"Und erlöse uns von allen Üblen" #60 : Den Ermittlern fehlen Beweise

Die Polizei wird noch nicht schlau aus den Spuren im Mordfall Freypen. Die Rolle der Reporterin ist unklar. Ein Fortsetzungsroman, Teil 60.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Polizeireporterin setzt ihren Chef mit seinem Vergewaltigungsversuch unter Druck. Auch die Polizei hat Schwarzkoff im Visier.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 60 vom 14. August.

"Also, Stand der Ermittlungen", beginnt Susanne Hornstein, und gebraucht dabei genau die Worte von Liomel Zartmann am Abend zuvor am Meer, als er seine Freunde vom Stand der Ermittlungen informiert hat. Sie berichtet von ihrer Reise an den Bodensee und vom Ergebnis ihrer Unterhaltung mit Gundlach. Den Namen Bernhard Lawerenz erwähnt sie dabei nicht, genauso wenig wie ihre verschiedenen Gespräche in Berlin. "Das heißt", fragt einer ihrer Leute, als sie fertig ist, "das heißt, wir hätten ein mögliches Motiv? Ich meine, Schwarzkoff hätte eins."

Georg Krucht, den sie ausdrücklich gebeten hatte, in dieser Runde von BKA-Beamten dabei zu sein, scheint wieder einmal Gedanken lesen zu können und erahnt zu haben, was sie sagen wollte. Sie wirkte nachdenklich bei seiner Aufzählung, sie dachte dabei aber schon über etwas ganz anderes nach. Warum sie eigentlich vorhin beim Lesen des abgehörten Gespräches zwischen Andrea Hofwieser und Jens-Peter Schwarzkoff den Eindruck gehabt hatte, das Protokoll einer subtilen Erpressung zu studieren?

"Also", hebt Georg Krucht seine Stimme und holt sie damit wieder zurück in die Runde, "ich fasse noch einmal zusammen. Schwarzkoff käme nur dann als Mörder in Frage, wenn ihm Andrea Hofwieser ein falsches Alibi besorgt hätte. Das aber können wir vergessen. Wir kennen die Todeszeit und wir haben überprüft, dass beide gemeinsam danach erst die Party verlassen haben. Dafür gibt es genügend Zeugen. Ein Kollege hat mit Julia Schwarzkoff gesprochen und die hat bestätigt, dass Freypen genau um 21 Uhr bei ihr angerufen hat. Stimmt also auch. Recher­chen im Madison", und er wendet sich dabei erneut Susanne Hornstein zu, von der diese Idee ja gekommen war, ohne Ergebnis. Weder Schwarzkoff noch Andrea Hofwieser waren an dem Abend im Hotel oder haben sich dort gar ein Zimmer genommen. Diskrete Befragun­gen in der Abendpost auch Zero. Andrea Hofwieser hat nicht den besten Ruf, aber das kann auch üble Nachrede sein, weil sie so erfolgreich ist. Nur schlüpfrige Vermutungen, aber nichts, womit wir etwas anfangen können. Was bedeutet ..."

"Was bedeutet", sagt Susanne Hornstein wie zu sich selbst, denn sie ist inzwischen überzeugt davon, dass Schwarzkoff sie angelogen hatte, "was bedeutet, dass wir nach einem dritten Mann suchen müssen. Dem Mörder. Dem Mann, der von Schwarzkoff beauftragt worden ist, die Sache Freypen für ihn zu erledigen."

"Warum sollte der für ihn plötzlich vierzig Jahre nach dem längst verjährten tödlichen Unfall auf dem Bodensee gefährlich geworden sein?", fragte Krucht zurück.

"Vielleicht, weil wir in zwei Jahren Bundestagswahlen haben. Vielleicht, weil die Nationalen unbedingt über fünf Prozent kommen möchte bis dahin. Vielleicht, weil Schwarzkoff nicht nur eine große Zeitung hat, sondern auch einen erfolgreichen Sender besitzt. Eine geradezu ideale Mischung für Freypen und eine geradezu einmalige Chance", antwortet der Jüngste von den Beamten aus der Abteilung Rechtsextremismus des BKA. Sie nannten Leonhard Baule, der erst vor einem halben Jahr von Boston Consult zu ihnen gekommen war, untereinander nur "Egghead", weil er die seltene Eigenschaft besaß, scheinbar singuläre Ereignisse zu einem logischen Geflecht verknüpfen zu können.

Susanne Hornstein nickt ihm anerkennend zu. Der Junge hat mein Niveau, dachte sie, und sie meinte das gar nicht arrogant, sie stellte nur eine simple Tatsache fest: "Sehr gut, Herr Baule, sehr gut. Denken wir das mal zu Ende, nur so als Theorie. Angenommen, Freypen hat Schwarzkoff erpresst mit Hinweis auf den Tod von Susanne 1974. Vielleicht hat er sogar etwas gewusst, was hätte belegen können, dass Schwarzkoff schuld ist an ihrem Tod und nicht nur der Vater des ungeborenen Kindes. Vielleicht hat er gedroht, diese Geschichte publik zu machen. Er wäre gesellschaftlich erledigt gewesen. Selbst dann, wenn ihm zum Beispiel Mord nach so langer Zeit nicht hätte nachgewiesen werden können. Die Konkurrenz in seiner Branche ist so, dass sie ihn öffentlich geschlachtet hätten. Das wusste auch Freypen. Hat von Schwarzkoff als Gegenleistung für sein Schweigen verlangt, sich politisch auf seine Seite zu schlagen und ihn mit seinen Medien zu unterstützen. Was Schwarzkoff allerdings ebenfalls gesellschaftlich erledigt hätte, vor allem hier in Hamburg, denn die Freypens sind wegen ihrer Nähe zu Pegida und ähnlichen Typen noch nicht gesellschaftsfähig. Ergo ..."

"Ergo", nahm Baule, der beim Lob von Susanne Hornstein rot geworden war, den Faden wieder auf, "ergo gab es keinen Ausweg für ihn, ergo musste er handeln. Musste etwas unternehmen. Freypen beseitigen zum Beispiel."

"Und woher bitte kennt ein Hamburger Verleger einen, der ihm diskret einen Mörder besorgt?", mischte sich Krucht zweifelnd ein.

Bei dieser Frage kam Susanne Hornstein eine Idee. Plötzlich ergab manches einen Sinn, was sie bisher nicht hat einordnen können. Das Zögern von Andrea Hofwieser, als sie ihr die Frage stellte, ob ihr Samstagnacht irgend etwas aufgefallen ist. Die merkwürdige Anspannung, als während des Verhörs plötzlich ihr Handy klingelte und Schwarzkoff in der Leitung war. Und sie erinnert sich auch an ihren eigenen Fehler. Dass sie nie eine Antwort auf die Frage bekommen hatte, ob der Verleger eigentlich direkt nach Hause gefahren war, als er Andrea abgesetzt hatte.

"Den Kontakt hat ihm zum Beispiel Andrea Hofwieser besorgt. Als Spezialistin für Organisierte Kriminalität dürfte sie sich in den entsprechenden Kreisen ja bestens auskennen und sicher den einen oder anderen Gangster persönlich schon getroffen haben." Und erzählt von dem Protokoll des abgehörten Gesprächs zwischen der Reporterin und ihrem Verleger und von den seltsam klingenden Verhandlungen: "Die haben in Wirklichkeit nicht verhandelt, die hat ihn erpresst. Die merkwürdigen Andeutungen klingen jede für sich genommen ganz banal, aber wenn man mal einen anderen Hintergrund für dieses Gespräch annimmt, eben Erpressung der feineren Art, haben sie eine ganz andere Bedeutung. Geschichte muss unter uns bleiben. Mein Anwalt weiß alles. Und so weiter. Deshalb hat Schwarzkoff einen Vertrag zu den Bedingungen unterschrieben, die Andrea Hofwieser ihm diktiert hat. Möglich, dass sie gewusst hat, dass ihre Wohnung benutzt werden soll. Auch denkbar, dass sie sozusagen unschuldig in die Geschichte geraten ist und erst nach dem Mord gemerkt hat, warum ihr Chef sie plötzlich so umgarnt hat. Denn für die Komplizin eines Mörders halte ich sie eigentlich nicht."

"Also, worauf warten wir dann?", fragt Krucht spöttisch und sie hätte ihn für diese Bemerkung erwürgen können. Denn natürlich wusste Susanne Hornstein, dass zwar alles wunderbar logisch klang, was sie gerade behauptet hatten. Dass es aber nicht den geringsten Beweis dafür gab. "Verhaften wir doch beide und setzen sie unter Druck."

Sie packt ihre Papiere zusammen. Drückt ihre Zigarette aus. "Vielen Dank für den Rat, Herr Kollege", sagte sie kalt, "sogar wir blöden BKA- Bullen sind so klug, darauf nicht hereinzufallen. Verarschen wenigstens können wir uns noch selbst, um das mal deutlich auszudrücken. Mir ist sehr wohl bewusst, dass wir nichts in der Hand haben. Noch nicht. Überwachung von beiden wird fortgesetzt, meine Herren. Da unsere Reporterin übermorgen nach Den Haag fliegt, werde ich die Kollegen bei EUROPOL um Amtshilfe bitten. Das war's."

Krucht ließ sich nicht anmerken, ob ihn die öffentliche Abfuhr getroffen hatte. Die Kollegen vom BKA klopften ihm auf die Schulter, als sie hinter ihrer Chefin den Raum verließen: "Denken Sie sich nichts dabei. Ab und zu ist sie halt so, nur Stress. Also, Kollege Krucht, das hat sie morgen wieder vergessen."

Krucht lächelte automatisch und ging in sein Büro. Dort setzte er sich an seinen Computer und schickte eine Email über das hausinterne System.

"Entschuldigung, war ziemlich blöd von mir", las Susanne Hornstein ein paar Stunden später, als sie ihren Posteingang routinemäßig durchklickte. Sie wusste, wer der Absender war, obwohl kein Name drunter stand. Presste ihren Zeigefinger auf Antwort und anschließend auf Nachricht versenden. Als wiederum Krucht die empfing, grinste er erleichtert. Heute werde ich mir eine Krawatte umbinden, beschloss er. Man wurde schließlich nicht aller Tage Abend von einer Kriminaldirektorin zum Essen eingeladen.

Und morgen lesen Sie: Die Ermittlerin telefoniert mit dem Freypen-Mörder.

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