"Und erlöse uns von allen Üblen" #44 : Die Reporterin bekommt einen Schatten

Der Verleger und seine Journalistin geben sich Alibis für die Mordnacht. Die Ermittlerin ist sich sicher, dass etwas nicht stimmt. Ein Fortsetzungsroman, Teil 44.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Reporterin Hofwieser verschweigt der Polizei die versuchte Vergewaltigung durch ihren Chef. Die Ermittlerin ahnt, dass beide etwas verschweigen.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 44 vom 29. Juli.

Karl Mulder sitzt am Schreibtisch seines toten Chefs. Er benutzt dessen sichere Leitung, um die nötigen Gespräche für die Beerdigung in Dresden zu führen, die nach Freigabe der Leiche durch die Gerichtsmedizin am 11. Oktober stattfinden soll. Ein Sonntag. Ungewöhnlich zwar, aber Helga Freypen hatte der katholischen St.-Klemens-Gemeinde einen hohen fünfstelligen Betrag in Aussicht gestellt, Spendenbescheinigung aber gleichzeitig erbeten, wenn Totenmesse und Bestattung ausnahmsweise sonntags stattfinden könnten. Der von seiner Tochter Marine entmachtete Front National-Gründer Jean-Marie Le Pen wollte kommen, angekündigt sind außerdem hochrangige Vertreter der Legia Nord aus Italien, von der österreichischen FPÖ und vom Vlaams Blok aus Belgien. Für Le Pen und Freypen war es in der Vergangenheit zum Running Gag geworden, ihre politischen Gemeinsamkeiten mit den fast gleichen Silben in ihren Namen zu begründen.

Mulder bespricht mit deren Sicherheitsleuten die Planung. Auch er hat alle Sonntagszeitungen gelesen und zuvor natürlich Online den Nachruf von Schwarzkoff. Der hat ihn angerührt, aber verlogene Sentimentalität kann er von echten Gefühlen nicht unterscheiden. Die Konkurrenzblätter BILD AM SONNTAG und WELT AM SONNTAG sind wegen der ganz besonderen Informationen der Abendpost heute nur zweiter Sieger. Sie beschränken sich deshalb auf den Abdruck der politischen Reaktionen aus Berlin, die ziemlich mager sind, weil dort offiziell nicht einmal der tote Freypen ein Thema sein darf, und walzen statt dessen ihr Lieblingsthema Innere Sicherheit aus. Als ob die in Hamburg mit den Grünen regierenden Sozialdemokraten oder gar Bürgermeister Olaf Scholz persönlich schuld daran sind, dass in ihrer Stadt einer ermordet wurde.

Weil plötzlich das Faxgerät klingelt, das kaum noch einer benutzt seit es Emails gibt, blickt Mulder überrascht zur Seite. Die Nummer dieses Anschlusses ist ebenso geheim wie die Telefonnummer des Apparats, den er gerade benutzt hat. Er verfolgt gespannt, wie das Papier langsam aus der Maschine kriecht. Blickt zunächst automatisch nach dem Absender, der immer oben auf dem Bogen erscheint. Nichts. Wartet ungeduldig, bis die Übertragung beendet ist und reißt fast das Papier raus.

"WISSEN SIE EIGENTLICH, DASS FREYPENS MÖRDER AUS DER WOHNUNG VON ANDREA HOFWIESER GESCHOSSEN HAT? HABEN SIE SICH NICHT GEFRAGT, WIE DIE ABENDPOST ZU DEN FOTOS VON DER LEICHE KAM? WAS HAT DIE FRAU BISHER BEI DER POLIZEI VERSCHWIEGEN? KENNT SIE DEN MÖRDER? HAT SIE IHM DEN SCHLÜSSEL FÜR IHRE WOHNUNG GEGEBEN? ODER HAT SIE VIELLEICHT SOGAR SELBST GESCHOSSEN?"

Mulder springt wie elektrisiert auf und liest noch einmal das Fax. Er muss sich förmlich zwingen, ruhig nachzudenken und wieder hinzusitzen. Sinnlos, nach einem Absender zu forschen, der hat seine Kennung gelöscht, bevor er faxte. Es musste jemand sein, den Freypen sehr gut gekannt und gewusst hat, dass der noch immer lieber Faxe statt Emails verschickte und dem er vertraute. Anderen hätte er diese Nummer nicht gegeben, soviel steht fest. Ist der Absender vielleicht die besondere Quelle im Polizeiapparat, die der Chef einmal erwähnt hatte? Die immer rechtzeitig gewarnt hatte, wenn zum Beispiel eine bundesweite Razzia gegen Skinheads angesetzt war? Solche Details, wie sie in den Fragen des anonymen Schreibens genannt werden, kann doch nur ein Insider wissen. Mulder ist es egal, wer das geschickt hat, das interessiert ihn nur am Rande. Er hält zwar die Vorstellung für absurd, dass die Reporterin selbst geschossen haben könnte. Er weiß aus seiner Vergangenheit , dass die Experten der Mordkommission das sofort hätten feststellen können, anhand von Schmauchspuren zum Beispiel. Auch zwölf Stunden nach der Tat.

Die anderen Hinweise sind es, die ihn so in Spannung versetzt haben, mit denen kann er etwas anfangen. Nicht nur, weil er unbedingt den Mörder selbst fassen will, bevor ihn die Polizei findet. Seit Helga Freypen eine Million Euro für die Ergreifung des Attentäters ausgelobt hat, sieht er Perspektiven für seine ganz persönliche Zukunft, denn dass die Witwe ihn als Sicherheitschef für die Partei behält, glaubt er nach der Begegnung mit ihr nicht mehr. Sie scheint ihn verantwortlich zu machen für den Tod ihres Mannes und so ganz unrecht hat sie ja auch nicht, wie er weiß. Scheiß Panzerglas, hätte er wirklich dran denken können. Mit der Belohnung jedoch könnte er sich zur Ruhe setzen und das tun, was er schon lange tun wollte, nichts.

Er drückt auf einen Knopf der Lautsprecheranlage, die ihn mit dem Vorzimmer verbindet. Da sitzen die seit gestern arbeitslosen Männer seiner Security-Truppe, die er auch heute hierher in die Zentrale bestellt hat und die auf seine Anweisungen warten. Eigentlich wollte er mit ihnen besprechen, wo sie bei der Bestattung Freypens eingesetzt werden, aber dafür kann Mulder auch Freiwillige aus dem Ortsverband der Partei vor Ort einteilen, denn die ausländischen Ehrengäste würden ihre eigene Schutztruppe von erprobten Schlägern mitbringen. Die neue Aufgabe, eine Rund-um-die Uhr- Beschattung dieser Reporterin, erforderte Profis. "Kommt rein", sagt Mulder und reibt sich die Glatze, "es gibt was zu tun." Lange motivieren muss er sie nicht, sie alle sind durch den Mord an Freypen in ihrer Berufsehre verletzt, ihrer Ehre als Leibwächter, eine andere kennen sie nicht. Sie können zwar nichts dafür, aber sie fühlen sich als Versager. Und wollen Rache. "Die darf nichts merken", verlangt Mulder, "nichts. Nur wenn sie sich ganz sicher fühlt, besteht eine Chance für uns, dass sie uns zum Mörder führt."

Susanne Hornstein tagt zur selben Zeit mit Krucht und ihren Kollegen in einem Konferenzraum des Polizeipräsidiums, um den Stand der bisherigen Ermittlungen zusammenzufassen. Es ist neunzehn Uhr. Große Kannen mit Kaffee stehen in der Mitte des Tisches, darum liegen eine paar verlorene alte Kuchenstücke, die keiner mehr anfassen mag. Es stinkt nach kaltem Rauch und zu wenig Schlaf. Die Mikrophone bleiben ausgeschaltet, man versteht sich auch so.

Krucht beginnt. Der Hamburger Kriminalrat bestätigt kurz, dass die Ringfahndung nichts erbracht hat und auch die Kontrollen auf dem Flugha­fen und den Bahnhöfen erfolglos waren. "Wie war denn das Gespräch mit Schwarzkoff?", möchte er wissen, aber Susanne Hornstein bittet ihn um einen Moment Geduld, sie will erst die einzelnen Routine-Punkte auf ihrer Liste abhaken.

Einwände des Gerichtsmediziners, die Leiche Freypens freizugeben, wie die Familie verlangt hat? Keine, kann nach Dresden überführt werden. Das Material auf dem Schreibtisch des Toten? Nur Propagandamaterial und ein paar unwichtige Briefe. Der Freund des Arztes auf dem oberen Flur neben Hofwieser? Keine Vorstrafen, nie aufgefallen, hat der Kriminaldauerdienst des BKA, der rund um die Uhr besetzt ist, bereits durchgegeben. Nicht mal eine Ordnungswidrigkeit können wir ihm anhängen, ergänzt einer der Hamburger Beamten, der Junge schläft zwar bei seinem Lover, hat aber nach wie vor eine eigene Wohnung, und ist dort gemeldet. Die Befragung der Hausbewohner? Waren zwar alle erreichbar, wir hatten Glück, weil es Sonntagvormittag war, aber keiner hat das geringste gesehen oder gehört. Hausmeister? Ist am Tag der deutschen Einheit in seinen Wohnwagen an die Ostsee gefahren, kommt erst heute Abend zurück. Wir haben trotzdem einen Mann nach Scharbeutz geschickt, aber es ist nichts dabei herausgekommen, was uns hilft. Auch vor dem Mordtag ist dem nichts Verdächtiges im Haus oder ums Haus herum aufgefallen.

Vergleich der gefundenen Kugeln mit den gespeicherten Daten der Abteilung Schusswaffentechnik in Wiesbaden? Null, aus dem Gewehr ist noch nie geschossen worden, wenigstens noch nie in einem Fall, der in der BKA-Datenbank verzeichnet ist. Ergebnisse der Untersuchung von Andrea Hofwiesers Appartement? Keine Fingerabdrücke außer ihren eigenen, die sie uns übrigens ohne Proteste gegeben hat, keine Dreckspuren, die nicht aus ihren Schuhen stammen, keine Kratzer am Schloss. Der Attentäter hat aus ihrer Wohnung geschossen, das steht fest. Aber er muss einen Schlüssel gehabt haben. Woher?

"Woher?", fragt Krucht, als habe er die Gedanken von Susanne Hornstein lesen können, die gerade zu einem längeren Vortrag anset­zen will.

"Von ihr wohl kaum", nimmt sie den Faden auf, "sie hat mir erstens ihre beiden Schlüssel gezeigt und zweitens halte ich sie nicht für so doof, dem Mörder einen Schlüssel für ihre Wohnung zu geben und zu glauben, das käme nie heraus. Ihr Alibi ist übrigens durch die Aussage von Schwarzkoff bestätigt und dessen Alibi wiederum durch ihre Aussage und wir wissen auch, wann sie das Fest verlassen haben. 21 Uhr. Sie können also nicht vor 21.15 Uhr unten am Haus angekommen sein. Und da war Freypen schon tot. Ich habe mit beiden gesprochen, beide haben nach meinem Eindruck zwar etwas zu verbergen, aber das hat nichts mit dem Mord zu tun, sondern mit Sex. Geht uns also nichts an. Ich kann ehrlich gesagt auch kein sinnvolles Motiv erkennen. Wir sollten aber zur Sicherheit die Vergangenheit von Schwarzkoff durchleuchten, ob er wirklich so gut befreundet war mit Freypen, wie er behauptet. Wäre ja nicht das erste Mal, dass sich einer ein wasserdichtes Alibi besorgt und einen anderen die Drecksarbeit machen lässt. Motiv? Keine Ahnung. Ich weiß, ich weiß, klingt nach Kino. Aber mir ist wohler, wenn wir so etwas ausschließen können. Checkt bitte mal diskret im Madison, ob die Hofwieser und Schwarzkoff sich dort Samstagnacht noch ein Zimmer genommen haben."

Dabei fällt ihr wieder ein, dass sie von Schwarzkoff keine Antwort bekommen hat, als sie ihn fragte, ob er direkt nach Hause gefahren ist, nachdem er sich von Andrea verabschiedet hatte. Sie nimmt sich vor, ihn deswegen noch einmal anzurufen. Wirft dabei ihre leere Zigarettenschachtel in den Papierkorb, schnorrt sich eine Zigarette von dem jungen Beamten, der neben ihr sitzt, und vergisst, sich die Notiz mit dem Anruf bei Schwarzkoff zu machen.

"Würde aber auch nichts beweisen, dann haben Sie eben gevögelt", sagt sie grob, als könnte sie durch ihre nicht gerade damenhafte Wortwahl den Männern am Tisch vorspielen, dass sie aus vielen eigenen Erfahrungen weiß, wovon sie spricht: "Dann haben sie mich zwar angelogen, aber das hat nichts mit dem Mord zu tun. Geht nur Schwarzkoffs Frau etwas an, aber die wiederum interessiert uns nicht. Das heißt, halt, doch. Freypen hat angeblich bei ihr Punkt 21 Uhr angerufen. Also nachfragen, ob ihr noch etwas aufgefallen ist. Wer macht das? Danke. Weiter. Hofwieser und Schwarzkoff saßen auf der Rückfahrt von dieser Party im Auto, als die Schüsse fielen. Das wissen wir durch die Aussagen des Leibwächters und damit können wir beide von der Liste der Verdächtigen streichen. Falls wir eine Liste hätten. Eigentlich haben wir nämlich nichts, Herrschaften, rein gar nichts, verdammt noch mal." Was sie nicht als Vorwurf meint und auch keiner so versteht.

Krucht macht sich ganz andere Gedanken. Ihm fällt auf, dass Susanne Hornstein ein bisschen zu ausführlich das Thema einer möglichen Affäre zwischen Andrea Hofwieser und Jens-Peter Schwarzkoff ausgewalzt hat. Als ob es ihr Befriedigung bereitet, über Sex zu reden. Wäre sie ein Mann, würde er das Maulhurerei nennen. Wie man das bei Frauen nennt, weiß er nicht.

Und morgen lesen Sie: Die Chefermittlerin und die Reporterin essen Pizza.

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