"Und erlöse uns von allen Üblen" #46 : Der Innenminister wird zynisch

Der Mord am Rechtsnationalen Freypen beschäftigt auch die Politik. Ganz ungelegen kommt die Tat nicht. Ein Fortsetzungsroman, Teil 46.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Chefermittlerin Hornstein will die Vergangenheit des Verlegers Schwarzkoff durchleuchten. Sie ahnt einen Zusammenhang mit dem Mord an dessen Freund Freypen.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 46 vom 31. Juli.

Zur Konferenz in Berlin hat der zuständige Minister des Inneren nur wenige Beamte gebeten. Der Mord an Joachim Freypen erforderte keinen Krisenstab, denn außer seiner Familie und seinen Anhängern ist niemand erschüttert, und ganz bestimmt nicht der Staat, aber es könnte eventuell doch einen terroristischen Hintergrund für das Attentat geben. Es gibt noch immer kein Bekennerschreiben wie einst in jenen Zeiten, bevor die Rote Armee Fraktion ihren Gewaltverzicht verkündet hat.

"Ist noch damit zu rechnen? Heute haben wir erst Montag und auch Terroristen haben das Anrecht auf ein freies Wochenende." Alle lachen pflichtschuldig.

"In den bisherigen Fällen waren die üblichen Briefe spätestens am Morgen nach dem Attentat in der Öffentlichkeit. Über dpa oder über AFP oder wie im Fall Rohwedder am Tatort unter dem Fernglas abgelegt. Es ist nach unseren Erfahrungen also unwahrscheinlich, dass jetzt noch etwas kommt", erklärt der Präsident des Bundeskriminalamtes.

"Kann es sein, dass Freypen von Rechtsextremisten erschossen wurde, denen er zu liberal war?", fragt der Innenminister und alle lächeln bei dem von ihm ausgerechnet in diesem Zusammenhang benutzten Wort liberal.

Die Bedrohung durch rechtsradikale Sinnsucher, die in ihrem Fanatismus auch vor Mord nicht zurückschreckten, weil sie sich von einer höheren Macht berufen fühlten, war real seit hasserfüllte Pegida-Anhänger bei ihren Aufläufen die Kanzlerin als "Volksverräterin" beschimpften und sie oder ihren Koalitionspartner sichtbar auf Plakaten an den Galgen wünschten. Mit Strafandrohungen waren die nicht zu schrecken. Konkret zwar auch die Bedrohung durch islamistische Terroristen, aber es gab außer dem üblichen Ruf nach schärferen Gesetzen, die alle längst in Kraft waren, keine wirklich überzeugende Gegenstrategie. Die einzige Sprache, die diese Typen verstehen, sagte mal bei einer Kabinettssitzung der Justizminister, ist ein Knüppel auf dem Kopf. Um sich sofort von seinen eigenen Worten zu distanzieren, weil man sich nie auf das Niveau seiner Gegner herablassen dürfe.

Deshalb lachten Nazis und andere Kriminelle über den jahrelangen Streit zum Thema Vorratsdatenspeicherung. Als ob in staatlichen Wanzen die Lösung liegen könnte. Internationalen Gangstern ist damit nicht beizukommen, weil sie ihren nationalen Jägern immer einen Schritt voraus sind. Geld spielt für sie keine Rolle. Für ihre wo auch immer - in Bordellen, in Pizzerien, ja, in gewissen Banken -  sauber gewaschenen schmutzigen Millionen können sie alles kaufen: Die teuerste Abwehrelektronik, die schnellsten Autos, die besten Computerhacker. Da sie sich nicht einmal im Untergrund verstecken müssen, sondern mit festem Wohnsitz in der globalisierten Wirtschaft ihren Geschäften nachgehen, sind sie so gut wie unangreifbar. Abgeschirmt von gut ausgebildeten Bodyguards auf der einen und hochbezahlten Anwälten auf der anderen Seite, fühlen sie sich hinter ihren glänzenden Fassaden sicher.

Was sie nicht wissen konnten: Dass sich seit einigen Jahren vier Männer und eine Frau namens Kleopatra um manche ihrer herausragenden Vertreter gekümmert und dabei deren Methoden der endgültigen Konfliktbewältigung am Gesetz vorbei erfolgreich kopiert haben.

"Um diesen Freypen ist es nicht schade," sagt ein Beamter aus der Runde, wo wie üblich bei solchen Besprechungen auch die mit den randlosen Brillen und den Laptops am Tisch sitzen. "Eigentlich müssen wir dem Mörder sogar dankbar sein, denn er hat uns Arbeit erspart." Fragend fixiert ihn der Innenminister. Der versteht, wie die Geste gemeint ist: "Ich meine, wir hätten eine verdammt gute Strategie gebraucht für die nächste Wahl, um seine Partei unter fünf Prozent zu halten. Die hatte seit der ungebremsten Völkerwanderung in unser Land auf einmal den Zeitgeist auf ihrer Seite." Er wird rot und fängt an zu stottern, ihm ist nämlich eingefallen, dass es nicht ratsam ist, in dieser Runde die offizielle Flüchtlingspolitik mit Worten wie ungebremster Völkerwanderung zu bezeichnen.

Sein Chef, der darüber auch lieber nicht reden will, greift ein: "Diese Frau da", und er blättert in seinen Unterlagen, "diese Susanne Hornstein, die mit den Ermittlungen beauftragt ist, Herr Kollege, ist die denn die richtige für eine solche Aufgabe?"

"In Ihrer Partei", antwortet der Innenminister und genießt jedes Wort, "wären Sie doch dankbar, jemand mit einer solchen Kompetenz zu haben." Damit hat er nicht gesagt, dass er wie so viele andere auch den Wirtschaftsminister für inkompetent hält, aber man soll es so verstehen. Er hebt ein Blatt Papier hoch: "Susanne Hornstein, Doktor der Jurisprudenz, summa cum laude, seit 1999 beim Bundeskriminalamt, Kriminaldirektor in der Abteilung Rechtsextremismus, ausgebildete Scharfschützin, Mitglied im Mensa-Club der Hochbegabten. So viel ich weiß, wird man da erst ab einem Intelligenzquotienten von 136 aufgenommen. Das müsste sogar für die SPD reichen."

"Sie haben vergessen zu erwähnen, dass sie Ihrer Partei angehört", schlägt der SPD-Mann mit hochrotem Kopf zurück, aber das empfindet außer ihm keiner als Manko.

"Wieso vergessen?", sagt der Innenminister, "hatte ich nicht erwähnt, wie klug sie ist?"

Die Parteifeinde des Wirtschaftsministers, zuständig für Äußere Angelegenheiten und für Justiz, meiden seinen Blick und sind schlagartig tief in ihren Akten versunken. Zwei Jahre vor der Bundestagswahl ist die regierende Große Koalition zerstritten und die beiden Parteien haben begonnen, sich auch öffentlich vom jeweils anderen zu distanzieren. Besonders seit den wachsenden Umfragewerten für die Nationale Alternative liegen die Nerven bloß. Die Regierung leidet an einer Art Gürtelrose. Aber nur mit dem medizinisch nicht erklärbaren aber, manchmal erfolgreichen Zulabern der Symptome sind die Ursachen in den Fällen politisch nicht zu beseitigen.

Viel mehr, als jeder bereits am frühen Morgen aus SPIEGEL Online oder BILD.de erfahren hat, ist nicht zu berichten. Was der Präsident des Bundeskriminalamtes vorträgt, entspricht dem Ermittlungsstand, den er sich von Susanne Hornstein hat mailen lassen. Es gibt in der Tat keine Spur vom möglichen Attentäter. Deshalb enthält er sich bei seinem knappen Rapport jeder Bewertung, lässt nur die Fakten wirken. Die wirken anders, als er vermutet hat.

"Kommt mir alles bekannt vor, in anderen Zusammenhang zugegeben. Bei Herrhausen hatten wir wenigstens eine Täterbeschreibung, aber was ist daraus geworden? Ein Desaster mit einem seltsamen V-Mann, sonst? Zero, nicht, gar nichts", greift der Mann ein, der seit mehr als dreißig Jahren bereits eine Hauptrolle spielt in der bundesdeutschen Politik. Als Fraktionsvorsitzender noch in Bonn. Als Chef des Kanzleramtes. Als Innenminister. Als Finanzminister. "Und wie war es bei Rohwedder? Auch nichts, mehr als 20 Jahre nichts. Vielleicht sollten wir die Abteilung Terrorismus ganz auflösen? Vielleicht sollten wir das Geld lieber in die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität stecken. Andererseits besteht die Chance, dass die sich über uns bereits kostenneutral totlachen und sich dadurch das Problem von selbst erledigt."

Er erwartet keine Antwort.

Der Innenminister nickt dem BKA-Präsidenten zu, was der als Aufforderung zum Abgang interpretiert, so war es in der Tat gemeint, und der verlässt mit seinen Leuten den Raum. Als er draußen ist, blickt er in die Runde: "Ohne Freypen ist die Partei tot, umso leichter ist es, ihn ein bisschen, sagen wir mal, zu beerben. Innere Sicherheit zum Beispiel, schärfere Asylgesetze, Obergrenze für Flüchtlinge. So etwas in der Art kommt beim Wähler an."

Und morgen lesen Sie: Ermittlerin Hornstein schließt keine Spur aus.

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