"Und erlöse uns von allen Üblen" #68 : Der Mörder geht auf dünnem Eis

Polizeireporterin Hofwieser und der Freypen-Mörder werden beobachtet. Leibwächter Mulder wähnt sich am Ziel. Ein Fortsetzungsroman, Teil 68.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Freypen-Mörder bewirtet die Polizeireporterin aus. Er will herausfinden, ob sie etwas ahnt von seiner Schuld.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 68 vom 22. August.

Den Aufsatz hat er lange schon vergessen, erinnert sich jetzt aber an die Debatte damals in Colmar, als Retin ihnen den staatstragenden Schluss vorgelesen hat. Gut, dass Alain sich durchgesetzt hat. Er geht an den Kühlschrank und nimmt den Champagner heraus. Es gibt sogar einen Anlass zu feiern, aber das kann er ihr nicht sagen. Er macht es deshalb eine Nummer kleiner: "Der hat jetzt die richtige Temperatur. Würden Sie so freundlich sein? Ich muss mich um den zweiten Gang kümmern."

Du wirst dich noch wundern, denkt sie immer noch sauer, mich kriegst du mit diesen alten Tricks bestimmt nicht. Blöde Komplimente und dann Champagner. Wahrscheinlich später noch Kerzenlicht und vielleicht ein bisschen Dave Brubeck, weil der Herr was Besseres ist? Und dann mir an die Wäsche gehen? Wieder schaut er sie direkt an und wieder scheint er ihre Gedanken lesen zu können: "Verzeihung, aber Sie sind nun mal schön", sagt er leise, "sehr schön. Und Sie sind nun mal klug. Sehr klug. Hätte ich das trotzdem nicht sagen dürfen?"

Nun verliert Andrea Hofwieser für einen Moment die Fassung. So wie er vorhin, als er den Topf fallen ließ. Nun fühlt sie sich ertappt. Und wie er, gleichzeitig erleichtert. Sie öffnet die Flasche und schenkt ein, ohne auch nur einen Tropfen zu vergießen: "Hätten Sie wohl nicht gedacht, dass Frauen Champagnerflaschen öffnen können?", fragt sie spöttisch, und als er sie anlächelt, muss auch sie lächeln. Du benimmst dich wie ein Teenager beim ersten Mal, beschimpft sie sich selbst. Denk an deinen Job.

"Sind Sie wirklich der Meinung, dass es manchmal für die Gerechtigkeit ein bisschen Selbstjustiz braucht?"

"Natürlich nicht. Wo kämen wir denn da hin? Vergessen Sie nicht, es war die intellektuelle Auseinandersetzung, Pardon, mit einer einleuchtend klingenden Theorie. Kennen Sie doch sicher auch, dieses Gefühl der Ohnmacht, wenn etwas nicht bestraft wird, was nach Ihrer Meinung bestraft werden müsste. Diese Allmachtsfantasien, was man machen würde, wenn man könnte und dürfte."

Sie denkt an die versuchte Vergewaltigung durch Schwarzkoff, und genau daran hat auch er gedacht: "Mehr als was wäre wenn haben wir nicht ausdrücken wollen. Falls ich mich recht erinnere, ist schließlich ziemlich lange her und so wichtig war es dann doch nicht, hatten wir aber einen ziemlich distanzierenden Schluss oder nicht?"

Sie nickt bestätigend: "Stimmt. Der war ziemlich langweilig, Verzeihung, sagen wir mal so: deutlich staatstragend." Er lacht, und damit hätte das Thema beendet sein können. Aber Lionel Zartmann liebt das Risiko, es reizt ihn plötzlich, weiter auf dem gerade noch so dünnen Eis zu gehen: "Das wäre doch auch eine interessante Konstellation für Ihr Buch, Frau Hofwieser", und es fällt ihr bei der förmlichen Anrede auf, dass er bisher nicht den geringsten Versuch von Anmache unternommen, beispielsweise sie einfach Andrea genannt hat, - "eine Gruppe von Männern, ein Geheimbund, eine verschworene Gemeinschaft, die sich vorgenommen hat, gewisse Figuren einfach umzubringen, die immer wieder ungestraft davonkommen. Wäre das nicht mal was anderes statt der üblichen Krimi-Stoffe?"

Du spinnst, sagt ihm sein anderes Ich. Der Alte. Jetzt bist du wirklich leichtsinnig geworden, geradezu größenwahnsinnig. Von wegen, antwortet er. Genau das ist der Trick. Wenn ich es selbst vorschlage, kommt sie nicht auf falsche Gedanken. Wetten? Er ist sicher, dass sein Freund Alain begeistert gewesen wäre.

Das überlegene Lächeln von Andrea Hofwieser beweist ihm schon, bevor sie zu sprechen anfängt, dass er nicht eingebrochen ist, dass er gewonnen hat: "Na ja, ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten", - und sie stockt ein bisschen, weil er sie so anschaut, als würde er fragen wollen, warum eigentlich nicht? - "ich will Sie ja nicht enttäuschen, aber mit so unwahrscheinlichen Plots kann man als Autor nichts anfangen. Das ist einfach fern jeder Wirklichkeit. Sorry." Er hebt in gespielter Enttäuschung die Schultern: "Wahrscheinlich haben Sie recht, da kennen Sie sich besser aus als ich. Vergessen Sie es. Sie sind die Autorin. Reden wir über Barschel. Was wollen Sie wissen?"

Zartmann dosiert die Informationen genau. Er gibt der Reporterin zu dem Fall, der vor bald dreißig Jahren Jahren passiert ist, zwar so viele Details, dass sie ein Bild ihrer Art wird malen können. Aber er achtet sorgfältig darauf, keine Dienstgeheimnisse zu verraten. Das hat nichts mit übertriebener Loyalität zu seinem Dienstherrn Staat zu tun. Das ist für ihn eine Frage der Selbstachtung, altmodisch auch Anstand genannt. Zartmann ist altmodisch. Man beißt nicht die Hand, die einem füttert. Und noch füttert sie ihn.

In den vergangenen Jahren hat er immer öfter davon geträumt, seine eigentliche Sehnsucht zu leben. Die hat nichts zu tun mit Amt und mit Würden und mit Verbrecherjagd und mit gesicherter Rente. Seine Lust auf Abenteuer ist selbst durch Kleopatra noch nicht gestillt. Er würde am liebsten mit allem brechen und ein zweites Leben beginnen. So wie ihm geht es zwar vielen. Aber nicht viele haben wie er die Aussicht auf eine Million Euro, mit denen der Absprung abgefedert und weicher wird. Das Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen hat ihn gerade wissen lassen, dass es in den nächsten Wochen eine Entscheidung in Sachen enteigneter Familienbesitz in der ehemaligen DDR geben wird. Rückgabe hat ihn nie interessiert, weil er es für unmoralisch betrachtete, nach vierzig Jahren die zu vertreiben, denen inzwischen die einst seinem Großvater gehörenden Häuser zur eigentlichen Heimat geworden sind.

Das umschrieb er gern mit dem ihm eigenen Zynismus so, er wolle seinen bescheidenen Beitrag dafür leisten , dass die Zonis auch wirklich dort blieben, wo sie hingehörten. Die Summe, die ihm als Erben aus dem Entschädigungsfonds zu­stand, auf die allerdings wollte er nicht verzichten. Bei Anflügen von schlechtem Gewissen musste er nur an die Herren Anwälte denken, die im Namen der Treuhandanstalt nach der Wiedervereinigung hunderte von Millionen harter Mark zwar nicht verdient, aber erhalten hatten.

"In welcher Ferne schweben Sie?", unterbricht Andrea Hofwieser fast behutsam seine offensichtliche Abwesenheit und tupft mit einem Stück Brot die Reste von ihrem Teller: "Sieh, das Gute liegt so nah. Hat übrigens wunderbar geschmeckt. Ich werde Sie weiterempfehlen." Er ist froh, dass sie keine Antwort erwartet und mimt den Koch eines Drei-Sterne-Restaurants, der um seine Gäste herumschwänzelt, bevor ihnen Dessert und Digestiv und die Rechnung gereicht werden. Sie lacht, bis sie sich verschluckt und hustet. Winkt keuchend, aber immer noch prustend ab, als er Anstalten macht, ihr auf den Rücken zu klopfen. Steht auf und geht Richtung Flur. "Nachtisch, Madame?", ruft er ihr nach , und sie ruft im gleichen verspielten Ton zurück: "Lieber nicht, aber noch ein Glas Wein, Monsieur", bevor sie die Tür hinter sich schließt.

 

Karl Mulder konnte die Übertragung aus Den Haag kaum erwarten, stand nervös rauchend am Gerät, als die Überwachungsfotos von Andrea Hofwieser und Lionel Zartmann auf dem Bildschirm auftauchten. In Farbe und gestochen scharf. So also sah der Mörder Joachim Freypens aus, dachte er und stieß eine Art Triumphgeheul aus, denn er war überzeugt, das war er, der musste es einfach sein. Vor sechs Tagen genau um diese Zeit hatten sie die Leiche entdeckt und er hatte an fast der gleichen Stelle geschworen, den Killer zu jagen, seinen Chef zu rächen. Alles passte in seine Theorie, und inzwischen war es seine, das anonyme Fax war vergessen: Die Reporterin hatte sich als Begleiterin Schwarzkoffs ein Alibi besorgt, in der Zwischenzeit war der Mörder in ihre Wohnung gegangen und hatte geschossen. Mulder machte sich in seiner Euphorie, so nahe an der Million zu sein, keine weiteren Gedanken um ein überzeugendes Motiv oder einen wahrscheinlichen Auftraggeber für den Mord oder warum die seiner Meinung nach so eiskalt berechnende rothaarige Frau sorglos in ein Flugzeug gestiegen war, um sich in aller Öffentlichkeit mit dem Mann zu treffen, den er für den Mörder hielt.

Für einen Atemzug lang war er sogar versucht, zum Handy zu greifen und Helga Freypen Vollzug ihres Befehls zu melden. Den Namen des Mörders hatte er und dessen Adresse, und sogar das berühmte BKA hatte er abgehängt. Ließ es dann aber wieder. Nicht etwa, weil es schon so spät am Abend war. Er wollte ihr Gesicht sehen, wenn er es ihr sagen würde, ich, Karl Mulder, ich habe geschafft, was die Polizei nicht geschafft hat. Dieser Krucht nicht geschafft hat. Diese Hornstein nicht geschafft hat. Ich habe den Mörder gefunden. Das sollte Teil zwei seiner ganz persönlichen Rache sein, Helga Freypen würde ihm danken müssen. Öffentlich Und dann war da noch die Belohnung. Die Kopfprämie. Der Beginn seines neuen Lebens.

In der Tat hatte Mulder den Mörder gefunden. Er hielt zwar die Reporterin für eine Komplizin des Täters. Aber selbst diese falsche Theorie hatte ihn per Zufall zum richtigen Mann geführt. Ganz nahe dran war Mulder, ganz nahe dran. Am Mörder. Eigentlich konnte nichts mehr passieren, wenn er kühl blieb und keine Fehler machte. Glaubte er.

Er telefonierte mit seinen Leuten in Den Haag und ordnete an, bis auf weiteres die beiden nur aus gebührendem Abstand zu überwachen, vielleicht gab es ja noch einen dritten Mann, und abzuwarten, bis er den Befehl zum Zuschlagen geben würde. Das musste erst einmal organisiert werden, denn Mulder wollte nicht etwa die Polizei informieren, sondern diesen Zartmann entführen und in einem sicheren Haus der Partei mal so richtig zur Brust nehmen. Bis er ihm alles gestehen würde. Und ihn anschließend Helga Freypen überlassen. Seine Jungs sollten dann diese Rothaarige haben dürfen. Wie versprochen.

Und morgen lesen Sie: Die Reporterin verläuft sich.

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