"Und erlöse uns von allen Üblen" #43 : Verleger Schwarzkoff sinnt auf Rache

Der Verleger und seine Reporterin erzählen ihre Version der Mordnacht. Ermittlerin Hornstein ahnt etwas. Ein Fortsetzungsroman, Teil 43.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Ermittlerin Hornstein ahnt, dass zwischen dem Verleger und der Reporterin etwas vorgefallen ist. Doch beide lügen.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 43 vom 28. Juli.

Es klopft. Die rothaarige Reporterin ist ungeschminkt, was ihre Haut noch weißer erscheinen lässt. Sie behält ihre Zigarette im Mundwinkel, als sie Susanne Hornstein begrüßt. Der Verleger hat sich aus seinem Stuhl erhoben, Andrea Hofwieser nickt ihm nur kurz zu und vermeidet dann jeden Blickkontakt. Setzt sich auf die Ledercouch unter das Portrait von Schwarzkoffs Vater, dem verstorbenen Gründer des Verlages.

"Wir haben gerade besprochen, wie spät es wohl so etwa gewesen ist, als Herr Schwarzkoff Sie nach Hause gebracht hat", sagt Susanne Hornstein, "ist Ihnen vielleicht noch etwas eingefallen seit unserem letzten Gespräch? Etwas, das nicht in die Umgebung passte, ein fremdes Auto vielleicht, eine fremde Gestalt? War zum Beispiel die Haustür verschlossen?"

Schwarzkoff scheint den Atem anzuhalten. Wird Andrea Hofwieser bei ihrer Aussage bleiben oder hat sie es sich anders überlegt und sagt nun, wie es wirklich war? Dass er versucht hat, sie zu vergewaltigen? Anders kann man es wohl nicht nennen. Und was dann, soll er alles bestreiten? Soll er einen Blackout vortäuschen, weil er zu viel getrunken hat? Andrea Hofwieser, wieder in den ausgebleichten Jeans und einer diesmal bunten Bluse, bleibt einen Moment lang stumm, dann drückt sie ihre Zigarette im Blumentopf aus, lächelt automatisch Susanne Hornstein an. Die begreift, worauf sich das Lächeln bezieht und grinst ebenfalls. Der Verleger schiebt ihr nur wortlos einen Aschenbecher aus Messing hin. "Nein, nichts, mir ist nichts eingefallen", sagt sie dann langsam, "ich habe die halbe Nacht wach gelegen und mir den Kopf zerbrochen. Vergebens. Es war einfach alles normal. Herr Schwarzkoff hat sich verabschiedet, ich habe ihn noch mit seinem Jaguar um die Ecke biegen sehen, dann habe ich aufgeschlossen und bin nach oben in meine Wohnung gefahren."

Jetzt stößt Jens-Peter Schwarzkoff unhörbar den Atem aus, seine Gesichtsfarbe gewinnt ihr natürliches Sonnenbraun wieder. "Na, sehen sie", sagt er jovial zu der Beamtin und wendet sich dann Andrea Hofwieser zu: "Die Frau Kommissarin , Entschuldigung, die Frau Kriminaldirektor, hatte nämlich insgeheim gehofft, wir würden den Mord gestehen und ihr die Arbeit erleichtern."

Die Kriminalbeamtin erhebt sich und geht zur Tür. Andrea Hofwieser folgt ihr ohne zu zögern. Die will mit ihrem Chef wohl nicht allein sein, denkt Susanne Hornstein. Vielleicht habe ich mich doch getäuscht., Vielleicht ist doch nichts zwischen den beiden. Oder er hat es versucht und ist abgeblitzt. Dumme Sau, geschieht ihm recht. Sie ahnt nicht, wie nahe ihre Vermutungen an der Wahrheit sind. "Vielen Dank", sagt sie, an beide gerichtet, "ich glaube, das war erst einmal alles. Falls mir noch was einfällt, werde ich mich melden."

Auch Schwarzkoff ist es recht, dass Andrea nicht geblieben ist. Ein Gespräch mit ihr hätte seine mühsam wieder errungene Fassung zerstört. Immerhin weiß er jetzt, dass diese verdammte Geschichte in der Tiefgarage ohne Folgen für ihn bleiben wird.

Auch Andrea Hofwieser will darüber offensichtlich nicht reden. Was ihm auch am liebsten ist, einfach so zu tun, als habe das ganze nicht stattgefunden. Außerdem ist ja nichts wirklich passiert. Irgendwie haben wir sogar noch Glück gehabt, dass wir nicht dem Mörder in die Arme gelaufen sind. Der muss genau um die Zeit noch im Haus gewesen sein. Im Haus?

Er hat plötzlich eine ganz bestimmte Ahnung, wer es war, der ihn niedergeschlagen hat. Er ahnt, wer seinen Wagen benutzt und den am Stadtpark abgestellt hat. Das kann nur der Mörder gewesen sein, ein anderer kommt eigentlich nicht in Frage. Es wird schließlich nicht irgendein Mieter den edlen Ritter für eine Nachbarin spielen und dann noch die Mühe auf sich nehmen, sein Opfer, den Täter, nachts in einen Park zu fahren. Eine wahnsinnig klingende Konstruktion, aber durchaus plausibel.

Schwarzkoff macht sich keine Gedanken darüber, dass er die Kriminalbeamtin angelogen und damit eine Art Verrat an seinem toten Freund begangen hat. Er ist sich selbst der Nächste, das war schon immer so. Beruhigt sein Gewissen damit, dass er ihr mit seiner Vermutung gar nicht hätte helfen können. Den Mann, der mich niedergeschlagen hat, den habe ich doch gar nicht gesehen.

In dem Moment wird ihm klar, dass es natürlich einen Menschen gibt, der den Mörder gesehen haben muss. Andrea Hofwieser. Die muss dem doch genau ins Gesicht geschaut haben, als der sich über ihn beugte, um ihn bewusstlos zu schlagen. Die hatte die Augen doch geöffnet. Er pfeift durch die Zähne und grinst. Seine Frau, die ihn besser kennt als alle anderen, hätte gleich gewusst, was dieses Grinsen bedeutet. So grinst Jens-Peter Schwarzkoff nur, wenn ihm eine besonders gemeine Idee gekommen ist. Gerade ist ihm eingefallen, wie er der Journalistin die peinliche Szene in der Garage heimzahlen wird. Wie er seinen verletzten Stolz rächen kann und sich trotzdem nicht selbst in Gefahr bringen und die Hände schmutzig machen muss. Dass seine Hände bereits schmutzig sind, weil er versucht hat, eine Frau zu vergewaltigen, kommt ihn nicht in den Sinn. So etwas wie ein Eingeständnis eigener Schuld hat keinen Platz in seiner Welt. Die hat sich um ihn zu drehen, mehr nicht.

Seine Frau Julia zum Beispiel hat es nie geschafft, ihn zu einem Arztbesuch zu überreden und sich testen zu lassen, damals in den ersten Jahren ihrer Ehe, als sie keine Kinder bekam und er natürlich ihr die Schuld gab, dass er keinen Erben haben würde. Er ist einfach aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen, weil sie es gewagt hatte, an seiner Manneskraft zu zweifeln, denn eine Scheidung kam für ihn aus gesellschaftlichen und für sie aus religiösen Gründen nicht in Frage. Komisch allerdings, dass keines der vielen Mädchen, mit denen er es in der Zeit danach getrieben hatte, schwanger geworden war. Was das wohl zu bedeuten hatte, war ihm klar, aber er hat es verdrängt. Sich damit getröstet, dass die wahrscheinlich alle entweder irgendwann die Pille benutzt haben oder dass er schlicht Glück gehabt hatte. Wäre er ehrlich gewesen sich selbst gegenüber, hätte er sich daran erinnert, dass er als Student in München bei einem der üblichen schnellen Abenteuer eine Geschlechtskrankheit eingefangen hatte und die zu spät behandelt worden war. Zu spät jedenfalls, um seine Zeugungsfähigkeit zu retten, wie ihm der Arzt damals eröffnet hatte.

Und morgen lesen Sie: Der Leibwächter des Ermordeten bekommt ein Fax.

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