"Und erlöse uns von allen Üblen" #63 : Der Leibwächter schickt seine Spürhunde aus

Die Polizeireporterin macht sich auf den Weg nach Den Haag zu EUROPOL. Sie will ihr Buch voranbringen. Ein Fortsetzungsroman, Teil 63.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Witwe des Ermordeten Freypen übernimmt die Führung der Nationalen Alternative. Die Polizei glaubt, eine Spur zu haben.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 63 vom 17. August.

Den Frust ließ aus dem Gespräch mit Freypens Witwe ließ Karl Mulder er an seinen Leuten aus, die er anschließend zu sich bestellte. Wiederholte fast wörtlich, was er gerade auf sich bezogen gehört hatte. Ergebnisse wollte er haben und zwar ruckzuck, sonst würde es um ihre Zukunft bei der Partei schlecht aussehen. Dann warf er drei Flugtickets auf den Tisch: "Hier, für euch. Morgen fliegt Andrea Hofwieser nach Den Haag. Da staunt ihr, was? Hat mir meine Quelle am Flughafen berichtet. Ich will über jeden Schritt von ihr dort informiert werden. Was sie macht, wen sie trifft, alles. Die wird wohl kaum zum Shoppen nach Den Haag fahren."

"Dürfen wir sie denn mal ein bisschen härter anfassen?", fragte gierig der junge Leibwächter, der den toten Freypen entdeckt hatte, und hielt das Foto von Andrea Hofwieser hoch.

"Einen Scheiß dürft ihr, wenigstens jetzt noch nicht", antwortete Mulder, "sie soll nicht merken, dass sie überwacht wird, Idiot! Erst wenn wir mehr wissen, wird sie in die Mangel genommen."

Dann versöhnlich: "Du darfst dabei aber der erste sein, hiermit versprochen."

Andrea Hofwieser hat sich für die Reise sorgfältig zurechtgemacht. Brauner Hosenanzug von Armani, darunter ein freches schwarzes Calvin-Klein-T-Shirt, das ihre Formen betont. Das rote Haar trägt sie offen, was sie jünger aussehen lässt. Sogar ein Kleid packt sie ein, falls sie der Herr Kriminaldirektor, von dem sie nichts weiß außer den paar Sätzen, die ihr Susanne Hornstein hingeworfen hat, zum Essen ausführen will.

Tonbandgerät, Powermac, oben auf dem Koffer die Archivunterlagen. EUROPOL allgemein, Berichte über nicht aufgeklärte politische Attentate in Deutschland, eine ausgewählte Mischung von Artikeln aus verschiedenen Fachzeitschriften, schnell noch vor der Abreise ausgedruckt. Unter anderem auch ein paar Ausgaben der International Criminal Police Review.

Bevor sie ihre Wohnung verlässt, schaltet sie den Anrufbeantworter an und dabei fällt ihr wieder mal ein, dass sich ihr seltsamer Retter, der Kapuzenmann, nie bei ihr gemeldet hat, verdrängt jedoch das Bild vom Mann aus der Tiefgarage sofort. Sie ist zwar immer noch neugierig auf ihn, aber es reicht ihr, dass er sie gerettet hat, mehr will sie nicht wissen. Inzwischen ist sie überzeugt davon, dass er und niemand sonst Freypen erschossen hat und zwar aus ihrem Appartement heraus und das ist selbst ihr unheimlich. Sie hat deshalb das Schloss an der Tür auswechseln lassen.

In der Branche ist die Reporterin bekannt für ihre eiskalte Selbstbeherrschung, ihre Coolness, die sie selbst ungerührt als abgebrüht bezeichnen würde. Aber sogar bei ihr geht professionelle Skrupellosigkeit nicht so weit, sich bei einem Mörder bedanken zu wollen, weil er sie verschont und in ihrer Wohnung keinen Schmutz hinterlassen hat. Warum der Freypen erschossen hat, ist ihr herzlich egal. Auf einen Nazi weniger kommt es ihr nicht an. Dass sie der Polizei, vor allem Susanne Hornstein, nichts davon erzählt hat, macht ihr deshalb keine Gewissensbisse. So etwas wie staatsbürgerliche Pflichten kennt sie nicht. Sie denkt statt dessen an das Gesicht von Jens-Peter Schwarzkoff, als er den Vertrag für ihr Buch unterschrieben musste, und darüber kann sie sich immer noch freuen. Diese Freude, diese kalt servierte Rache, ist stärker als jede Erinnerung an die versuchte Vergewaltigung.

Dass sie ausgerechnet ihr Handy in ihrer Wohnung vergessen hat, merkt sie erst, als die Stewardess erklärt, warum während des Fluges alle elektrischen Geräte ausgeschaltet sein müssen. Vor allem Handys. Einen Moment lang ärgert sie sich, bis ihr einfällt, dass sie es nicht so dringend braucht wie sonst, weil sie für viele Monate nicht im aktuellen Zeitungsdienst sein wird. Dass sie ab heute Urlaub hat, bezahlten Urlaub, und sich nur noch um ihr Buch kümmern muss. Nicht um Schießereien zwischen rivalisierenden Gangs auf St. Pauli, nicht um unbekannte Tote in der Elbe, nicht um den Kokainkonsum prominenter Hamburger.

Grinsend beobachtet sie drei kurzhaarige junge Männer vor ihr, die nach der Ansage hektisch in ihre Brusttasche greifen und auf irgendwelche Knöpfe drücken. Wohl noch nicht so oft geflogen, Jungs, murmelt sie hämisch und vertieft sich dann in ihre Unterlagen.

Und morgen lesen Sie: Die Reporterin wird beobachtet.

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