"Und erlöse uns von allen Üblen" #45 : Die Chefermittlerin wird misstrauisch

Die Polizei sucht den Lösungsansatz im Mordfall Freypen beim Verleger Schwarzkoff. Die Reporterin kündigt eine Reise an. Ein Fortsetzungsroman, Teil 45.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Verleger Schwarzkoff und seine Polizeireporterin geben sich Alibis für die Mordnacht. Doch beide verschweigen die Wahrheit.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 45 vom 30. Juli.

Bei der Eilmeldung vom Attentat hatte die Politiker in Berlin gehofft, dass jetzt die Rechten beginnen würden, sich gegenseitig abzuschießen und sich somit das Problem erledigt, wie man die aus der sogenannten politischen Landschaft verschwinden lassen könnte. Kriminaldirektorin Dr. Susanne Hornstein ist mit ihren Leuten von Meckenheim nach Hamburg geschickt worden, weil ihre Abteilung Staatsschutz (ST) für die rechten Extremisten zuständig ist. Das Pendant dazu sitzt in der BKA-Zentrale in Wiesbaden und die Abteilung Terrorismus ( TE) dort hat die Aufgabe, sich um die Bekämpfung des deutschen Linksterrorismus zu kümmern. Von dort kamen weitere vier Beamte, denn die Möglichkeit, dass Freypen, der Rechtsradikale, dem Anschlag eines Linksradikalen zum Opfer gefallen war, schien ebenso real. Auch das passte allen ins politische Kalkül.

Wie man selbst im Amt zugeben musste, waren die RAF-Jäger in den vergangenen Jahren ziemlich erfolglos. Weder die Mörder von Alfred Herrhausen noch die von Detlev Roh­wedder - und zu beiden Attentaten hatte sich die Rote Armee Fraktion bekannt - sind gefunden worden. Überhaupt hat man seit nunmehr schon dreißig Jahren bei insgesamt fünf Anschlägen mit sechs Toten, die der RAF angelastet werden, nicht mal die Spur einer Ahnung, welcher Terrorist oder welche Terroristin es ganz konkret gewesen sein könnten. Die sogenannte dritte RAF-Generation existiert nur als Phantom, aber nicht auf aktuellen Fahndungsplakaten, und Phantome konnte man nicht anklagen. Außerdem hatte die RAF längst offiziell ihren sogenannten bewaffneten Kampf für beendet erklärt.

Wir dürfen uns keine Panne erlauben, denkt Susanne Hornstein, sonst würde uns die Öffentlichkeit mit dem Verfassungsschutz in einen Topf werfen, uns mit diesen Pflaumen, die über viele Jahre im Fall der Terrorzelle NSU so versagt hatten, gemeinsam in der Amateuroberliga ansiedeln.

 

Mulder hat durch einen einzigen Anruf herausbekommen, wo sich Andrea Hofwieser gerade aufhält ­ in der Redaktion. Als sie sich meldete, legte er auf. Sechs seiner Männer teilt er für ihre Beschattung ein, jeweils in Acht-Stunden-Schichten, immer zwei Mann pro Auto, um flexibel zu sein. Natürlich per Handy stets im Kontakt untereinander und mit ihm, dem Chef. Er würde von der Parteizentrale aus den Einsatz koordinieren, sagt er ihnen, und er fühlt sich dabei ganz toll, wie der Oberbefehlshaber einer Streitmacht.

Das erste Kommando, wie Mulder deshalb seine Überwachungsmannschaft nennt, steht hundert Meter vor dem Eingang des Verlages und wartet, ein Foto der rothaarigen Reporterin steckt oben an der Sonnenblende des BMW. Mulder hat sich aus der Abendpost das Bild von Andrea Hofwieser ausgeschnitten und entsprechend vergrößern lassen.

Er will Helga Freypen, die inzwischen schon nach Dresden gereist ist, stolz von seiner Aktion berichten, doch die ist nicht zu sprechen für ihn. Er hört sie im Hintergrund knapp befehlen: "Mulder soll mailen und  für die Organisation der Beerdigung rechtzeitig hier sein. Pünktlich!" Wütend warf er den Hörer hin. Die tut ja so, als sei sie bereits die neue Vorsitzende der Partei. Genau das ist in der Runde beschlossen worden, die er gerade durch seinen Anruf gestört hat. Aber das weiß er nicht, er wird es erst nach der Beerdigung Freypens am Sonntag erfahren.

 

Susanne Hornstein und Andrea Hofwieser sitzen am Sonntagabend in der Wohnung der Reporterin. Sie trinken Bier aus der Flasche, schauen dabei die Nachrichten im Fernsehen an. Freypen ist nur noch die zweite Meldung, vom Anschlag der Taliban in Kabul gibt es bessere Bilder, also blutigere. Beide hatten keine Lust gehabt, in irgendein Restaurant zu gehen, denn da würde man wahrscheinlich auf Kollegen von Andrea treffen. Das wollten beide Frauen nicht. Deshalb gibt es außer dem Bier, das Andrea Hofwieser im Kühlschrank hatte, zwei riesige Pizzas vom Lieferservice. Die beiden Männer von Mulders Truppe haben an der Ecke geparkt, sie beobachten den Hauseingang und die Zufahrt zur Tiefgarage und sie essen Kekse.

Weil die Journalistin ihren Teil der Abmachung erfüllt hat, will sie nun im Gegenzug von der BKA-Beamtin etwas hören. Die blonde Kriminaldirektorin hat allerdings nicht vor, irgendwelche wirklichen Geheimnisse auszuplaudern, das würde sie für die Zukunft erpressbar machen, wie sie weiß, und außerdem ist es ihr ernst mit der Verpflichtung, die sie einst abgegeben hat, dem Staat zu dienen, diesem höheren Wesen, und nicht irgendwelchen Interessen einzelner. "Ich erkläre Ihnen einfach mal an einem ganz konkreten Beispiel, wie unsere Arbeit aussieht", schlägt sie vor, "falls Sie das überhaupt für Ihr Buch brauchen können?"

Andrea Hofwieser nickt.

"Und wir verstehen uns: kein Tonband, keine wörtlichen Zitate, keine Quellenangabe."

Wieder nickt die Journalistin.

Also dann ..."

Susanne Hornstein erzählt konkret, was bisher nach dem Mord an Joachim Freypen unternommen worden ist, selbstverständlich ohne Ergebnisse zu nennen, und was man im speziellen Fall, also in diesem, noch unternehmen wird. "Das heißt doch aber," sagt anschließend Andrea Hofwieser und holt sich dabei ein frisches Bier aus dem Kühlschrank, "das heißt doch aber, dass Sie bislang praktisch nichts haben."

Hornstein gibt ihr keine Antwort, sondern holt aus ihrer Tasche ein Fahndungsplakat, auf dem die einzigen Details, die sie haben – Uhrzeit des Anschlags, Kaliber der Mordwaffe – verzeichnet sind. Kein Foto, keine Phantomzeichnung. Woher auch. Sie erklärt, dass es nicht nur in deutschen Polizeidienststellen hängen wird, sondern auch in die Zentrale von EUROPOL nach Den Haag geschickt wurde. Was EUROPOL bedeutet, muss sie einer Frau, die als Polizeireporterin arbeitet, nicht erklären. "Nach Den Haag will ich auch noch," sagt Andrea Hofwieser, "ich habe um einen Termin gebeten. Bei einem der Spezialisten dort für politische Attentate. Der heißt, warten Sie mal, der heißt ...", und sie schaltet ihren Computer an, wartet einen Moment, bis der Bildschirm hell wird, drückt dann auf BUCH, wartet wieder einen Moment lang: "Der heißt Lionel Zartmann. Kennen Sie den zufällig?"

"Flüchtig. Der war in Wiesbaden vor meiner Zeit und ist schon seit ein paar Jahren bei EUROPOL. Ein begabter Theoretiker, mehr weiß ich nicht. Haben Sie schon einen Termin?"

"Nein, ich habe nur um ein Interview gebeten und berichtet, was ich vorhabe. Natürlich mit den üblichen Versprechen, dass ich ihn nicht zitiere oder nur dann, wenn er einverstanden ist. Und nur für mein Buch, nicht für einen Artikel."

Susanne Hornstein wechselt unvermittelt das Thema, aber so unvermittelt ist das gar nicht. Sie hat nur auf die beste Gelegenheit gewartet, wieder ganz konkret über den Fall zu reden, der sie beschäftigt.

"Wussten Sie eigentlich, dass Freypen und Ihr Chef so gute Freunde waren?" Andrea Hofwieser schüttelt den Kopf: "Nein, wussten wir alle nicht. Man hat nichts davon erfahren, bis jetzt. Es gab aber auch nie irgendwelche Versuche, Artikel zu verhindern, wenn die Partei von uns in der Zeitung eine volle Breitseite bekommen hat. Insofern ..."

"Insofern?"

"Insofern ist Schwarzkoff ein liberaler Mann."

"Und sonst?"

"Nichts und sonst. Ein liberaler Mann. Basta", schnappt Andrea Hofwieser zurück und Susanne Hornstein ist sich jetzt endgültig sicher, dass zwischen der Journalistin und dem Verleger mehr war, als die beiden ihr bisher erzählt haben. Diese unnötig aggressive Reaktion ist für sie das beste Indiz. Sie gähnt und steht langsam auf: "Vielen Dank für Pizza und Bier, aber ich muss wieder los. Ich bin todmüde, wie Sie ja merken. Ach, bevor ich es vergesse. Ich lasse Ihnen morgen noch was schicken für Ihre Reise nach Den Haag. Irgendwo in meinen Unterlagen sind noch ein paar Aufsätze und Abhandlungen von Zartmann. Die könnten ja interessant sein, gerade für ein Buch. Und außerdem ist er sicher geschmeichelt, wenn Sie ihn besuchen und das Zeug kennen. Männer sind so, aber das wissen Sie besser als ich."

Sie geht zur Tür.

"Halt", sagt Andrea Hofwieser und Susanne Hornstein dreht sich gespannt um. Aber die andere Frau grinst nur und zeigt auf die Pizzareste. Drei Zigarettenkippen stecken in den klebrigen Resten. Da muss auch Kriminaldirektor Frau Dr. Susanne Hornstein grinsen. Und sie sieht dabei aus wie ein freches junges Mädchen.

Ihr Handy benutzt sie erst unten , als sie das Haus wieder verlassen hat: "Hornstein hier. Ab sofort wird Andrea Hofwieser beschattet. Ja, in drei Schichten. Fragt Krucht, ob der noch Leute für uns hat. Danke." Dann geht sie die paar Schritte hinüber zum Hotel. Etwas stimmt hier nicht, denkt sie. Was verschweigt die Reporterin? Wen will sie schützen? Wohl nicht den Mörder.

Oder etwa doch?

Und morgen lesen Sie: Der Innenminister bittet zum Gespräch.

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