"Und erlöse uns von allen Üblen" #53 : Ein Mädchen ertrinkt im Bodensee

Der Ursprung für den Freypen-Mord könnte vierzig Jahre zurückliegen. Der Name eines hohen Beamten fällt. Ein Fortsetzungsroman, Teil 53.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Chefermittlerin Hornstein hat im Internat Salem eine Spur im Mordfall Freypen entdeckt. Der Innenminister erwartet ihren Bericht.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 53 vom 7. August.

Am anderen Morgen flog sie mit der ersten Maschine nach Berlin. Um neun Uhr erwartet sie der Innenminister in seinem Büro. Die beiden Männer vom Personenschutz, die in seinem Vorzimmer kannte sie von verschiedenen Einsätzen, und nickte ihnen zu.

"Ich kann Ihnen nichts anbieten", sagt der wie immer in elegantem grauen Zweireiher gekleidete Minister und erhebt sich zur Begrüßung, "ich kann Ihnen aber auch nur zwanzig Minuten geben." Er blickt sie prüfend an: "Sie haben es sehr spannend gemacht, Frau Doktor Hornstein." Nie würde er bei der Anrede einen akademischen Titel vergessen und nie würde er es anderen vergessen, die es bei ihm vergessen sollten. "Also bitte."

Sie setzen sich an den runden Marmortisch in der Ecke des Raums, wo an einem Ständer schlaff die deutsche Flagge hängt. Susanne Hornstein hatte nach der Rückkehr aus Zürich um einen dringenden und vertraulichen Termin in Sachen Freypen gebeten und sofort bekommen. Beim Stichwort Freypen wird derzeit in Berlin prompt reagiert, aber das wusste sie nicht.

"Ich war in Salem, weil Freypen dort ins Internat gegangen ist. Ein spontaner Einfall von mir. Weil wir nichts hatten, wo wir hätten ansetzen können. An dem Artikel gestern über den Nazimörder ist übrigens nichts dran, ich habe den Fall selbst bearbeitet, auf den die sich berufen. Ist eine völlig andere Geschichte."

Das scheint ihr Gegenüber nicht zu überraschen, zumindest fragt er nicht nach, was wiederum ihr merkwürdig vorkommt, bis sie ahnt, vom wem wohl die falsche Information gekommen ist und vor allem warum.

Hastig fährt sie in ihrem Bericht fort, sie hat ja nur zwanzig Minuten Zeit, in schnellen Sätzen, aber präzise in den Informationen: "In Freypens Klasse war auch Jens-Peter Schwarzkoff, der heutige Hamburger Großverleger. Und ein gewisser Bernhard Lawerenz. Was der heute macht, wissen Sie. Die drei galten als unzertrennlich, seit sie als Zwölfjährige von ihren Eltern ins Internat geschickt worden waren. Das muss man wissen, um die folgenden Ereignisse richtig einzuordnen.

Vor nunmehr vierzig Jahren gab es nämlich einen Vorfall in Salem, in den alle drei verwickelt waren. Ein Mädchen aus einem nahegelegenen Dorf namens Unter-Uhldingen war angeblich bei einem Bootsunfall ertrunken. Sie war mit den drei Schülern, damals alle um die neunzehn, zwanzig Jahre alt, mit einem Segelboot auf den Bodensee gefahren und beim Schwimmen plötzlich weggesackt. Alle drei hatten versucht, sie tauchend zu retten, sie aber nur noch tot bergen können. So die übereinstimmende Aussage der jungen Männer, die anschließend mit dem ertrunkenen Mädchen an Deck ans Ufer gesegelt waren.

Bei der Autopsie ist festgestellt worden, dass sie im dritten Monat schwanger war. Die Jungs leugneten in einer Befragung durch die örtliche Polizei, der mögliche Vater zu sein und behaupteten, nie mit ihr geschlafen zu haben. Das Gegenteil war nicht beweisbar, Spermauntersuchungen und Genanalyse waren nicht üblich und nicht bekannt.

Es gab nur einen wachen Polizisten auf dem Land, der an einen besonders heimtückischen Mord glaubte, aber keine Beweise hatte. In der Zeitung wurde außer einer kurzen Meldung über einen tragischen Badeunfall nichts berichtet, erst recht nicht in den überregionalen Blättern, dafür hatte offenbar Schwarzkoffs Vater durch einen Rundruf bei seinen Verle­gerkollegen gesorgt. Die offizielle Todesursache lautete Tod durch Ertrinken, also ein Unfall und das Mädchen wurde auf dem örtlichen Friedhof beerdigt. Selbstverständlich waren Schwarzkoff und Freypen und Lawerenz bei der Beerdigung unter den Trauergästen, sie hatten ja angeblich heroisch unter Einsatz des eigenen Lebens versucht, das Mädchen noch zu retten.

Da die Internatsschüler sechs Monate später Abitur machten und Salem verließen, um ihr Studium zu beginnen, blieb nur ein verdächtiger Todesfall zurück - und viele Gerüchte, aber die erstarben im Laufe der Jahrzehnte.

Ein Jahr nach dem Unglück, im September 1975, zogen die Eltern der Toten, die einen kleinen Krämerladen betrieben, in dem viele Salem- Zöglinge ihre Zigaretten und Süßigkeiten einzukaufen pflegten, in die Schweiz. Angeblich hatten sie im Lotto gewonnen und beschlossen, sich dort ein neues Leben aufzubauen. Sie sind längst tot, aber die Sache mit dem angeblichen Lottogewinn ließe sich nachprüfen."

Der Minister, der ihr gespannt zugehört hatte, ist beeindruckt, was bei ihm selten passiert: "Woher wissen Sie das alles?"

"Der Bruder des Lehrers, der heute in der Nähe von Salem in Überlingen lebt, war der Ortspolizist, der nach dem Unfall die Protokolle anfertigte. Er hat immer den Verdacht gehabt, dass Schwarzkoff, der einen Ruf hatte als übler Schürzenjäger, der Vater des ungeborenen Kindes war. Mehr noch: dass er das Mädchen beim Schwimmen unter Wasser gezogen hat, bis es tot war. Abtreibung war ja auch noch keine Selbstverständlichkeit wie heute.

Der Lehrer erzählte mir, dass sie damals im Unterricht gerade Theodore Dreisers Roman Eine amerikanische Tragödie durchgenommen hatten, der eine ähnliche Geschichte zum Inhalt hat. Er vermutet, dass Schwarzkoff dabei auf die Idee gekommen ist. Seine beiden Freunde sollen ihn nach Meinung des Polizisten durch ihre Aussagen gedeckt haben. Die Eltern des Mädchens waren streng katholisch und die offizielle Feststellung Tod durch Ertrinken hat ihnen die Schande erspart, weil bei einer möglichen Anklage wegen Mordes oder Totschlags herausgekommen wäre, dass ihre Tochter schwanger war.

Sie ließen sich offensichtlich ihr Schweigen aber teuer bezahlen. Die Väter von Schwarzkoff und Freypen waren reich. Die Schule hatte natürlich kein Interesse an einem Skandal . War ja auch nur ein Mädchen aus dem Volke, Entschuldigung, ist mir so rausgerutscht gerade."

Susanne Hornstein merkte, wie sie zornig wurde, richtig zornig, aber sie ließ sich nichts anmerken. Dieser Zorn könnte hilfreich sein bei dem Gespräch, das sie irgendwann heute oder morgen vor sich hatte. Das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten. Das Gespräch mit Bernhard Lawerenz. Diesen Zorn musste sie sich bewahren, um nicht etwa doch noch Mitleid mit ihm zu bekommen, weil sie ihm so viel zu verdanken hatte.

"Der Polizist hat alles in sein Tagebuch geschrieben, das nach seinem Tod der Lehrer, also sein Bruder, mit anderen persönlichen Unterlagen geerbt hat." Sie klopft auf ihre schmale Aktentasche: "Ich habe es hier drin, wenn Sie es sehen wollen."

Schweigend schüttelt der Minister mit dem Kopf. Als er wieder anfängt zu reden, ist seine Stimme fast unverändert: "Und Sie vermuten ...?"

"Ich will Sie nicht langweilen mit Vermutungen, ich weiß, wir brauchen Beweise. Aber fest steht, dass Freypen vor seinem Tod ganz dringend Schwarzkoff sprechen wollte. Warum? Fest steht, dass Lawerenz mir gegenüber mit keinem Wort erwähnte, wie gut er Freypen und Schwarzkoff kannte. Warum? Er hätte wissen müssen, dass diese damalige Untersuchung für meine Ermittlungen wichtig ist. Möglich, dass Schwarzkoff deshalb ein Motiv gehabt haben könnte, Freypen umzubringen. Erpressung wäre auch nach vierzig Jahren ein Motiv, falls wirklich Schwarzkoff damals das Mädchen ertränkt hat, was Freypen natürlich gewusst haben muss."

"Klingt aber trotzdem, ohne Ihnen nahetreten zu wollen, ziemlich abenteuerlich. Ein totes Mädchen vor vierzig Jahren und ein Attentat heute, also ich weiß nicht, Frau Doktor Hornstein. Wie pass Lawerenz in dieses Szenario? Wurde der etwa auch erpresst? Andererseits ..." Er muss den Satz nicht zu Ende sprechen. Beide wissen, und nicht erst seit der Affäre Uwe Barschel, dass alles möglich ist. Vor allem das scheinbar Unmögliche.

"Andererseits", nimmt sie ungerührt seinen Gedanken auf und führt den Satz für ihn fort, "wäre aber denkbar, dass auch Lawerenz erpresst wurde von seinem Schulfreund Freypen. Stellen Sie sich mal den Skandal vor, wenn sich herausstellen würde, dass einer der höchsten BKA-Beamten in seiner Jugend in eine solche Geschichte verwickelt war."

Das konnte sich der Minister in der Tat sehr gut vorstellen.

"Natürlich weiß ich noch nichts Konkretes, aber ich werde es herausbekom­men. Ich kann sicher nicht das Handy von Lawerenz abhören lassen mit so dünnen Indizien, dafür würde ich nie eine richterliche Erlaubnis bekommen. Oder ..?" Der Minister bestätigt: "In der Tat. Niemals und von niemandem. Falls Sie darauf spekuliert haben sollten, dass ich sie Ihnen sozusagen unter der Hand gebe."

Sie winkt ab, obwohl sie genau das erhofft hatte. Was hätte er auch sonst sagen sollen. "Aber ich kann mir ganz legal die Liste besorgen, auf der die Telefonnummern stehen, die Freypen in den letzten Monaten von seinem abhörsicheren verschlüsselten Crypted Handy geführt hat."

Sie wartet und schaut auf ihre Uhr. Halb zehn Uhr, nur zehn Minuten überzogen. Der Minister erhebt sich und blickt sie mit unbewegtem Gesicht an: "Ihre Vorwürfe sind ungeheuerlich, Frau Doktor Hornstein. Der Mann hat sich doch nie etwas zuschulden kommen lassen. Nie. Der war immer für uns da."

Er geht ans Fenster und wendet ihr den Rücken zu, während er fortfährt: "Machen Sie, was Sie für richtig halten, aber sorgen Sie dafür, dass Lawerenz nichts von Ihren Recherchen erfährt, bevor Sie mit ihm sprechen. Sie sprechen doch persönlich mit ihm oder? Wenn Sie mit ihm geredet haben, berichten Sie anschließend mir direkt. Vielleicht hat er doch eine einleuchtende Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten. Oder es gibt noch einen Bernhard Lawerenz ... Ich sage meinen Referenten Bescheid, dass Sie, egal wann, sofort durchgestellt werden."

Dann dreht er sich wieder um und setzt sich an seinen Schreibtisch. Er schaut nicht von seinen Akten auf, als die Kriminalbeamtin den Raum verlässt. Als ob sie gar nicht dagewesen ist. Aber das täuscht. Im Gegenteil denkt er sehr intensiv darüber nach, wie man auch dann einen Skandal vermeiden könnte, falls sie mit ihrem Ver­dacht recht hat, denn ein Skandal würde vor allem ihn treffen, den für das Bundeskriminalamt zuständigen obersten Dienstherrn.

Susanne Hornstein schafft es gerade noch auf die Toilette, bevor sie der Brechreiz überkommt. Es schüttelt sie und ihr Oberkörper krampft sich immer wieder zusammen, während sie sich über die Kloschüssel beugt. Es liegt nicht daran, dass sie nicht gefrühstückt und trotzdem auf leeren Magen geraucht hat. Es ist ihr plötzlich so schlecht geworden bei dem Gedanken an Lawerenz, den sie anrufen muss, um sich mit ihm zu verabreden. Er weiß sicher längst, dass sie nicht in Hamburg ist, sondern in Berlin. Und er würde sich sehr wundern, wenn die Ermittlerin im derzeit brisantesten Fall seiner Abtei­lung sich nicht bei ihm meldet. Aber vor neun Uhr pflegte er nicht im Büro zu sein.

Und morgen lesen Sie: Die wahren Täter wollen Verwirrung stiften.

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