"Und erlöse uns von allen Üblen" #61 : Der Mörder wird um Amtshilfe gebeten

Dem Leibwächter Freypens wird eine Akte untergejubelt. Die Ermittlerin wird schwach. Ein Fortsetzungsroman, Teil 61.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Verleger Schwarzkoff rückt stärker in den Fokus der Ermittlungen. Die Verschwörer legen Spuren.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 61 vom 15. August.

Am Nachmittag meldete sich Susanne Hornstein bei Lionel Zartmann in Den Haag. Man kannte sich flüchtig von einer Tagung, er hatte Wiesbaden schon verlassen, als sie vom Personenschutz in die Zentrale gewechselt war. Sie erzählte ausführlich vom Stand der Ermittlungen nach dem Attentat auf Joachim Freypen. Auch ihm sagte sie nichts davon, welche Rolle Bernhard Lawerenz in der Geschichte spielte, erwähnte nur den Verdacht gegen Jens-Peter Schwarzkoff aufgrund einer möglichen Erpressung. Schlüsselte ihm die Überlegungen auf, warum auch gegen Andrea Hofwieser als Komplizin ein Anfangsverdacht bestand. Warum es möglich sei, wohlgemerkt: möglich, dass die ihrem Verleger einen Kontakt in die Hamburger Un­terwelt vermittelt hatte. Dort könnte man in der Tat inzwischen Mörder mieten. Seit die Grenzen offen und auch die ehemaligen Sondereinheiten der Geheimdienste auf dem Markt sind, alles kein Problem mehr. Aber das müsse sie wohl ihm ganz bestimmt nicht erläutern, was Zartmann bestätigte: "Mit denen haben wir täglich zu tun, die mischen inzwischen bei fast allen finsteren Geschäften mit." Susanne Hornstein unterbrach ihn sofort wieder: "Andrea Hofwieser kommt am Freitag zu Ihnen nach Den Haag, zu diesem Gespräch für ihr Buch ..."

"Woher wissen Sie das denn, von ihr?", fragte Zartmann unschuldig, aber er konnte sich sehr gut vorstellen, woher sie es wusste. Das Gespräch begann ihm Spaß zu machen. "Wir haben sie abgehört, deshalb. Aber die Erlaubnis ist zunächst auf drei Tage beschränkt, also bis Freitagfrüh. Dann ist bei Ihnen in Den Haag. Ich müsste einen ganzen Trupp und entsprechende Technik mitschicken, selbst wenn ich das Okay für eine Verlängerung bekomme. Viel zu umständlich, viel zu unsicher. Ich habe eigentlich außer einem vagen Verdacht ja sowieso keine handfesten Indizien, nichts. Könnten Sie vielleicht sagen wir mal, eine Art von stiller Amtshilfe leisten? Das Gespräch auf das Attentat bringen und mich informieren, wie sie reagiert?"

Lionel Zartmann sagte ihr das zu, selbstverständlich würde er es versuchen. Er lachte leise vor sich hin, vergaß dabei aber nicht, die Muschel des Telefonhörers zuzuhalten. Die Tatsache, dass ausgerechnet er, der Mörder, um Hilfe bei der Jagd nach dem Mörder gebeten wurde, war zwar in der Tat so absurd, dass man nur lachen konnte. Aber gleichzeitig eine faszinierende Möglichkeit, mit ein paar überraschenden Schachzügen noch mehr Verwirrung zu erzeugen bei den Untersuchungen. Somit auch nur die geringste Spur, die in Richtung Kleo­patra führen könnte, so früh zu erkennen, dass sie nicht bedrohlich wird. Ein gefährliches Spiel? Ach was, ein spannendes. Die in den Augen der Jäger verdächtige Andrea Hofwieser, von der nur er wusste, dass sie völlig unschuldig war, kommt morgen zu ihm, dem völlig Unverdächtigen, aber eigentlich Schuldigen, und ausgerechnet er sollte versuchen, sie auszuhorchen. Wunderbar. Solche Herausforderungen liebte Kriminaldirektor Lionel Zartmann.

"Übrigens", hörte er wieder die Stimme der Kollegin aus Hamburg, "war EUROPOL nicht beteiligt an dieser Aktion gegen die Kinderpornohändler in Frankreich?" Sie wartete seine Antwort nicht ab: "Einer der Typen, der sich als Kronzeuge zur Verfügung stellte und bis dahin auf freiem Fuß blieb? Erinnern Sie sich? Der angeblich über rechtsradikale Aktivitäten in Deutschland etwas wusste, was uns ja auch interessierte. Ist später ertrunken aufgefunden worden. Angeblich besoffen in die Elbe gefallen. Das Protokoll seiner ersten Vernehmung haben wir überraschenderweise mit ein paar anderen Details hier in Hamburg entdeckt. Auf der Festplatte eines Computers der Partei, den wir vor ein paar Stunden auf der Suche nach möglichen geheimen Verbindungen von Freypen zu Schwarzkoff beschlagnahmt haben. Der Sicherheitschef von Freypen, ein gewisser Karl Mulder, wird gerade verhört, weiß angeblich von nichts und kann sich nicht erklären, wie die Akte in den Parteicomputer kam."

Zartmann konnte sich lebhaft vorstellen, wie verwirrt dieser Karl Mulder sein musste. Der wusste zwar ganz genau, dass es sich um ein echtes Protokoll handelte, aber er durfte natürlich nicht sagen, woher er das wusste. Dann hätte er etwas ganz anderes erklären müssen. Zum Beispiel, wo er war, als der Franzose so passend in der Elbe überraschend ertrank. Der EUROPOL-Mann war überzeugt davon, dass ihr Informant ermordet worden war. Und wahrscheinlich nicht von irgend einem Leibwächter Freypens, sondern eher vom Chef der Bodyguards persönlich.

Der war vor allem deshalb so verstört, weil er seiner Überzeugung nach alles so genau geprüft hatte, als er sich allein in der Parteizentrale befand. Wie zum Teufel konnte es ihm passieren, dass er diesen Ordner auf dem virtuellen Schreibtisch übersehen hat? Auf die Idee, dass jemand ihren Code geknackt und ausgerechnet nach dem Mord an Freypen Belastungsmaterial überspielt hatte, kam er einfach nicht .

Klasse gemacht, Peter, dachte Zartmann. Schnell und ohne Zeit zu verlieren. Erst vorgestern Abend hatte er ihm die entsprechenden Unterlagen gegeben. Er verabschiedete sich von Susanne Hornstein, an die er nur eine vage Erinnerung hatte - Blond? Schwarz? Klein? Groß? - und versprach, sie spätestens am Montag wieder anzurufen . Selbstverständlich würde er die erbetene Amtshilfe leisten.

Susanne Hornstein ist beim Verhör von Karl Mulder nur am Schluss dabei, bevor er wieder als freier Mann das Polizeipräsidium verlassen darf. Sie hat ihn zuvor durch die von einer Seite durchsichtige Trennscheibe beobachtet und das Frage-Antwort-Spiel über die Tonanlage verfolgt. Der Kerl ist ihr widerlich, aber seltsamerweise hat sie das Gefühl, dass er die Wahrheit sagt. Dass er wirklich keine Ahnung hat, wie das brisante Material auf die Festplatte kam. Es scheint ihr aber ebenso unwahrscheinlich, dass Freypen höchstpersönlich den Ordner angelegt hat, denn der konnte mit Computern nicht umgehen. Wer war es also? Sie gibt Anweisung, noch einmal die Sekretärinnen zu vernehmen, verspricht sich allerdings nicht viel davon. Von wem Joachim Freypen überhaupt das Protokoll bekommen hat, ist ihr nach dem Gespräch mit Bernhard Lawerenz klar. Erneut packt sie die kalte Wut, von wegen nur ein paar Tipps über Razzien weitergegeben. Sie wartet nicht erst lange, sondern wählt sofort auf ihrem Handy die Dienstnummer von Lawerenz in Bonn. Keine Antwort. Dann die von ihm zuhause. Wieder keine Antwort.

Auf ihrem Schreibtisch findet sie die offiziellen Pressemitteilung des Innenministers, dass der Kollege Bernhard Lawerenz mit seinem Auto auf nasser Straße ins Schleudern gekommen und gegen einen Brückenpfeiler geprallt sei. Im Krankenhaus habe nur noch sein Tod festgestellt werden können. Die Bundesregierung, schließt er, und vor allem das Bundeskriminalamt, haben durch einen tragischen Unfall einen ihrer besten Beamten verloren und werden ihn dadurch ehren, dass in seinem Sinne weitergearbeitet wird im Kampf gegen das Verbrechen.

Als sie ein paar Stunden später Georg Krucht bittet, heute Nacht bei ihr zu bleiben, hat der das Gefühl, dass sie eigentlich nicht ihn meint. Aber das ist ihm egal. Er meint eigentlich auch nicht sie, während er mit ihr schläft.

Und morgen lesen Sie: Freypens Witwe übernimmt die Parteiführung.

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