"Und erlöse uns von allen Üblen" #29 : Der Verleger macht sich Vorwürfe

Verleger Schwarzkoff hat eine Beule und Erinnerungslücken. Er hofft auf das Schweigen seiner Reporterin. Ein Fortsetzungsroman, Teil 29.

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Was bisher geschah: Die Polizeireporterin Andrea Hofwieser verschweigt der Polizei die versuchte Vergewaltigung durch ihren Chef. Der muss den Nachruf für den Rechtsnationalen Freypen schreiben.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 29 vom 14. Juli.

Jens-Peter Schwarzkoff hat sich fluchend die durchnässten Sachen ausgezogen, wütend den Gartenschlauch weggeschleudert und sich eine halbe Stunde lang unter die Dusche gestellt, abwechselnd heißes und kaltes Wasser über sich laufen lassen. Nun fühlt er sich wieder unter den Lebenden und nicht mehr im Reich der Scheintoten. Beim Frühstück liest er die Schlagzeile seiner Zeitung und den Bericht auf Seite eins und als er die Copyrightzeile unter dem Foto mit der Leiche sieht, fällt ihm wieder ein, was er mit der Nachricht von Freypens Tod in sein Unterbewusstsein verdrängt hat. Was gestern in der Tiefgarage passiert ist. Automatisch fasst er sich hinters Ohr, wo ihn der Schlag getroffen hat. Immer noch ein bisschen geschwollen. Selbst schuld, murmelt er, selbst schuld. Allerdings, so schlimm kann es dann ja wohl nicht gewesen sein, wenn Andrea gleich anschließend wieder so in Form war, dass sie diese tolle Geschichte produziert hat. Was ihn erst einmal beruhigt.

Seinem Butler gibt er den Ersatzschlüssel seines Jaguars und fünfzig Euro für ein Taxi, um dort hinzukommen. Beschreibt ihm genau, wo am Stadtpark das Auto steht, so viel hat er sich noch merken können, als er auf dem Beifahrersitz aufgewacht ist. Brummt irgend etwas wie "Bin nicht mehr fahrfähig gewesen", erzählt aber nicht, wie er ohne Auto nach Hause gekommen ist und was er überhaupt ausgerechnet am Stadtpark gemacht hat. Das geht den Mann auch nichts an, sagt er sich, der soll nur das tun, was ich von ihm verlange, schließlich bezahle ich ihn gut dafür. Er steht oben am Fenster seiner Bibliothek, als der von einem Taxi abgeholt wird und sieht dem nach, bis es am Tor verschwunden ist.

Das Haus ist leer, seine Frau auf dem Golfplatz, nur hinten im Park, der sich sanft zur Elbe neigt, hört man Stimmen. Die Gärtner, die mit ihren großen Scheren an den Hecken arbeiten. Schwarzkoff dreht sich um und geht an seinen Schreibtisch. FIRST THINGS FIRST steht gestickt in einem Rahmen an der Wand, es sieht fürchterlich geschmacklos aus und passt nicht zu den Antiquitäten in dem Raum, ist aber ein Geschenk seines Freundes Joachim aus den Tagen, als sie jung waren in Salem. Deshalb hängt es da.

Schwarzkoff seufzt, aber nicht traurig, eher zufrieden, weil er nun allein ist und seine Frau sicher bis abends beschäftigt sein wird. Er hat keinesfalls die Absicht, sich bei ihr für sein spätes Heimkommen zu rechtfertigen, so etwas macht er schon seit Jahren nicht mehr. Sie hat sich daran gewöhnt, dass er außer Haus seinen Spaß sucht und er hat sich an ihre vorwurfsvolle Leidensmiene gewöhnt. Er ahnt dabei nicht, wie sehr sie ihn hasst und wenn er es gewusst hätte, wäre er eher überrascht als empört gewesen. Er hält ihr scheinheiliges Verhalten für selbstverständlich, Teil eines stillschweigenden Arrangements, das sie getroffen haben. Solange er für alles zahlt und sie nicht öffentlich desavouiert, was er auch nie getan hat, muss sie im Gegenzug ihre Rolle der Gattin spielen, die er wiederum ab und zu braucht. Sie gehen sich aus dem Weg und schon längst haben sie getrennte Schlafzimmer.

Wenn Schwarzkoff von den Scheidungsaffären gewisser Herrschaften in seiner Zeitung liest, ist er immer wieder entsetzt, was da alles öffentlich ausgebreitet wird. Ich vögele zwar seit vielen Jahren ausschließlich außer Haus, pflegt er nach dem dritten oder vierten Glas in seinem Club zu sagen, aber ich lasse wenigstens nicht öffentlich die Hosen runter. Eine Frage des Stils.

Seinem Nachruf auf Freypen schreibt er per Hand mit einem teuren Füller, und Schwarzkoff ist schon nach zwanzig Minuten fertig, weil er merkt, dass er so viel nicht zu sagen hat. Dennoch gar nicht mal schlecht, gerade weil der Nekrolog sentimental und subjektiv ist. Er streift mit keinem Gedanken Freypens Politik und die rechtsradikalen Thesen der Vaterlandspartei, berichtet nur von den gemeinsamen fröhlichen Jahren in München, bis der Tod ihrer Väter sie trennte. Wählt deshalb als Überschrift DER FREUND DEM FREUND und greift dann zum Hörer. Die Telefonnummer seines Chefredakteurs ist gespeichert. "Guten Morgen, mein Lieber. Ja, schrecklich, schrecklich. Gute Seite eins übrigens, müsste sich verkaufen, sehr schön. Ich habe für die morgige Ausgabe einen Nachruf verfasst, lasse ich Ihnen nachher zukommen. Parallel bitte auch online stellen. Ganz persönlich, Sie wissen ja, wir waren befreundet. Politisch? Nein, nein, das hat mich nie interessiert und jetzt erst recht nicht. Das sollen andere bewerten. Hat die Polizei schon eine Spur von dem möglichen Mörder? Aha. Sie rufen mich bitte gleich an, falls es etwas Neues gibt. Ich werde den ganzen Tag über hier sein. Danke."

Andrea Hofwieser fällt ihm ein und es wird ihm doch wieder ganz schlecht bei dem Gedanken an sie. Schwarzkoff macht sich Vorwürfe, dass er sich in der Tiefgarage so hat gehen lassen. Ob das an den Pillen lag, die er bei der Party noch schnell geschluckt hatte? Waren die vielleicht zu stark für einen Mann seines Alters? Ist noch nie seine Art gewesen, gewalttätig zu werden, weil er immer freiwillig bekam, was er wollte. Die wird doch wohl stillhalten oder? Ob ich sie zur Sicherheit mal anrufen soll? Und wer zum Teufel war eigentlich der Kerl, der ihn niedergeschlagen hat? Einer aus dem Haus? Einer, der ihn gar erkannt hat? Sein Blick fällt wieder auf die Wand. FIRST THINGS FIRST.

Und morgen lesen Sie: Ermittlerin Hornstein ist hartnäckig.

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