"Und erlöse uns von allen Üblen" #34 : Eine eigene Art von Gerechtigkeit

Vier EUROPOL-Polizisten glauben an Mord für eine höhere Sache. Aus einer Theorie soll Praxis werden. Ein Fortsetzungsroman, Teil 34.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Mörder des Rechtsnationalen Freypen glaubt an Morde, die kein schlechtes Gewissen machen. Sein Motiv hat er einst mit Freunden ersonnen.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 34 vom 19. Juli.

Alain Retin war inzwischen, acht Jahre später, zum Commissaire aufgestiegen und Leiter einer Abteilung, die sich vor allem mit Wirtschaftskriminalität beschäftigte, also mit Subventionsbetrügern aller Art. Für die war das vereinigte Europa ein Dorado, das sie mit krimineller Energie ausbeuteten. Obwohl er deren geschickt gefälschte Bilanzen mit gewohnter Leichtigkeit entschlüsselte, blieben oft am Schluss doch die White-Collar-Criminals die lachenden Sieger. Denn sie saßen längst auf Cayman Island in der Sonne, bevor Retin in einer verkrusteten Bürokratie den Haftbefehl gegen sie erwirken konnte. Typisch aber für den verhinderten Professor Alain Retin, dass er nach solchen Niederlagen nicht etwa resignierte, sondern über eine andere Strategie nachdachte, die er mit Kleo diskutierte, seinem Kater.

Die Idee für das Thema der kriminalistischen Abschlussarbeit in Colmar kam deshalb von ihm, die war schon Teil dieser Strategie, denn er hatte zuvor in vielen Diskussionen begriffen, dass die anderen drei ebenfalls von Gerechtigkeit mehr hielten als von Recht. Also machten sie sich gemeinsam an die Arbeit. Ihre intellektuelle Auseinandersetzung mit der theoretischen Frage, unter welchen Umständen es moralisch erlaubt sein könnte, Selbstjustiz zu üben, war mit der höchst möglichen Anerkennung bedacht worden: Abdruck des vollständigen Textes in der offiziellen Zeitschrift SOCTA von EUROPOL.

So galt bei der mittäglichen Rast während der Wanderung in den Vogesen dem Franzosen der erste Toast seiner Kollegen, denn ihm verdankten sie ihren bescheidenen Ruhm in Fachkreisen. Zwei Flaschen Flaschen Roederer Cristal, die sie in einer Kühltasche mitgebracht hatten, schienen dem Anlass angemessen.

"Und wenn wir in Zukunft das tatsächlich machen, was wir theoretisch durchgespielt haben?", hatte Retin gefragt, der nur ein wenig an seinem Glas nippte, und das plötzliche Schweigen ausgenutzt: "Wenn wir der Gerechtigkeit ein bisschen, ab und an zu einem unerwarteten Sieg verhelfen?"

Peter McFerrer hatte als erster verstanden, was er damit meinte, und auch sofort begriffen, dass es keiner der üblichen doppeldeutigen Scherze war von Alain: "Du meinst zum Beispiel ...", brach dann aber ab.

"Er meint zum Beispiel Mord, ganz simpel: Mord", sagte Lionel Zartmann und ausgerechnet er schien nicht besonders entsetzt zu sein. Wenn Champagner in Pappbechern ausgeschenkt worden wäre statt in Gläsern, dann wäre er wirklich entsetzt gewesen, denn er legte Wert auf Stil. "Muss ja nicht gleich Mord sein", wandte Ruud van Rey ein, "aber die Idee, endlich mal aktiv mitzumischen, finde ich gut. Sehr gut sogar. Rufmord ginge ja auch, ist unblutiger. Man könnte hin und wieder jemandem gewisse Dokumente zuspielen und dadurch Öffentlichkeit über irgendwelche Sauereien herstellen. Eine Art von Gerechtigkeit, indem man ein paar finstere Deals platzen lässt."

Daran hatte Retin nicht gedacht. Er meinte in der Tat Mord und nichts anderes. Was Ruud vorgeschlagen hatte, praktizierte er im Geheimen außerdem schon lange. Deshalb hatte Le Canard Enchainé in den vergangenen Jahren immer wieder Dokumente gedruckt, die anschließend in Frankreich zu überraschenden Rücktritten von Politikern oder Topmanagern führten. Keiner war je auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet der zwar skurrile, aber unauffällige Alain Retin der Informant war. Erst recht die Journalisten nicht, denn ihre Unterlagen bekamen sie immer aus scheinbar heiterem Himmel und stets per Email mit einem nicht zu identifizierenden IP-Absender. Retin wusste nur zu gut, dass auf Anordnung des zuständigen Staatssekretärs seit den ersten Enthüllungen die Telefone der Redaktion abgehört wurden.

Theoretisch hatten sie sich in den vergangenen Tagen bei ihrem gemeinsamen Referat so ausführlich mit dem Thema Selbstjustiz beschäftigt, dass nun, als es von Retin in einer neuen und sie persönlich betreffenden Variante ausgesprochen war, keiner mehr erschrak. Am wenigsten der blonde Holländer. Er hatte bereits als junger Mann akzeptiert, dass Mord nicht immer Mord , also ein Verbrechen sein musste. Es gab auch Morde, die eine moralische Pflicht waren, für die man bei nichtöffentlichen Feiern einen Orden und einen Händedruck der holländischen Königin bekam. Morde, die kein schlechtes Gewissen machten. Morde im Namen des Vaterlandes, was fast so gut war wie Im Namen des Vaters , und die deshalb von Gott, an den er selbstverständlich glaubte, verziehen wurden.

Und morgen lesen Sie: Vier Polizisten glauben an Selbstjustiz.

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