend. Jeder also kann dem anderen ein Alibi geben, falls die Herren das wünschen, aber die wünschen das nicht. Die haben gelernt, Papierkram zu vermeiden, wann immer sich die Chance ergibt.

Der Arzt, der am Ende des Flures seine Wohnung hat, öffnet erst nach mehrmaligem Klingeln verschlafen die Tür, er hatte bis sechs Uhr früh Nachtdienst im Krankenhaus. Das wird einfach nachzuprüfen sein. Seine Begeisterung über den unerwarteten Besuch hält sich in Grenzen. Er weiß überhaupt noch nichts von dem Attentat, es ist ihm auch ziemlich egal, und außerdem war er zur fraglichen Zeit nicht mal im Haus.

Bevor ihn die Beamten bitten können, sich umschauen zu dürfen nach möglichen Spuren, könnte ja sein, dass in der Abwesenheit des Arztes seine Wohnung benutzt worden ist, ruft er nach hinten ins Schlafzimmer: "Komm mal schnell." Ein junger Mann in Boxershorts, ebenso verschlafen, erscheint im Türrahmen.

"Schauen Sie nicht so pikiert", sagt der schnauzbärtige Wohnungseigentümer, "das ist mein Lebenspartner. Mag Ihnen zwar seltsam vorkommen, aber stellen Sie sich mal vor, so etwas gibt es." Wendet sich dann zu seinem Freund: "Irgend ein Politiker ist gestern erschossen worden, und vielleicht war der Schütze in diesem Haus. Die Herren sind von der Polizei und wollen wissen, ob wir etwas gehört haben. Hast du?«

Der Junge reibt sich die Augen und kratzt sich dann demonstrativ zwischen den Beinen. Die Beamten reagieren nicht. "Ach, tatsächlich? Ist der Freypen von hier aus erschossen worden? Ich habe die Meldung online gelesen, aber auf die Idee bin ich nicht gekom­men. Nee, gehört habe ich nichts, außer meiner Musik. Und schade ist es um den auch nicht, wenn Sie mich fragen."

"Die fragen dich aber nicht", unterbricht ihn der Mann neben ihm, doch er lässt sich nicht stören. "... wirklich nicht schade. Was der so an reaktionären Sprüchen über Schwule losgelassen hat. Und seine Partei erst, also wissen Sie."

"Sonst noch was?", fragt der Wohnungseigentümer, "ich bin nämlich verdammt müde, ich habe die ganze Nacht gearbeitet."

Die beiden Männer vom BKA bedanken sich, aber das wartet der andere gar nicht erst ab und schließt die Tür. Sie klopfen noch einmal dagegen. Wieder macht der Arzt auf.

"Wir haben Ihnen doch alles gesagt. Was gibt es denn noch?", fragt er unfreundlich. "Den Namen des jungen Mannes hätten wir ganz gerne noch, zur Vollständigkeit für unseren Bericht." Der Arzt diktiert die Schreibweise, fügt das Alter hinzu und den Beruf. Krankenpfleger. Die Beamten wollen den Namen durch ihren Computer laufen lassen, erwarten zwar nicht viel davon, aber keine Spur darf für tot erklärt werden, bevor sie nicht geprüft ist. So haben sie es gelernt. Immerhin ist der Junge nicht gemeldet in der Wohnung, sonst hätten sie schon früher bei PIOS etwas über ihn erfahren.

Und morgen lesen Sie: Der Mörder fühlt sich sicher.

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