"Und erlöse uns von allen Üblen" #54 : Kleopatra plant ein Täuschungsmanöver

Der wahre Mörder des Rechtsnationalen Freypen ist weiter unentdeckt. Er und seine Freunde haben Pläne. Ein Fortsetzungsroman, Teil 54.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Polizeiermittlerin verfolgt eine Spur in die Vergangenheit. Die vier wahren Täter treffen sich.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 54 vom 8. August.

Ruud van Rey war nur für ein paar Stunden nach Paris gekommen, denn am Mittwochabend musste er bei der jährlichen SOCTA-Konferenz von EUROPOL einen Vortrag halten, für den er bis zur  Stunde noch keinen einzigen Satz aufgeschrieben hatte. Er hatte im Pariser Polizeipräsidium am Quai des Orfèvres, wo Alain Retin vor vielen Jahren seine Karriere begonnen hat, einen ganz besonderen Gangster persönlich und in Handschellen abgegeben, den Kollegen vom FBI geschnappt hatten. Einen der meistgesuchten korsischen Bombenleger. Wie der trotz intensiver Fahndung in Frankreich und Überwachung der Flughäfen in die USA einreisen konnte, unter welchem falschen Namen und mit wessen Visum, interessierte ihn nicht, das sollten die französischen Kollegen klären.

Das FBI hatte einen Tipp bekommen, weil sich der Mann durch Flüche auf französisch und wüste Drohungen gegen einen anderen Angler verraten hatte, nicht ahnend, dass der Bootsverleiher in Ajaccio geboren ist und alles verstand. Sie hatten ihn kurzerhand auf seinem Heimweg niedergeschlagen, in einen Van gezerrt, direkt zu einem Militärflughafen gefahren und dann nach Den Haag geflogen. Das ersparte ihnen den Amtsweg bei den langwierigen Auslieferungsverfahren. Als der Mann wieder aufwachte, hatte ihn Ruud van Rey begrüßt und anschließend unter seine Obhut genommen.

Am frühen Abend saß der Holländer mit seinen drei Freunden auf einer Düne in Scheveningen. Das Meer wirkte in der Dämmerung wie ein träger See. Beim Spiel mit den flachen Kieselsteinen hatte natürlich wieder Peter McFerrer gewonnen, fünfmal sprang sein Stein auf, bevor er im Wasser versank. Selbst in diesem Sport, den alle aus ihrer Kindheit kannten, war Red nicht zu schlagen. Sie nahmen es lachend hin.

In stillschweigender Übereinkunft pflegten sie über erledigte Fälle nicht mehr zu sprechen und das Attentat von Hamburg beschäftigte nicht einmal mehr den, der es ausgeführt hatte. Alle vier waren klug genug zu wissen, dass jede Analyse eines Mordes zwangsläufig zu quälenden Debatten darüber führen musste, was sie da eigentlich taten: Selbstjustiz ausüben, die Todesstrafe vollstrecken, Gott spielen.

Ihre Ziele und die bei deren Erfüllung zu beachtenden Bedingungen waren deshalb in den vergangenen bald acht Jahren nie mehr in Frage gestellt worden. Ebenso wenig hatte etwa Retin seine wirre Rede über Kleopatra noch einmal nüchtern und bei Tageslicht erklären müssen. Wahrscheinlich waren sie Kleopatra deshalb alle treu verbunden, weil sie als Deckname für ihre Aktionen so absurd war, geradezu dadaistisch.

Den aktuellen Stand der Ermittlungen in Deutschland kannten sie, mehr gab es nicht zu berichten. Den Artikel über den angeblichen Nazihintergrund hatten die anderen online gelesen und zunächst für einen genialen Schachzug von Retin und Zartmann gehalten, und so recht glaubten sie denen immer noch nicht, dass die beiden damit nichts zu tun hatten. Ihre Nachfragen aber hatten Lionel Zartmann auf eine Idee gebracht: "Peter, dass man alles mit Hilfe eines Hackers aus einem Computer klauen kann, weiß ich. Aber ist es auch umgekehrt machbar, einen Ordner mit gefälsch­tem Material auf einer fremden Festplatte anzulegen? Also Daten auf einen fremden Computer transferieren, ohne dass es dessen Besitzer merkt?"

McFerrer nickte, das war sein Fachgebiet: "Klar wäre das möglich, kompliziert ist nur die Verschlüsselung der absendenden IP-Adresse, der Rest eigentlich ein Kinderspiel. Falls man sich auskennt." Er ließ keinen Zweifel daran, dass er sich auskannte.

"Also könnte auch zum Beispiel man diese wüste Geschichte von den ostdeutschen Werwölfen, die ihre geklauten Waffen im Wald vergraben haben, und die sich verschworen haben, ausgerechnet Joachim Freypen umzulegen, zwar mit einigen nachprüfbar richtigen Einzelheiten versehen, aber insgesamt geschickt fälschen und dann der Nationalen Alternative mit freundlichen Grüßen überspielen?"

"Freundliche Grüße würde ich weglassen, aber alles andere wäre machbar, selbstverständlich."

Alain Retin begriff als erster: "Gefällt mir. Du willst eine echt wirkende Spur legen und dann dafür sorgen, dass die auch entdeckt wird. Sehr gut. Man könnte zusätzlich deren Facebook-Seiten hacken und dort jede Menge zustimmende Like-Daumen unterbringen. Dann glauben die erst recht daran, dass der Mörder ihres Helden in den eigenen Reihen zu suchen ist."

Retin liebte solche Verschwörungen voll mit geheimen Codes und versteckten Hinweisen. Echt allerdings sollten sie sein, dann fühlte er sich mit seinen besonderen Fähigkeiten herausgefordert und gab nicht eher auf, bis er sie entschlüsselt hatte. Seine Einsätze in den vergangenen Jahren hatte er deshalb so inszeniert, dass die Ausführung seinen eigenen hohen Ansprüchen gerecht wurde. Zum Beispiel der angebliche Herzanfall des ETA-Mannes in Spanien.

Das genialste Täuschungsmanöver der letzten zweitausend Jahre blieb für ihn aber noch noch die Idee von Kleopatra, sich in einen Teppich gewickelt an den Wachen vorbei zu Caesar schmuggeln zu lassen. Lange hatte er auf eine passende Gelegenheit gewartet, so etwas Ähnliches nachzumachen. Bis sich ihm die Chance bot.

Und morgen lesen Sie: Die Kleopatra-Verschwörer verstehen ihr Handwerk.

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