"Und erlöse uns von allen Üblen" #31 : Eine Million wird ausgelobt

Die Witwe des ermordeten Parteichefs will Ergebnisse sehen. Der Mörder muss nichts fürchten. Ein Fortsetzungsroman, Teil 31.

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Hamburg ist die Kulisse für Michael Jürgs Roman.
Hamburg ist die Kulisse für Michael Jürgs Roman.Illustration: Anna Krauß

Was bisher geschah: Die Witwe des Rechtsnationalen Freypen spielt sich in den Vordergrund. Der Mörder macht sich auf den Heimweg.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 31 vom 16. Juli.

Nach der Kundgebung, die ohne die befürchteten Schlägereien zwischen Rechten und Autonomen ausgegangen ist, wird Helga Freypen von Karl Mulder und zwei Leibwächtern in die Parteizentrale gefahren. Sie will sehen, wo ihr Mann gestorben ist. Als sie eintreffen, begegnen sie den Beamten, die nach dem Schusstest die Puppe wegschaffen. "Geschmacklos", zischt Mulder und zeigt auf die Bahre, auf der sie liegt wie gestern Abend der Tote. Die Witwe verzieht keine Miene. Sie wartet, bis sie mit Mulder allein ist, setzt sich an den Platz ihres Mannes und nimmt die dunkle Sonnenbrille ab. Ihre Augen sind trocken. Sie hat nicht geweint, denkt Mulder, und wieder weiß er nicht, ob er sie bewundern soll wegen ihrer Haltung oder ob das nur bedeutet, wie gleichgültig sie der Tod ihres Mannes lässt.

"Ich verlange, dass Sie den Mörder finden, bevor ihn die Polizei hat", befiehlt sie, "und wenn Sie ihn haben, sagen Sie nur mir Bescheid, nur mir. Ich will dabei sein, wenn er stirbt." Als sie Mulders verblüfften Ausdruck sieht, setzt sie hinzu: "Sie waren doch mal bei der Mordkommission oder? Sie wissen doch wie man ermittelt. Jetzt können Sie zeigen, ob Sie wirklich so gut sind, wie Sie immer getan haben." Winkt ihn dann wie eine lästige Fliege weg Richtung Tür: "Ich will jetzt allein sein und nicht gestört werden. Ach so, wegen der Belohnung für die Ergreifung des Mörders. Sagen wir eine Million. Sorgen Sie dafür, dass es die Öffentlichkeit erfährt."

Die Meldung über die ausgelobte Million Euro hört Susanne Hornstein im Radio, während sie gerade auf ihrem Laptop versucht, eine Art Profil des Mannes zu erstellen, den sie jagt. Krucht sitzt ihr gegenüber. Sie hat ihn gebeten, ihr zu helfen, wenn sie eingibt, was sie zu wissen glaubt vom Mörder. Er hat das als Anerkennung verstanden, so war es auch gemeint, aber er würde nie zugeben, dass er sich darüber freut. Gefühle zu zeigen ist ihm fremd, darum hat seine Frau auch nie verstanden, warum er so überrascht war, als sie die Scheidung einreichte. "Eine Million Belohnung, die spinnen doch. Die übliche Schar von Idioten, die sich jetzt meldet, haben wir doch an der Hacke, und nicht die."

"Wir verweisen einfach alle auf die Partei", sagt Susanne Hornstein kühl. Drückt einen Knopf am Telefon: "Rufen Sie bitte diesen Mulder an, schönen Gruß von mir, wenn die Aufrufe mit der Million Belohnung versendet werden, soll er dafür sorgen, dass jeder weiß, wohin sich die Leute wenden sollen. An ihn nämlich. Oder an seine Scheißpartei. Das mit der Scheißpartei lassen Sie weg. Nein, ich will nicht mit ihm reden."

Dann beugt sie sich wieder über den Bildschirm ihres kleinen schwarzen Computers und liest halblaut die paar Zeilen vor, die sie aufgeschrieben und unterstrichen hat: Scharfschütze. Ja. Professioneller Killer. Vielleicht. Ausbildung zum Scharfschützen. Ja. Bundeswehr. Vielleicht. In wessen Auftrag? Terrorist International? EUROPOL in Den Haag fragen. ...

"Nicht sehr erhellend, was?"

Krucht kann ihr nicht widersprechen.

 

Der so beschriebene Mann hat den Franzosen am Steuer abgewechselt.

"Was ich dich fragen wollte ...", beginnt der Schwarzhaarige, als die Autobahn vor ihnen leerer wird, beendet aber seinen Satz nicht.

"Du wolltest fragen, was das für ein Gefühl war, diesen Menschen zu erschießen oder?"

"Wie kommst du darauf?"

"Die Frage liegt auf der Hand. Falls du dich erinnerst, habe ich dich das damals auch gefragt, beim ersten Mal, als es losging, als es dich traf. Bei diesem baskischer Terroristen da an der Atlantikküste. Diesem angeblichen Herzanfall. Weißt du noch?"

"Und was habe ich geantwortet?"

"Etwa das, was ich dir jetzt antworte: In dem Moment, in dem wir es liebend gern machen, sind wir nicht besser als die, die wir umbringen. Ich hasse das, was wir tun. Ich habe es immer gehasst. Ich werde es immer hassen. Aber noch mehr hasse ich Verbrecher wie diesen Freypen, die ungestraft davonkommen , wenn es uns nicht geben würde. Wir kriegen doch eh nur ein paar, die meisten haben doch eh nichts zu befürchten. Also .."

"Also?"

"Also habe ich nach einem Mord wie dem von gestern immer noch ein ruhiges Gewissen. Und als Mörder fühle ich mich erst recht nicht. Was immer das bedeutet, denn ich weiß nicht, wie sich Mörder fühlen. Verstehst du?"

"Nein, aber es beruhigt mich."

Und morgen lesen Sie: Vier Männer schmieden ein Komplott.

Hier geht's zur Themenseite, auf der alle Teile von "Und erlöse uns von allen Üblen" nach und nach veröffentlicht werden.

 

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