"Und erlöse uns von allen Üblen" #41 : Die Ermittlerin findet kein Motiv

Die Polizei kommt im Mordfall Freypen nicht voran. Der Verleger Schwarzkoff tritt arrogant auf. Ein Fortsetzungsroman, Teil 41.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Mörder des Rechtsnationalen Freypen ist zurück an seinem Arbeitsplatz bei EUROPOL. Die Polizei in Hamburg tappt derweil im Dunklen.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 41 vom 26. Juli.

Eitle Männer lässt Susanne Hornstein bei passenden Gelegenheiten mit kalter Lust ins Messer laufen. Der Verleger der Abendpost, der ihr an einem antiken Sekretär in seinem Büro gegenüber sitzt, ist so einer dieser Typen, und ihr deshalb auf den ersten Blick unsympathisch. Das lässt sich die Kriminalbeamtin nicht anmerken, denn im Laufe ihrer Karriere hat sie gelernt, ihre Gefühle zu verbergen. Die beruflich bedingten, zum Beispiel ihre Verachtung für politische Hohlköpfe in Berlin oder Verbitterung über Ganoven , die trotz aller von ihr gesammelter Indizien vor Gericht nicht zu packen waren, ebenso wie die privaten Gefühle. An solche kann sie sich allerdings schon kaum mehr erinnern.

Jens-Peter Schwarzkoff hat sich für dieses Gespräch, das ein Verhör werden könnte, wie er befürchtet, von seinem Butler einen dunklen Anzug heraussuchen lassen und eine dezente Krawatte zum weißen Hemd gewählt. Er will Eindruck auf sein Gegenüber machen und dazu gehört auch sein Äußeres, nicht nur seine Stellung in der Gesellschaft. Von den Ereignissen aus der Nacht zum Sonnabend merkt man ihm nichts mehr an, er ist heute früh in seinem privaten Hallenbad geschwommen und hat anschließend zwei Stunden lang in der Sauna auch den letzten Rest von Alkohol aus seinem Körper geschwitzt. Dann an der Seite seiner Frau beim katholischen Gottesdienst in der ersten Reihe Platz genommen - um gesehen zu werden und nicht etwa aus christlicher Überzeugung.

Nach der Messe ist er zum ersten Mal an diesem Tag kalt erwischt worden. Am Kirchenportal, wo er nur Gottes Segen erwartete, hat er mit verblüfftem Gesichtsausdruck den Dank des örtlichen UNICEF-Vertreters für seine großzügige Spende in Höhe von 180.000 Euro anhören müssen. Zehntausend pro Abschlag für das Benefizereignis in seinem Golfclub. Julia Schwarzkoff, ganz elegante Dame im blauen Kostüm, das zu ihren blonden Locken passte, in denen nur eine einzige graue Strähne ihr Alter ahnen ließ, genoss die Situation sichtlich: "Jetzt haben Sie mir die Überraschung verdorben. Mein Gatte wusste noch gar nichts davon. Das sollte er erst heute Abend von mir erfahren nach der Siegerehrung. Aber sicher hätte er es genauso gemacht wie ich, falls er gegen Bernhard Langer hätte spielen dürfen, nicht wahr Jens-Peter?", flötete sie mit verlogener Kleinmädchenstimme. Schwarzkoff nickte nur und biss die Zähne zusammen, das sah dann aus wie ein verschämtes Lächeln. Seine Frau wusste, dass er sie am liebsten gleich hier vor der Kirche erwürgt und hinten auf dem Friedhof begraben hätte, und das verschaffte ihr gute Laune für den Rest des Sonntags. Sie ließ sich von einer Freundin zum Lunch überreden, vermied so eine Auseinandersetzung mit ihrem Mann unter vier Augen.

Auf dem Weg in seinen Verlag hatte sich Schwarzkoff langsam wieder beruhigt. War zwar nicht mehr zu ändern mit der Spende, aber er würde das beste daraus machen: Öffentlichkeit herstellen, also sein Image als guter Mensch aufpolieren, und sich eine Quittung fürs Finanzamt geben lassen, um alles von der Steuer absetzen zu können.  Susanne Hornstein hat auf der Homepage der Abendpost schon seinen Nachruf auf Freypen gelesen, bevor sie sich mit Schwarzkoff in dessen Büro verabredete, aber sie ist davon ebenso wenig beeindruckt wie vom Autor selbst.

Die Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit. Die kühle Blonde, diesmal im grauen Hosenanzug und nicht im Kostüm, ist nicht Schwarzkoffs Typ. Sieht aus, überlegt er verächtlich, als sei sie lange nicht mehr gefickt worden. Mit dieser Vermutung liegt er nicht falsch, aber das ist die geringste Sorge von Susanne Hornstein. Der Verleger gehörte zu den Männern, die immer noch glaubten, das Hauptanliegen aller Frauen, egal ob blöde oder intelligent, sei es, möglichst oft Sex zu haben. Er ging also davon aus, dass sie wenigstens in dieser Beziehung waren wie Männer, wenn man sie schon sonst nicht verstand. Den müden Kalauer, Frauen seien der beste Freund des Menschen, hielt er für einen guten Witz.

Sein beiläufiges Angebot an Susanne Hornstein, im tiefen Sessel in der Mitte des Raumes Platz zu nehmen, beachtet sie nicht und zieht sich statt dessen einen festen Stuhl heran. Der Manager-Trick, sich mit solchen freundlich klingenden Angeboten bei Verhand­lungen selbst groß und den anderen klein zu machen, ist so uralt und so durchsichtig, dass sie sich in ihrer Intelligenz beleidigt fühlt. Ihre Laune bessert sich. Wenn er sie für so naiv hält, wird sie das ausnützen.

"Erzählen Sie mir doch noch einmal genau den Verlauf des gestrigen Abends ... ach, stört es Sie, wenn ich rauche"«

"Ja, stört mich. Sie stören mich übrigens auch. Ich habe nämlich noch was anderes vor. Heute ist Sonntag, falls Sie das vergessen haben sollten. Außerdem habe ich Ihnen doch alles schon gestern am Telefon gesagt. Reicht das nicht?"

Susanne Hornstein bleibt ungerührt. Es kommt ihr zwar ein bisschen seltsam vor, dass Freypens vom Verlust angeblich so tief getroffener Jugendfreund nicht mal den Versuch macht, Interesse an den Ermittlungen zu heucheln, nicht mal bei der Begrüßung gefragt hatte, ob es schon eine Spur vom Mörder gibt. Sie wundert sich aber nur kurzfristig darüber, denn sie weiß ja nicht, dass ihn nur eines interessiert, ob Andrea Hofwieser weiterhin schweigt. Männer wie er, und das wiederum kann Schwarzkoff nicht wissen, sind ihr beruflich gesehen die liebsten. Von sich selbst eingenommen, arrogant und aufgrund solcher Selbstüberschätzung leicht aufs Kreuz zu legen.

"Ich habe gute Verbindungen", legt Schwarzkoff nach, "auch ganz oben in Berlin. Ich bezweifle, ob man dort so begeistert sein wird , dass Sie nicht den Mörder meines Freundes Joachim suchen, sondern unschuldige Bürger nerven mit Ihren blöden Fragen."

"Halten Sie eine Frage nach Ihrem Alibi für blöde, Herr Schwarzkoff?", antwortet die Beamtin und geht gar nicht auf die plumpe Drohung ein. Es ist nicht die erste dieser Art, die sie im Laufe ihrer vielen Ermitt­lungen gehört hat und bisher war es entgegen landläufiger Meinung von bürokratischen Abläufen noch nie so, dass sie aufgrund eines Anrufes von sogenannten bedeutenden Persönlichkeiten zurückgepfiffen wurde, falls es im Zuge ihrer Ermittlungen brisant zu werden drohte. Deutschland ist schon lange kein Obrigkeitsstaat mehr. Sogar die Vereinigung mit Millionen an Diktatur gewöhnten Ostdeutschen hat daran nichts ändern können.

Das Spielfeld der rechten Rattenfänger ist allerdings größer geworden. Susanne Hornstein hatte noch nie einen Fall zu lösen, in dem es um Mord am Vorsitzenden einer Partei ging. Was immer man von Joachim Freypen und seiner Partei halten mochte, und sie hielt nichts von beiden, verboten war seine Organisation ja nicht. Also gab es ein starkes politisches Interesse sogar im Kanzleramt, möglichst schnell zu Ergebnissen zu kommen, um die üblichen rechten Dolchstoßlegenden über finstere Verschwörungen gar nicht erst entstehen zu lassen. So etwas würde die politischen Strategien für den Wahlkampf stören, und darüber waren sich ohne Absprache alle anderen Parteien stillschweigend einig. Längst stand die Schlachtordnung fest, obwohl die eine Seite noch einen richtigen Anführer suchte, denn der, der sich für den richtigen hielt, war vielen noch zu windig. Man brauchte keine dem Vaterland verschworene Partei wie die Nationale Alternative, denn das Vaterland vertraten sie alle selbst auf ihre Art. Und soviel Vaterland gab es nun auch wieder nicht zu verteilen, trotz der neuen Bundesländer.

Susanne Hornstein ist an diesem Sonntagnachmittag, knapp zwanzig Stunden nach dem Attentat, noch am Anfang ihrer Ermittlungen. Man kann auch sagen: schon am Ende. Sie haben eine Leiche, sie haben das Kaliber der tödlichen Schüsse, sie wissen, wo der Mörder stand, als er schoss und sonst haben sie nichts. Einfach nichts. Wer könnte ein Motiv gehabt haben, Freypen auf diese Weise zu erledigen? Seine politischen Gegner hätten versucht, ihn rechtzeitig vor der nächsten Bundestagswahl mundtot zu machen, dafür gab es entsprechende Pläne für Recherchen in Freypens Vergangenheit. Aber Mord ?

Und morgen lesen Sie: Die Ermittlerin macht einen Fehler.

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