"Und erlöse uns von allen Üblen" #48 : Eine neue Fährte

Für den Mord am Rechtsnationalen Freypen gibt es eine neue Theorie. Der Verleger wird unruhig. Ein Fortsetzungsroman, Teil 48.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Polizei sucht neue Ansatzpunkte bei den Ermittlungen zum Freypen-Mord. Die Trauerfeier wird vorbereitet.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 48 vom 2. August.

Die Leiche Joachim Freypens wurde in der St.-Klemens-Kirche aufgebahrt, damit die Bevölkerung Abschied nehmen konnte. Außer Mitgliedern der Nationalen Alternative kamen allerdings nur die üblichen Neugierigen. Mulder hatte deshalb am Samstag vor der eigentlichen Trauerfeier kurz entschlossen nach Rücksprache mit der Witwe die peinliche Veranstaltung beendet und den Toten in die Friedhofskapelle bringen lassen. Anschließend ließ er sich ein leerstehendes Büro in Freypens Maschinenfabrik zuweisen und telefonierte mit einem der in Hamburg gebliebenen Leibwächter.

"Was Neues?"

"Nein, sie hat ihre Wohnung heute nur für ein paar Stunden verlassen, war auch nicht in der Redaktion. Allerdings war sie in einem Reisebüro. Jetzt ist sie wieder oben. Sollen wir sie mal besuchen und intensiv befragen, wohin sie fahren will?"

"Ihr seid wohl verrückt, auf keinen Fall. Ihr sollt euch nicht sehen lassen und grundsätzlich nur das tun, was ich euch sage. Mittwochmittag spätestens bin ich wieder da."

"Und wenn sie wegfährt oder wegfliegt?"

Mulder überlegte einen Moment und entschied dann: "Fahren ist kein Problem, dann fahrt ihr halt hinterher. Und falls sie fliegt ... ich kenne jemand am Flughafen, der Zugriff auf alle Buchungen im Computer hat. Ich kümmere mich darum."

Andrea Hofwieser hat auf ihrer Mailbox eine Nachricht aus Den Haag abgehört, dass Herr Kriminaldirektor Lionel Zartmann bereit sei, sie am kommenden Freitag zu einem Gespräch zu empfangen. Sie möge mitteilen, wann sie ankomme und ob sie wünsche abgeholt zu werden. Sie staunte über so viel Höflichkeit, weil sie das beim Umgang mit der Hamburger Polizei selten erlebt hat. Sie hat sich ihre Flugscheine abgeholt, im Netz nach Material über politische Attentate gegoogelt und anschließend eine schlecht gelaunte Susanne Hornstein an ihre Zusage erinnert, ihr noch wie abgemacht  als Datei ein paar theoretische Aufsätze zum Thema zu mailen. Davon versprach sie sich zwar nicht viel, aber es könnte nützlich sein, beim Interview beiläufig darauf hinzuweisen und diesen Zartmann zu beeindrucken. Männer sind in Wahrheit viel eitler als Frauen, behauptete sie immer, und ziemlich leicht zu beeindrucken. Vor allem von einer schönen Frau. Die muss nur wissen, wo deren G-Punkt liegt, und das wusste Andrea Hofwieser aus Erfahrung.

Ihr geplantes Gespräch mit Schwarzkoff über Buchvorschuss und Abgabetermin war auf Mittwoch verschoben worden. Auch das war Andrea Hofwieser recht, weil sie einen Tag mehr Zeit hatte, sich auf diese Begegnung vorzubereiten. Sie hatte zwar nicht die Absicht, die Szene in der Tiefgarage jemals noch zu erwähnen. Aber sehr wohl die Absicht, daraus Kapital zu schlagen.

Seine Frau schaute Jens-Peter Schwarkoff nur angewidert an, als er ihr vorschlug, mit ihm am Wochenende zur Trauerfeier nach Dresden zu fahren, aber er hatte nichts anderes von ihr erwartet. Dass ihre Absage so harsch ausfiel, erschreckte ihn dann doch: "Du spinnst wohl, diesem Krypto­Faschisten soll ich die letzte Ehre erweisen und vielleicht noch seiner blonden Hippe tröstend das eiskalte Händchen halten?" 

Er ließ sich von seinem Chauffeur zum Lunch ins Atlantic fahren und las unterwegs die Konkurrenzzeitungen. Eine einzige Schlagzeile fesselte ihn, so versunken war er in den dazu gehörenden Bericht, dass er im Auto sitzen blieb, obwohl der Jaguar bereits am Restaurant eingeparkt hatte.

FREYPEN VON NAZIS ERMORDET ?

Der am Samstagabend in seinem Büro erschossene Chef der Vaterlandspartei, Joachim Freypen ( 59), ist möglicherweise von einer bislang nicht aufgefallenen rechtsradikalen Untergrundorganisation ermordet worden. Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, sollen die Sicherheitsbehörden Ende August in einem Waldstück bei Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) ein Waffenlager entdeckt haben mit modernsten Gewehren aller Kaliber, darunter auch das Nato Gewehr G36, mit dem Freypen erschossen worden ist.

Die Untersuchungen, wie die Waffen dort hinkamen und wer sie in der Kieferschonung vergraben hatte, laufen noch. Ein hoher Beamter: "Die Untersuchungen des BKA konzentrieren sich auf politisch rechts stehende Kreise." Zum möglichen Motiv gab er keine Auskunft. Es wird aber, wie wir aus Wiesbaden erfuhren, nicht ausgeschlossen, dass es unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit innerhalb der Partei zu einem internen Machtkampf gekommen war, und einer der Konkurrenten Freypens den Mord in Auftrag gegeben hat.

Am kommenden Sonntag wird Freypen in Dresden beerdigt . Es ist nicht ausgeschlossen, dass unter den Trauernden am Grab auch der Mörder steht.

Schwarkoff stieg aus. Er fror bei dem Gedanken, was dieser Nazimörder, falls es denn einer gewesen ist, mit ihm hätte machen können. Hat er wohl noch Glück gehabt, nicht ebenso tot zu sein wie sein ermordeter Freund. Aber zur Trauerfeier würde er auf jeden Fall fahren. Vielleicht zur Sicherheit zwei Leibwächter mit auf die Reise nehmen. Der Chef seines Wachschutzes im Verlag hat bestimmt die richtigen Kontakte.

Und morgen lesen Sie: Die Ermittlerin findet eine Spur in der Vergangenheit.

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