"Und erlöse uns von allen Üblen" #57 : Die Ermittlerin stellt ihren Mentor zur Rede

Polizistin Hornstein entdeckt eine Spur, die zu ihrem Vorgesetzten Lawerenz führt. Sie verabredet sich mit ihm. Ein Fortsetzungsroman, Teil 57.

von
Illustration: Anna Krauss
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Chef von Ermittlerin Hornstein hat eine gemeinsame Vergangenheit mit dem Ermordeten Freypen und dem Verleger Schwarzkoff. Er könnte in den Mord verstrickt sein.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 57 vom 11. August.

Lawerenz hat für Susanne Hohnstein einen Aschenbecher hingestellt und von seiner Sekretärin sogar ein paar Kekse besorgen lassen, die neben der Kaffeekanne stehen. Forschend schaut er sie an und wie immer kommt sie sich unter seinem Blick vor wie ein gläserner Mensch. Heute noch mehr als sonst. Sie fröstelt und hat das vage Gefühl, er könne förmlich riechen, was in der Tasche ihres Blazers steckt. Ein Zettel mit Daten und Telefonnummern. Die Daten stammen alle aus diesem Jahr. Gespräche, die an bestimmten Tagen von Freypens Handy oder von seinem Apparat in Hamburg geführt wurden. Die Telefonnummern sind zwar nicht identisch, aber alle fangen mit derselben Vorwahl an. Entweder ist es der Privatanschluss von Lawerenz, der selbstverständlich in keinem öffentlichen Telefonbuch steht, oder die Durchwahl seiner nicht mal im internen Hausverzeichnis des BKA ausgedruckten Amtsleitung direkt auf seinem Schreibtisch oder gar die seines Handys.

Die Datei mit allen Freypen-Gesprächen war ihr von Krucht ohne Kommentar gemailt worden, sie wusste also nicht, ob auch dem Hamburger Kriminalrat die Telefonnummern in Bonn aufgefallen waren. Bis zuletzt hatte sie insgeheim gehofft, dass sich ihr Verdacht als haltlos erweisen und es irgendwo einen anderen Bernhard Lawerenz geben könnte, der mit Freypen Kontakt hatte. Es gab aber keinen anderen.

 "Sie sehen ziemlich abgespannt aus, Susanne", unterbricht Lawerenz ihre Gedanken, "vielleicht sollten Sie doch mal einen Urlaub einplanen, wenn dieser Fall abgeschlossen ist. Wie steht es denn überhaupt? Irgendwelche neuen Spuren?" Eine ganz normale naheliegende Frage, und sie ist schon versucht, sie so normal zu beantworten.

Genau in dem Moment erinnert sie sich an ihren Zorn, als sie heute morgen beim Innenminister von dem toten Mädchen berichtete, und der Zorn ist wieder da und sie richtet sich auf und ist ganz kalt, ganz kühl, ganz professionell. Wie sie es sich von ihm abgeschaut hat.

"Ja, es gibt eine neue Spur. Eine ziemlich gute sogar. Ich muss noch ein paar Einzelheiten klären, aber einiges weiß ich schon." Sie nimmt einen Schluck von dem wie immer fürchterlichen Kaffee, lässt dabei ihre Augen auf Lawerenz gerichtet: "Ich war gestern auf einer Dienstreise am Bodensee, weil Freypen dort zur Schule gegangen ist, in Salem, im dortigen Internat und später habe ich Martin Gundlach besucht. Er hätte mich sicher beauftragt, Sie zu grüßen, falls ich ihm erzählt hätte, dass ich Sie kenne. Meinen Sie nicht?"

Lawerenz verzieht keine Miene, stopft umständlich seine Pfeife und lehnt sich in seinem Sessel zurück. Dann sagt er wie zu sich selbst, aber wie immer ohne Emotion: "Sie wissen es also." Er steckt sich die Pfeife an und stößt eine dicke Qualmwolke aus, hinter der er sich verstecken kann: "Eigentlich habe ich von Ihnen nichts anderes erwartet", sagt er nach ein paar Minuten leise, "Sie sind nun mal die beste hier im Amt. Ja, eigentlich wäre ich sogar enttäuscht gewesen, wenn Sie es nicht herausbekommen hätten."

Susanne Hornstein bleibt zornig und lässt sich nicht auf sein intellektuelles Spielchen ein: "Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie Freypen kannten und vor allem wie gut?"

"Weil diese Geschichte aus unserer Jugend bestimmt nichts mit dem Mord zu tun hat. Das wäre eine Antwort. Und die andere: Weil ich froh war, dass er endlich tot ist. Das ist die andere Antwort."

"Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?", fragt sie grob. "Und was haben Sie mit ihm besprochen, wenn er Sie angerufen hat?" Sie zieht den Zettel mit den Telefonnummern aus der Tasche und schiebt ihn rüber zu ihm: "Über alte Zeiten geredet?"

"Das wird ja ein richtiges Verhör, Susanne. Stehe ich etwa unter Verdacht? Wollen Sie vielleicht wissen, wo ich am Samstagabend war?" Als sie nicht darauf antwortet, legt er mit einem schmalen Lächeln seine Pfeife zur Seite. Nimmt den Zettel und tut so, als würde darauf eine Antwort auf seine Frage stehen: "Gesehen habe ich ihn wohl zuletzt vor zehn, zwölf Jahren. Eher zufällig auf einem Flughafen, wir saßen beide in der Lounge, weil ein Flug ausgefallen war. Wir hatten uns seit damals, seit Salem, zwar nicht aus den Augen, aber ganz bestimmt aus dem Sinn verloren, und keiner von uns hat das bedauert. Jens-Peter sicher auch nicht. Nach diesem Zufallstreffen habe ich nichts gehört von Joachim, bis er Vorsitzender dieser Partei geworden ist, dieser Nationalen Alternative. Danach hat er begonnen, mich regelmäßig anzurufen."

"Und zu erpressen?"

"Und zu erpressen", bestätigt er ruhig, als dies ein völlig normaler Vorgang. Redet aber nicht weiter, sondern beugt sich vor, legt kurz seine Hand auf ihren Arm, was sie unwillkürlich zurückzucken lässt, und sagt dann fast beschwörend, als ginge es hier um eine Prüfung, die sie bestehen soll und nicht um ihn: "Erzählen Sie mir den Rest, Susanne, tun Sie mir den Gefallen?" Er scheint es ernst zu meinen, denkt sie. Ist er plötzlich durchgedreht? Sie merkt nicht, dass er ihr das, was sie tun muss, leichter machen will. Dass dies seine Art ist, ihr seine Zuneigung zu zeigen.

"Das Mädchen damals ist ermordet worden. Von Schwarzkoff? Nehmen wir mal an, von Schwarzkoff. Sie und Freypen haben ihn gedeckt. Warum, das weiß ich noch nicht, aber wahrscheinlich sind Männer so. Man hält zusammen, wenn es gegen Frauen geht. Und die war ja nur eine Dorfschönheit und außerdem bereits tot. Hatte sie gedroht, alles ihren Eltern zu erzählen? Oder Schwarzkoffs Vater anzurufen?"

Lawerenz sagt nichts und hört ihr weiter regungslos zu. "Sie wurde buchstäblich ertränkt wie ein junger Hund und damit war das Problem für die drei jungen Herren erledigt. Das Mädchen entsorgt. Danach einfach vergessen wie ein schlechter Traum. Schwarzkoff wurde zehn Jahre später Verleger. Freypen erbte die Maschinenfabrik seines Vaters und der dritte, Bernhard Lawerenz, hatte zwar nichts zu erben, aber trat schon während des Jurastudiums in die CSU ein, war schließlich ein guter Christ, machte eine steile Karriere als Beamter. Bis ihn die Vergangenheit einholte, weil Freypen drohte, ihn hochgehen zu lassen als Mitverschwörer, wenn er ihm nicht ab und zu unter alten Freunden einen Gefallen erweisen würde. Zum Beispiel Bescheid sagen, wann eine Razzia gegen Neonazis geplant war? So etwas vielleicht? Mal ein vertrauliches Protokoll rüberschieben? Gefällt Ihnen die Theorie oder habe ich irgend etwas vergessen?"

Lawerenz nickt nur ganz zum Schluss, bleibt aber ansonsten stumm. Er scheint sich ohne Widerstand zu ergeben, was Susanne Hornstein noch wütender macht. Glaubt er etwa, sie würde ihn schützen, weil er sie immer geschützt hatte? Glaubt er etwa, seine Parteifreunde würden dafür sorgen, dass nichts von dieser Geschichte herauskommen würde? Glaubt er vielleicht sogar, er könne einfach so weitermachen, jetzt nach Freypens Tod, als ob nichts gewesen wäre?

Und morgen lesen Sie: Die Ermittlerin wird wütend.

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