"Und erlöse uns von allen Üblen" #7 : Der Mörder hat alles vorbereitet

In der Wohnung einer Reporterin wartet der Attentäter darauf, den tödlichen Schuss auf den Parteichef der Nationalen Alternative abzufeuern. Die nichtsahnende Journalistin ist derweil bei einem Empfang. Ein Fortsetzungsroman, Teil 7.

von
Wer plante den Anschlag auf den rechtspopulistischen Politiker?
Illustration: Anna Krauß

Was bisher geschah: Der Chef der rechtsnationalen Nationalen Alternative, Joachim Freypen, soll erschossen werden. Der Mörder lauert gegenüber der Hamburger Parteizentrale.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 7 vom 22. Juni.

Die Besitzer der in Frage kommenden Wohnungen lernte der Mörder auf dem Bildschirm eines Computers über ein Programm kennen, das es offiziell nicht gab. Längst war die einst vom damaligen Chef des Bundeskriminalamtes Horst Herold für die Fahndung nach der Roten Armee Fraktion erdachte PIOS-Software weiterentwickelt worden, und dass darüber keiner sprach, der davon wusste, war selbstverständlich. PIOS ist die Abkürzung für Personen, Institutionen, Objekte, Sachen, inzwischen ausgebaut zu einer Art bundesdeutscher Meldesoftware, die per Codewort und auf Mausdruck alles ausspuckte, was den Staatsschutz interessieren könnte oder die Ermittler gegen Organisierte Kriminalität.

Ausnahmsweise hatte es nichts mit typisch deutscher Überwachungslust zu tun, denn auch die Polizeibehörde EUROPOL mit Sitz in Den Haag, nutzte längst dieses Programm länderübergreifend für gemeinsame Polizeiaktionen in Europa.

Es war aufgrund der technologischen Entwicklung längst auch machbar, in die auf allen Bahnhöfen und Flughäfen und sogar U-Bahn-Stationen inzwischen alltäglichen Überwachungskameras ein Programm einzubauen, das immer dann Alarm in irgendeiner Zentrale geben würde, wenn ein gesuchter Terrorist ins Blickfeld geriet. Der Kamera war es egal, ob es ein linker Terrorist war oder ein rechter. Wie auch immer der sich veränderte oder verkleidet hatte - das System würde ihn aufgrund eingespeicherter typischer Merkmale erkennen.

Der heimliche Stolz auf diese Datei allerdings war in den vergangenen Monaten einer unheimlichen Sorge gewichen, über die man ebenso wenig öffentlich sprach. Gerüchte, dass hochbegabte Hacker den ebenfalls interessierten Kreisen auf der anderen Seite der Barriere, und das waren inzwischen weniger die klassischen Terroristen als Mafiosi jedweder Couleur, gegen hohes Honorar Zugang zu diesen und anderen Informationen verschafft hatten, hielten sich hartnäckig. Ein französischer Experte bei EUROPOL war auf diese Spur gestoßen, weil in einem eigentlichen gesicherten Internet-Briefkasten, einer geheimen Mailbox, entsprechende Informationen unter einem Code angeboten wurden. Dieser aus Paris stammende Fachmann hatte den Ruf, jeden Code knacken zu können. Vor allem die als todsicher geltenden.

Das Haus in Hamburg war in PIOS gespeichert und die einzelnen Wohnungen auch. Wer die oberen vier Appartements bewohnte, konnte bei entsprechender Kenntnis der entsprechenden Passwörter mit allen Einzelheiten - Beruf, Alter, Geschlecht, Familienstand, Vorstrafen, Gewohnheiten - angeklickt und ausgedruckt werden.

Genau das hatte der Mörder gemacht, und er brauchte dabei nicht die Hilfe irgendwelcher Spezialisten, denn so etwas gehörte zu seinem Handwerk. Dass beim zweiten Schritt der Planung seine Wahl auf die Wohnung von Andrea Hofwieser fiel, hatte gleich mehrere Gründe. Die Zweiunddreißigjährige war Journalistin und ledig und gutaussehend. Und das waren schon mal drei Voraussetzungen dafür, dass sie nicht jeden Abend pünktlich zu einer bestimmten Zeit Zuhause sein würde. Die anderen Kandidaten hatten nichts Gleichwertiges zu bieten, zwei waren bereits über sechzig und verbrachten wahrscheinlich viel Zeit in ihren eigenen vier Wänden, einer war ein junger Arzt, was zwar gut hätte passen können angesichts fester Dienstzeiten, aber er hätte die erst mühsam recherchieren müssen.

Da der Attentäter von Anfang an möglichst nichts dem Zufall überlassen wollte, fügte sich Andrea Hofwieser ideal in sein ganz persönliches Raster. Was außerdem für sie und ihre Wohnung sprach: Die Reporterin war bekannt in der Stadt, für deren größte Zeitung sie schrieb, dadurch war sie leichter zu überwachen, wo auch immer sie sein würde zu der Zeit, in der es passieren sollte. Einer musste sie natürlich im Auge behalten, wenn es denn soweit war und darum hatte er den Franzosen schon beim Treffen auf Belle Ile um Hilfe gebeten. Mord ist nicht immer ein einsames Geschäft.

Heute also. In ein paar Minuten. Alles ist vorbereitet. Alles hat bisher geklappt. Ein Problem allerdings hat der Mann am Fenster nicht lösen können, denn solche Nachfragen wären unweigerlich aufgefallen: Er weiß nicht, ob Freypen die normalen Scheiben in seinem Büro durch Panzerglas ersetzen ließ. Aber gleich wird er es wissen.

Zur Präsentation des neuen Wickert-Krimis, das sie schon deshalb interessiert, weil es da auch um ihr Spezialgebiet Organisierte Kriminalität geht, ist Andrea Hofwieser nicht nur wie alle Journalisten der Stadt vom Autor und dessen Verlag, sondern von ihrem Chef persönlich eingeladen worden. Jens-Peter Schwarzkoff hatte schon lange den richtigen Anlass gesucht, sich näher mit Andrea zu beschäftigen. Er will sich heute Abend schmücken mit ihr, die anderen Gäste sollten ihn beneiden um die schlanke junge Frau mit den langen roten Haaren und spekulieren, ob sie wohl seine neueste Geliebte sei. Sie ist es nicht, aber er hat fest vor, sie dazu zu machen .

Dass er verheiratet ist, hat ihn bei seinen Abenteuern noch nie gestört, seine Frau Julia nahm schon seit Jahren äußerlich kühl und innerlich verbittert alles hin, solange ihre Rolle als Gattin in der Gesellschaft gewahrt blieb, sie bei offiziellen Anlässen neben ihm auftreten konnte, was aber auch in seinem eigenen Interesse war, und er für ihre Frusteinkäufe in Paris oder New York bezahlte. Sie wollte ihn vor allem dafür bezahlen lassen, dass er ihr Leben zerstört hatte, denn ihr katholischer Glauben verbot eine Scheidung. Aber aber sie wusste immer noch nicht, wie sie das am besten anstellen sollte.

Andrea Hofwieser ahnt, was Schwarzkoff von ihr erwartet, aber mit solchen Situationen hat sie gelernt umzugehen. Er ist nicht der erste, der sie für eine leicht zu erobernde Trophäe hält und sicher auch nicht der letzte, der sich in ihr täuscht. Manchmal machte es ihr sogar Spaß, ihren schlechten Ruf zu bestätigen und sich einen One-Night-Stand zu gönnen wie ein Mann. Sich danach nie mehr zu melden, geschweige denn eine Wiederholung zu erlauben. Diesmal aber amüsiert sie sich schon beim Gedanken daran, dass ausgerechnet einer im Alter von Schwarzkoff, der ihr Vater sein könnte, daran glaubt, in ihr Bett gebeten zu werden. Nur weil er ihr Verleger ist und sie sogar ein wenig in der Hand hat, denn gerade verhandelten sie über den Vorschuss für ihr erstes Buch, das er im Herbstprogramm 2016 herausbringen will.

Trotzdem hat sie seine Einladung angenommen, denn sie fühlt sich stark genug, nicht schwach zu werden. Der Empfang gilt als erstklassiges Hamburger Ereignis an diesem Sonnabend. Entsprechend schon in Vorberichten gewürdigt, was natürlich auch der Mann gelesen hat, der heute ihre Wohnung benutzen will. Als sie so gegen neunzehn Uhr das Redaktionsgebäude verließen, war Andrea Hofwieser klar, dass viele Kollegen mitbekamen, wie Schwarzkoff ihr beim Einsteigen die Tür aufhielt und dass diese demonstrative Zweisamkeit sicher nicht ihre Beliebtheit steigerte.

Aber nicht nur von denen wurde sie beobachtet. Der Fahrer des schwarzen Mercedes, der in der Nähe stand und nur ab und zu ausgestiegen war, um die Parkuhr zu füllen, hatte sie auch gesehen und sofort zum Hörer gegriffen. "Bingo. Los. Sie ist gerade mit einem Mann in einen grünen Jaguar gestiegen. Ich bleib dahinter und melde mich wieder." Das war der Anruf, der den vorgeblichen Sportler in einem Fitnessclub erreicht hatte.

Und morgen lesen Sie: Verleger Schwarzkoff macht sich falsche Hoffnungen. Der Mörder zählt die Minuten.

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