"Und erlöse uns von allen Üblen" #66 : Der Mörder spielt ein gefährliches Spiel

Der EUROPOL-Ermittler und Freypen-Attentäter Zartmann bewirtet die Journalistin. Beide werden beobachtet. Eine Fortsetzungsroman, Teil 66.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Polizeireporterin Hofwieser ist zur Recherche für ihr Buch in Den Haag. Dass der EUROPOL-Ermittler Zartmann der Freypen-Mörder ist, ahnt sie nicht.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 66 vom 20. August.

"Sie haben die Wahl, Frau Hofwieser", sagt Zartmann, als sie rausgehen in eine noch warme Den Haager Herbstnacht, und lässt dabei seine Augen einen Moment zu lang bewundernd auf ihrem Gesicht verharren, während er ihr den Vortritt lässt. Täuscht sich allerdings, weil er glaubt, dass sie seinen Blick nicht bemerkt hat. Es ist ihr aber nicht unangenehm. "Wir können gleich hier im Restaurant zu Abend essen. Hat einen sehr guten Ruf, vielleicht eine Spur zu bürgerlich. Oder Sie sagen mir, worauf Sie Appetit haben und ich koche für Sie und wir unterhalten uns im besten Restaurant der Stadt, in meiner Wohnung."

Sie blickt ihn verblüfft an, kein bisschen pikiert allerdings, was er richtig interpretiert und mit unbewegter Miene ihre nicht ausgesprochene Frage aufnimmt: "Man sagt, ich sei ziemlich gut in der Küche. Liegt wohl daran, dass es mir Spaß macht. Alle Geschäfte haben noch auf, up to you, Sie entscheiden."

Andrea Hofwieser muss nicht lange überlegen. Erstens wird es in der Tat für sie einfacher werden, ihn auszuhorchen, wenn er sich auf andere Dinge in seiner Küche konzentrieren mussß. Und zweitens ist sie neugierig darauf zu sehen, wie dieser Mann wohnt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, weiß sie. Aber genau das macht den Reiz aus. "Sie haben verloren", sagt sie spöttisch, denn das doppelsinnige Geplänkel beginnt, ihr Spaß zu machen und außerdem hat sie bei solchen Spielen noch nie verloren: "Sie müssen arbeiten, ich nehme Ihre Einladung an."

Die drei Männer, die sie verfolgten, einer zu Fuß, zwei in einem gemieteten VW, sahen nichts weiter Aufregendes als ein elegantes Paar, ab und zu lachend, das in verschiedenen Feinkostläden in der Innenstadt zusammen einkaufte. Die jeweiligen Besitzer schienen Zartmann gut zu kennen, überall wurde er per Handschlag begrüßt. Andrea Hofwieser genoss es, dass sie unverhohlen bewundert und wie selbstverständlich für die neue Freundin des EUROPOL-Beamten gehalten wurde. Er überließ ihr die Auswahl des Dinners und sie suchte Muscheln aus, zwei frische Doraden, junge Erbsenschoten, verschiedene Salate. Als ihr Begleiter eine Flasche Champagner kaufte, dessen Marke sie noch nie gehört hatte, schaute sie ihn forschend an. Er hielt ihrem Blick stand. Beide merkten nicht, dass sie immer dann fotografiert wurden, wenn sie wieder einen Laden verließen.

Zartmanns Wohnung lag im dritten Stock eines alten Hauses in der Kazernestraat. Am Trottoir parkte sein Morgan. Als er mit Andrea Hofwieser, die den Champagner trug, hinter der holzgeschnitzten Eingangstür verschwunden war, stieg einer der sie verfolgenden Männer schnell aus dem Auto und schlüpfte unbemerkt nach ihnen ins Treppenhaus. Da blieb er stehen. Er horchte auf die Geräusche der knarrenden Holzstufen, zählte mit und als eine Tür zuschnappte, zog er seine Schuhe aus und rannte auf Socken leise nach oben. ZARTMANN stand auf dem Türschild. Das konnte selbst er sich merken. Wieder zurück im Auto nahm er sein Handy und wählte Karl Mulders Nummer in der Hamburger Zentrale der Partei. Um diese Zeit am Freitagabend saß der dort allein vor einem Computer, grübelte immer noch, wie es ihm passieren konnte, dass er diesen Ordner mit dem verdammten Protokoll übersehen hatte.

"Ja?"
"Sie hat einen Mann getroffen, ist jetzt mit dem in dessen Wohnung. Zartmann. Adresse: 5 Kazernestraat. Ja, ich buchstabiere. Wir haben Fotos gemacht, die senden wir gleich. Ja, wir wohnen im selben Hotel. Über ihr. Wir bleiben hier vor dem Haus. In Ordnung." Er wandte sich dem Fahrer zu und tippte sich an den Kopf : "Quasimodo spinnt mal wieder, er will alles sofort haben." Dann pfiff er den dritten Mann herbei, der die Verfolgung vom Hotel aus zu Fuß aufgenommen und an der Ecke gewartet hatte. Mulder hatte wirklich eine Meise, dachte er, als ob die Rothaarige so einfach nach Den Haag fliegt, sich mit einem Mann trifft und der ist zufällig auch gleich der Mörder Freypens. Wahrscheinlich war das irgendeine Wochenendaffäre, wahrscheinlich tranken die jetzt Champagner und gingen anschließend miteinander ins Bett. Schöne Scheiße. Er hatte Hunger und Durst und konnte sich vorstellen, dass eine lange Nacht in einem unbequemen Auto vor ihnen lag. So ganz sicher war er allerdings nicht, ob Mulder vielleicht doch die richtige Nase gehabt hatte.

Zartmann hat sich in die zum Wohnzimmer offene Küche zurückgezogen, sein Jackett abgelegt und begonnen, alles fürs Abendessen vorzubereiten. Mit einem Knopfdruck eine Stereoanlage in Gang gesetzt, Jazzmusik, Wynton Marsalis mit seinen Brüdern. Andrea Hofwieser registriert mit geschultem Blick die Einrichtung, als müsse sie darüber schreiben: Schwere Teppiche, ein paar Graphiken an der Wand, sparsam verteilt alte englische Möbel. Viele Bücher, vor allem aber Romane.

Sie schaut ihn fragend an und er nickt ebenso wortlos. Erlaubnis zur Besichtigung erteilt. Sie wirft nur einen kurzen Blick in sein Schlafzimmer, in dem außer einem breiten Bett und einem Schrank nichts steht, öffnet mehr aus Versehen die Tür zum Badezimmer, das sie eigentlich nicht interessiert. Ertappt sich aber dabei, wie sie automatisch auf Hinweise achtet, die auf eine Frau schließen lassen - Parfums, Cremes, eine zweite Zahnbürste. Geht dann weiter in den sich anschließenden Raum, dessen Ambiente gar nicht zu den anderen passt. Kühle funktionelle Möbel, zwei, nein sogar drei Computer, ein Fernsehapparat, eine Pinnwand mit Ausrissen aus verschiedenen Zeitungen. Neugierig schaut sie sich die an. Irgendwelche Bombenattentate. Nichts vom Fall Freypen. Aber warum sollte ihn der auch interessieren? Ist schließlich wohl kaum ein Fall für EUROPOL.

Zurück im Wohnraum setzt sie sich auf einen der Barhocker, die am Tresen zur Küche stehen. Zartmann unterdrückt gerade noch rechtzeitig eine Bemerkung, dass sie zumindest was Computer betrifft, wohl den gleichen Geschmack haben. Woher hätte er das denn wohl wissen sollen? Für einen Moment hat er vergessen, wie gefährlich das Spiel doch ist, das er spielen will.

"Stört es Sie, wenn ich Sie einfach schon mal mit ein paar Fragen überfalle?", fragt die Reporterin, und auf einen Schlag ist die leicht flirtige Stimmung vom gemeinsamen Einkauf verflogen. Das spürt Zartmann und schlüpft sofort zurück in die Rolle des kühlen Beamten: "Fragen Sie, Frau Hofwieser, dafür sind Sie doch extra nach Den Haag gekommen oder? Aber erwarten Sie nicht auf alle Fragen eine Antwort." Dabei schneidet er scheinbar ungerührt ein paar Zwiebeln und Kräuter und prüft die Flammen auf dem Gasherd. Sie nimmt einen Schluck von dem Weißwein, den er ihr angeboten hat, weil der Champagner noch kühlen muss, und steckt sich eine Zigarette dazu an.

"Was genau machen Sie bei EUROPOL eigentlich oder ist das geheim?"

"Nichts Geheimes", erwidert er, und erzählt ihr von seinen Aufgaben. Lässt die Aufzählung bewusst langweilig klingen. Organisierte Kriminalität, aber was ist heute nicht organisiert. Spezialgebiet verdeckte kriminelle Strukturen bei harmlos wirkenden Vereinigungen wie Glaubensgemeinschaften, Lobbyistenverbänden. Seit der Einführung des Euro habe er auch immer mehr Investmentbanken und Beratungsfirmen im Visier, unter denen erfahrungsgemäß viele getarnte Geldwäschefirmen sind.

"Sie sehen, nichts für Sie. Ich meine, nichts für Ihr Buch. Was genau haben Sie denn vor?" Das klingt wie eine naheliegende Frage in dem Zusammenhang, wie eine Höflichkeitsformel, doch sie lässt sich nicht täuschen. Bewundert den Schachzug mit professionellem Respekt. Er hat ihr eigentlich nichts verraten, was sie nicht auch aus einem EUROPOL- Handbuch hätte erfahren können, aber bei der erstbesten Gelegenheit den Ball in ihr Feld zurückgespielt. Nicht schlecht, Herr Kriminaldirektor, gar nicht schlecht.

Aber nicht mit mir.

Und sie beginnt erneut, das spielerische Geplänkel, dieses Abtasten ohne Berührung zu genießen. Andrea Hofwieser hat ein paar Trümpfe in der Hinterhand, von denen er gar nichts ahnt. Einen vor allem. Zum Beispiel ist sie eine Frau und er letztlich doch nur ein Mann - wenn auch ein ziemlich ungewöhnlicher - also verführbar. In dem Zusammenhang ist ihr bisher immer etwas eingefallen und sie hat noch nie gezögert, sich selbst einzusetzen, wenn sich der Einsatz lohnen könnte.

Und morgen lesen Sie: Der Mörder fühlt sich plötzlich durchschaut.

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