"Und erlöse uns von allen Üblen" #35 : Vier junge Polizisten machen Eindruck

Bei einem Europol-Seminar werden aus Kollegen Freunde. Sie schmieden einen geheimen Plan. Ein Fortsetzungsroman, Teil 35.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Vier junge Polizisten wollen die Welt besser machen - durch Mord. Gewissensbisse kennen sie nicht.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 35 vom 20. Juli.

Lionel Zartmann, der deutsche Jurist, der so britisch aussah wie einer von Smileys Leuten beim MI 5, hatte während seiner Karriere im Innenministerium in der Abteilung Innere Sicherheit gearbeitet, aber da nie eine Waffe in der Hand gehabt, sondern nur seinen Verstand als Waffe entsprechend eingesetzt. Nach dem Attentat auf die New Yorker Türme am 11. September 2001 war der ausgewiesene Fachmann für terroristische Strukturen ins Bundeskriminalamt gewechselt, wo man ihm unter anderem auch das Schießen beibrachte. Erstaunlicherweise war er ziemlich gut darin, ebenso in der Technik des Nahkampfs ohne Waffe, und sich selbst gegenüber ehrlich genug, solche Erfolge zu ge­nießen. Der stets ausgeglichene braunhaarige Mann kannte zwar alle Paragraphen, wusste aber auch, wie man sie umgehen konnte und vor allem: wann. Davon sprach er natürlich nie.

Zartmann stammte aus einer ehemals reichen katholischen Familie, die ihren Besitz hatte zurücklassen müssen, als seine Großeltern Anfang der fünfziger Jahre die DDR in Richtung Hamburg verließen. Er erlaubte es sich, einen englischen Sportwagen zu fahren, einen Morgan, und einen Großteil seines Gehalts ausschließlich für Reisen und Essen auszugeben.

Seine Mitarbeiter hatten sich nicht gewundert, als er das Angebot annahm, nach Den Haag zu EUROPOL zu wechseln. Er war der beste deutsche Fachmann in Sachen verdeckte Strukturen der Organisierten Kriminalität, und solche Leute würde man bei der internationalen Behörde brauchen. Die Grundbedingungen, die für alle Bewerber galten, neben der eigenen noch zwei andere Sprachen zu beherrschen, erfüllte er sowieso. Naheliegend, dass es Englisch und Französisch waren.

Der Junggeselle hatte außerdem keine Rücksichten zu nehmen auf familiäre Hindernisse, Kinder etwa, denen ein Schulwechsel nach Holland nicht zuzumuten oder eine Gattin, die im örtlichen Rotarierclub oder beim Tennisdoppel unabkömmlich war. Zartmann lebte alleine und das voller Überzeugung. Gelegentliche Anwandlungen, alles hinzuschmeißen, Job und Karriere, statt dessen sich den Lebenstraum eines eigenen kleinen Hotels mit hervorragendem Restaurant zu erfüllen, bekämpfte er bislang erfolgreich. Schließlich war er vor allem Realist, und für den mussen Träume finanzierbar sein.

Kriminalrat Lionel Zartmann konnte sich also durchaus vorstellen, dass es Situationen gab, in denen man nicht aufs Schicksal hoffen sollte, sondern Schicksal spielen musste. Allerdings: So konkret wie in diesem Moment und ausgerechnet auf einer Waldlichtung nach einem Schluck Champagner hatte er sich damit noch nie beschäftigt.

"Also, ich würde ohne Zögern einen erschießen, wenn ich wüsste, dass der in den nächsten Stunden eine Bombe legen will", griff Peter McFerrer ein. Der rothaarige Brite, von Scotland Yard aus dessen Spezialabteilung Terrorismus für den letzten Schliff zum Kurs ins Elsass geschickt und ebenfalls für die europäische Zentrale von EUROPOL in Den Haag vorgesehen, war ein Organisationsgenie. "Sofort würde ich einen möglichen Terroristen umlegen", wiederholte er, "oder sollte ich etwa darauf warten, bis zufällig ein Haftrichter vorbeikommt?"

Der Brite war zwar stolz auf seine irische Abstammung, aber er hielt die Vermummten der IRA für blutrünstige Verbrecher und keinesfalls für vaterländische Gesinnungstäter, deren Motive jeder Ire verstehen müsse. Seit Scotland Yard vermutete, dass die Bombenleger wussten, wer ihr härtester Gegner war, standen McFerrers Frau und seine Kinder unter Polizeischutz. Was seinen Hass verstärkt und den geplanten Umzug nach Den Haag verlockend gemacht hatte. Außerdem hatte er dabei sein wollen, als verkündet wurde, jedes Land würde seine Besten nach Den Haag schicken. Peter McFerrer ist bei der britischen Spezialeinheit SAS im Kampf gegen Terroristen ausgebildet worden. Auch im Töten.

Den Kurs in Colmar hatten Spezialisten von allen westlichen Ländern besucht. Aber dass sich ausgerechnet Retin, van Rey, Zartmann und McFerrer so gut verstanden, lag nicht nur an persönlicher Sympathie, sondern an den ähnlichen Schwerpunkten ihrer Arbeit. Darum hatten sie besonders aufmerksam gelauscht, als die geheime Kunst des Mordens auf dem Lehrplan stand. Sich als Gruppe gemeldet, als es um die schriftliche Abschlussarbeit ging, was aber in Wahrheit daran lag, dass sie lieber Tennis spielen würden als jeder einzeln und für sich ein Referat zu schreiben und so ihre Zeit zu vergeuden. Begründet jedoch mit großen Worten: Der internationale Gedanke von EUROPOL würde sich schon jetzt und daran zeigen, dass keiner von ihnen einen Ruhm für sich suche, sondern sich innerhalb der Gruppe unterordnete, man deshalb sogar gemeinsam diese Aufgabe lösen würden. Blablabla. Ihre Lehrer waren beeindruckt.

Am Ende ihres Aufsatzes, denn ein solches Ende war im Sinne des Themas naheliegend, hatten alle vier das Recht auf Selbstjustiz anhand verschiedener Beispiele sogar moralisch und ethisch begründet. Am Beispiel des Drogendealers, dem zwar vor Gericht nichts nachzuweisen war, der aber letztlich durch seine Geschäfte am Tod vieler Jugendlicher schuld ist. Am Beispiel des Nazidoktors, der mit Hilfe der katholischen Kirche und mit Hilfe eines Schweizer Bankkontos nach dem Krieg in Südamerika untergetaucht ist und ein bürgerliches Leben begonnen hatte. Am Beispiel des Attentäters, der im Namen irgendeiner abstrusen Idee von Freiheit eine Bombe vor ein Polizeirevier gelegt hatte und dem es egal war, dass auch der vorbeifahrende Bus mit Schulkindern in die Luft geflogen ist. Am Beispiel des Politikers, der trotz aller Warnungen ein mit Aids-Viren verseuchtes Blutplasma einer Firma nicht rechtzeitig vom Markt nehmen ließ und sich dennoch unschuldig fühlt am Tod Dutzender von Blutern. Am Beispiel des Industriellen, der die strengen Exportbestimmungen unterlief und die nötigen Substanzen für Giftgas an den Irak lieferte, mit denen Saddam Hussein Kurden vergiften konnte. Am Beispiel des Priesters, der Ministranten sexuell missbrauchte und deren Leben damit für immer zerstörte, selbst aber nur mit zwei Jahren Gefängnis und anschließender Unterbringung in einem diskreten Kloster büßte.

Wer solche Typen angemessen bestraft, also vom Leben in den Tod befördert, hieß es in ihrem Referat, kann eigentlich im landläufigen Sinne kein Verbrecher sein. Im Gegenteil, er befreite doch die Menschheit von Verbrechern. Was ziemlich logisch klang.

Und morgen lesen Sie: Die vier Polizisten setzen sich eine Frist.

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