"Und erlöse uns von allen Üblen" #62 : Die Witwe hofft auf den Evita-Effekt

Helga Freypen tritt die Nachfolge ihres ermordeten Mannes an. Leibwächter Mulder bekommt eine Abfuhr. Ein Fortsetzungsroman, Teil 62.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Chef von Ermittlerin Hornstein fährt mit seinem Auto gegen eine Brücke und stirbt. Er war in den Fall Freypen verstrickt. Dessen Witwe hat große Pläne.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 62 vom 16. August.

Das Loch, das die Kugel in die Wand gebohrt hatte, war verputzt. Die Deutschlandfahne hing aufgespannt an der ursprünglichen Stelle und zwar das Original, das die Partei von der Hamburger Polizei wieder bekommen hatte. Neue Fenster waren eingesetzt, diesmal aus schusssicherem Panzerglas. Auf dem Schreibtisch des Ermordeten war alles unverändert geblieben, sogar das Familienfoto stand noch in einer Ecke.

Helga Freypen hatte keine Zeit verloren, die Zentrale auf ihre Art zu besetzen. Vor ihr lagen erste Entwürfe für ein Plakat, das in der kommenden Woche bundesweit an die Litfaßsäulen geklebt werden sollte. Im Hintergrund darauf gerade noch erkennbar Joachim Freypen, davor sie, die Witwe, seine Nachfolgerin, mit deutlich retuschierten Falten, aber wer wollte das schon verurteilen. Unter dem Namen Helga Freypen stand nur ein Satz - IN SEINEM GEIST FÜR DEUTSCHLAND - und darunter, kleiner, Nationale Alternative. Die Aufrechten. Das las sich wie aufrechter Gang, aber gemeint war selbstverständlich rechte Gesinnung.

Der Artdirector der Werbeagentur, die vor keinem Auftrag zurückscheute, machte sich beflissen ein paar Notizen. Das Blond ihres Haares sollte noch deutlich herausgearbeitet werden, verlangte Helga Freypen, vielleicht sei es auch besser, das Foto ihres Mannes nur verschwommen und schwarzweiß zu drucken, damit sie in Farbe auf dem Plakat besser herauskommen würde. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass dies keine Vorschläge von ihr waren, sondern Anweisungen.

Helga Freypen kam aus sogenanntem guten Hause, ihr Vater war Chefarzt einer Klinik für Schönheitschirurgie gewesen, Befehlston für sie deshalb schon früh im Verkehr mit Untergebenen die normale Umgangssprache. Sein Nachfolger, ihr Bruder, hatte sie vor ein paar Monaten geglättet, wie er das nannte. Aber nicht nur deshalb wirkte ihr Lächeln aufgesetzt.

Bei Karl Mulder, der ungeduldig im Vorzimmer wartete, verbreiteten sich hektische rote Flecken auf seiner Glatze: Die Aufregung über das gerade überstandene peinliche Verhör im Polizeipräsidium. Die Selbstvorwürfe, offensichtlich doch belastendes Material auf der Festplatte übersehen zu haben. Die Angst, vielleicht gar noch unter Verdacht zu geraten wegen dieser längst vergessenen Wasserleiche in der Elbe. Die Unsicherheit, wie es jetzt weitergehen würde. Vor allem für ihn. Dass die blonde Witwe neue Parteichefin geworden war, hatte er nicht etwa von ihr erfahren, sondern von ihrer Pressefrau, die von einem möglichen Evita-Peron-Effekt schwafelte, der die Massen elektrisierte. Er hatte zwar nicht erwartet, dass es andere Kandidaten außer ihr geben würde oder gar eine demokratische Wahl zum Beispiel auf einem Sonderparteitag.

Aber selbst Mulder, dem niemand Sensibilität nachsagen durfte, hielt die schnelle Entscheidung zehn Tage nach Freypens Ermordung für geschmacklos. Der hat sich noch nicht mal im Grab richtig umdrehen können, dachte er, und jetzt rotierte er wahrscheinlich. Die Sekretärin, mit feinem Gespür dafür, dass Mulders Zeit vorbei war, bot ihm keinen Stuhl an. Als es summte, griff sie zum Hörer, lauschte kurz und machte ihm dann per Handbewegung ein Zeichen, dass er reingehen könnte. Vor einer Woche noch hätte sie es nicht gewagt, so mit ihm umzugehen.

"Wie weit sind Sie mit Ihren Ermittlungen?", fragte Helga Freypen, und auch sie hielt es nicht für nötig, ihm einen Stuhl zu offerieren. Er setzte sich trotzdem.

"Wir überwachen diese Journalistin, aus deren Wohnung geschossen worden ist. Ich bin sicher, dass sie mehr weiß, als man bisher lesen konnte. Vielleicht führt sie uns zum Mörder ..."

"Wie kommen Sie denn darauf, Mulder? Für mich klingt das arg an den Haaren herbeigezogen. Kümmern Sie sich lieber um diese andere Geschichte da, die in der Zeitung stand. Dass mein Mann von einem Konkurrenten erschossen worden ist."

Das würde dir so passen, dachte er, von einem aus unserer Partei erschossen. Womöglich noch unter meiner tätigen Mithilfe. Dumme Kuh. Beugte sich aber beflissen vor, worauf sie sich in ihrem Sessel weit zurücklehnte. Mulder stank wie immer aus dem Hals. Was aber an seinen verfaulten Zähnen lag und nicht daran, dass Nazis immer riechen.

"Haben Sie einen konkreten Verdacht? Wer käme denn dafür in Frage? Ich bin sicher, dass diese Geschichte, die Sie erwähnen, eine Zeitungsente ist. Oder von interessierter Seite gepflanzt. Das wäre den Bonzen in Berlin am liebsten, wenn wir uns gegenseitig erledigen würden. Also unser Chef wird vom DVU-Chef erledigt, wir wiederum rächen ihn und schaffen den beiseite und ..."

Helga Freypen blickte ihn nur abschätzig an. Sie hatte nie begriffen, warum ihr Mann, dem sie auf ihre Art treu gewesen war, vor allem ideologisch, gerade diesem Typen so bedingungslos vertraut hatte. Sie mochte Mulder nicht, sie hielt ihn zwar für schlau, aber vor allem für käuflich. Damit wiederum lag sie richtig. Bisher aber war er treu geblieben, denn Joachim Freypen hatte ihm stets mehr geboten als andere. Stallwärme, Geld, Bedeutung.

"Und außerdem", setzte er mit gezielter Bosheit nach, weil ihm bei der Beerdigung eine Umarmung zwischen Helga Freypen und Jens-Peter Schwarzkoff nicht entgangen war, "und außerdem ist noch lange nicht geklärt, ob Jens-Peter Schwarzkoff nicht auch seine Finger im Spiel hatte. Kommt mir seltsam vor, dass ausgerechnet er am fraglichen Abend der Begleiter dieser rot­haarigen Schlampe war, deren Wohnung der Mörder benutzt hat, und die damit ein sicheres Alibi vorweisen konnte." Es fiel ihr nicht ein, Mulder zu fragen, woher er das wusste. Was hätte er auch antworten sollen? Habe ich durch ein anonymes Fax erfahren?

"Blödsinn", antwortete Helga Freypen knapp, "schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Daran ist nichts seltsam. Warum wohl sollte Schwarzkoff meinen Mann ermorden wollen? Diese rothaarige Schlampe, wie Sie diese Dame nennen,", und sie teilte nur deshalb seine Bewertung, weil sie alle Rothaarigen für Schlampen und nicht für Damen hielt, "ist schlicht und ergreifend seine neue Bettgenossin." Verkniff sich gerade noch die Bemerkung, dass sie bei einer ihrer Meinung nach vertrockneten Ehefrau wie Julia Schwarzkoff sogar volles Verständnis dafür hatte. Das ging Mulder nun wirklich nichts an: "Jens-Peter ist ganz bestimmt nicht der Mann, den wir suchen. Den Sie suchen. Ich frage mich eher, ob Sie noch der richtige Mann für mich sind, wenn sie so verquer denken."

Wartete seine Reaktion ab, aber es kam keine, Mulder hatte sich unter Kontrolle. "Ich gebe Ihnen noch eine Woche, dann will ich Ergebnisse hören", beendete sie das Gespräch, "sonst müssten wir uns wohl um eine neue Aufgabe für Sie kümmern." Mulder dachte an die Million Euro Belohnung und schluckte seine Wut runter.

Und morgen lesen Sie: Die Polizeireporterin macht sich auf den Weg zum Mörder.

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