• "Und erlöse uns von allen Üblen" #64: Die Journalistin liest einen interessanten Aufsatz

"Und erlöse uns von allen Üblen" #64 : Die Journalistin liest einen interessanten Aufsatz

Die Polizeireporterin ist auf dem Weg nach Den Haag zum EUROPOL-Ermittler Zartmann. Sie wird beschattet. Ein Fortsetzungsroman, Teil 64.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Polizei vermutet das Motiv für den Freypen-Mord in dessen langjähriger Verbindung mit dem Verleger Schwarzkoff und dem toten Ermittler Lawerenz. Der wahre Mörder dagegen erwartet Besuch aus Hamburg.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 64 vom 18 August.

Es ist Andrea Hofwieser zwar aufgefallen, wie sie von den drei muskelbepackten Kerlen immer wieder gemustert worden ist, sie hat sich deswegen aber keine Gedanken gemacht, denn solche Aufmerksamkeit ist sie gewohnt. Blicke stören sie nicht mehr, seit sie nackt in einer Peepshow aufgetreten ist.

Nach dem frühen Tod ihrer Eltern war Andrea bei entfernten Verwandten in einer zwar idyllischen, aber stinklangweiligen Provinzstadt aufgewachsen. Zwei Tage nach dem Abitur hatte sie Stade verlassen und seitdem nie wieder betreten, obwohl sie doch seit einigen Jahren ganz in der Nähe, in Hamburg, arbeitete. Für Reisen in die eigene Vergangenheit hatte sie keine Zeit. Sie wollte an ihre künftigen Grenzen gehen und die definierte sie jedes Jahr neu. Als junges Mädchen war es die prägende Erfahrung gewesen, wie man die Lust der Männer für seine Zwecke benutzen konnte - der Direktor ihrer Schule hatte ihr, seiner minderjährigen Geliebten, rechtzeitig vor der Abschlussprüfung die entsprechenden Themen samt möglicher Antworten besorgt. Er träumte noch heute von ihr, wenn er einmal im Monat mit seiner langweiligen Gattin schlief. Andrea Hofwieser hätte nicht einmal mehr gewusst, wie er hieß. Es gab zu viele nach ihm.

Wenige waren so aufregend, dass aus einem Spontanfick, von gebildeten Kreisen inzwischen One Night Stand genannt, eine längere Affäre wurde. Bei den meisten vögelte sie sich nur ihre mitunter fast schmerzhafte Sehnsucht vom Leib. Sie hätte aber nicht erklären können, worin diese Sehnsucht bestand. Manche Männer hatte Andrea sogar geliebt, zumindest hielt sie ihr Gefühl für Liebe. Der Gedanke, dass sie auf der Suche nach einer Geborgenheit war, die sie als nur geduldete Waise bei der pflichtbewussten protestantisch kühlen Tante nicht erfahren hatte, kam ihr nie. Hätte sie Susanne Hornstein auf dem Friedhof in Bonn beobachten können, wäre sie peinlich berührt gewesen, aber verstanden hätte sie die andere Frau nicht.

Andrea Hofwieser war zwar erst zweiunddreißig , aber schon seit zehn Jahren in dem harten Männergeschäft Journalismus erfolgreich. Als Anfängerin hatte sie mit ihrem ersten Artikel, verfasst ohne Auftrag und ohne zu wissen, ob der jemals gedruckt würde, ihre Erfahrungen auf der Drehscheibe in einer Peepshow geschildert. Als unberührbares Nacktmodell hatte sie ihren Lebensunterhalt verdient. Dieses Tagebuch einer Erniedrigung, wie es angekündigt wurde, war ihr Durchbruch, sozusagen aus dem Stand. Die im Wortsinne hautnahe Reportage war eine Woche lang Stadtgespräch, anschließend bekam das junge Mädchen seinen ersten Vertrag als Reporterin bei der größten Boulevardzeitung in Berlin. Eine schamlose Geschichte, wie ein paar neidische Lokalredakteurinnen beklagten.

Aber Andrea wollte schamlos sein, auch in ihrer Sprache. Nur so ließ sich beschreiben, welche Gefühle eine Frau hatte, der die Männer stundenlang und Tag für Tag in die Scham schauten. Typisch aber für sie, dass sie ihren Kritikerinnen deutlich zu verstehen gab, warum die das gar nicht nachempfinden konnten: Welcher Mann schon wollte denen unter den Rock gucken? Typisch auch für sie, dass sie mit einer ebenfalls schonungslosen Artikelreihe über die Herrscher des Rotlichtmilieus in eine andere Domäne der Männer einbrach und als Frau im Geschäft der Polizeireporter mitmischte, wo Journalismus um nun wirklich jeden Preis betrieben wurde.

Wie die Schlagzeile von heute entstanden war, interessierte morgen keinen mehr. Andrea Hofwieser galt als Karrieristin, aber das störte sie ebenfalls nicht, denn in der Tat interessierte sie sich nur für den Erfolg. Den hatte sie, und 2008 wurde sie von Schwarzkoff für ein hohes Gehalt nach Hamburg abgeworben. Wo sie lebte, war ihr egal, denn ein Begriff wie Heimat war ihr so fremd wie Freundschaft.

Sie überblättert eher desinteressiert die Unterlagen über die Morde an Detlev Rohwedder und Alfred Herrhausen, weil die für ihr Gespräch mit Lionel Zartmann nicht wesentlich sind. Eher die noch immer geheimnisumwitterte Affäre Uwe Barschel. Dass ihr Zartmanns Kollegin in Hamburg darüber alles erzählen könnte, sogar Tatsachen und nicht nur Fiktion, ahnt Andrea Hofwieser natürlich nicht. Das Wissen allein hätte ihr allerdings auch nicht weitergeholfen, denn Susanne Hornstein ist verschwiegen.

Barschel und kein Ende: Nach der Verhaftung eines angeblichen Mafiabosses in Baden-Baden lebten erneut alle bekannten Verschwörungstheorien wieder auf. Der Besitzer einer Boutiquenkette - verlustbringende Boutiquen als Geldwaschanlagen waren bei der Ehrenwerten Gesellschaft beliebt, wie man wusste - soll Statthalter der Mafia in Deutschland gewesen sein und laut Aussagen eines Kronzeugen auch den Auftrag entgegengenommen haben, Uwe Barschel zu beseitigen, bevor der sein Wissen über geheime Waffengeschäfte publik machen konnte. Auftraggeber, so wörtlich im Vernehmungsprotokoll, eine "dem Ministerpräsidenten vertraute Person". Hinter der wiederum verbargen sich als Hintermänner, wie üblich im Dunkeln und wie üblich ohne Namen, hochrangige deutsche Politiker. Männer ohne Gesichter. Eigentlich kann ich das in meinem Buch genau so und wörtlich übernehmen, überlegt Andrea Hofwieser. Das klingt so abenteuerlich, dass es nur in einen Thriller passt.

Kurz vor der Landung will sie schon den Packen mit langweilig anmutenden kriminalwissenschaftlichen Aufsätzen in die Ablage vor ihr stopfen, es reicht doch, wenn sie Zartmann sagen kann, dass sie seine Arbeiten kennt und damit seine Eitelkeit kitzelt. Aber ihr Blick bleibt hängen bei einer Überschrift, die zwar umständlich formuliert ist, aber immerhin Neugier erzeugt: "Gibt es Umstände , die es erlauben, am Gesetz vorbei zu handeln und selbst für Gerechtigkeit zu sorgen? Zehn Thesen pro und contra Selbstjustiz"

Sie liest den dazu passenden Text fasziniert, mehr und mehr gefangen durch die überzeugend vorgetragenen Pro-Argumente und fühlt sich fast gestört, als die Maschine in Amsterdam aufsetzt.

Und morgen lesen Sie: Die ahnungslose Reporterin trifft den Mörder.

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