"Und erlöse uns von allen Üblen" #71 : Der Leibwächter greift zur Flasche

Die Spürhunde des Leibwächters packen aus. Der Mörder und sein Freund ersinnen eine List. Ein Fortsetzungsroman, Teil 71.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Ermittler und Freypen-Mörder Zartmann hat eine Nacht mit der Polizeireporterin verbracht. Seine Tarnung ist nicht aufgeflogen. Ihre Beschatter sind entdeckt worden.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 71 vom 25. August.

Während sie das Gepäck aus ihrem Leihwagen ausluden, wurden drei Männer von einigen Herren in Zivil zur Seite gebeten, was im Parkhaus des Flughafens kaum auffiel. Ihre Proteste, dass sie ihr Flugzeug versäumen würden und was man ihnen eigentlich vorwerfe, nahm keiner der Beamten zur Kenntnis. Retin hatte die drei in verschiedenen Zimmern zum Verhör untergebracht, als Zartmann im EUROPOL-Gebäude eintraf. Alain schaute ihn unter seiner randlosen Brille nur kurz prüfend an und grinste dann ein bisschen dreckig: "Der Herr sieht müde, aber gut aus. Wie frisch gevögelt. Kann das sein?" Merkte dann am Gesichtsausdruck seines Freundes, dass er wohl zu weit gegangen war: "Entschuldigung, ich konnte ja nicht ahnen, dass es mehr ist als ..." Lionel winkte nur unwillig ab: "Und? Reden die Herrschaften? Wer hat sie geschickt? Warum haben die mich verfolgt?"

"Vor allem reden die alle deutsch. Die haben offensichtlich nicht dich verfolgt, sondern diese Frau. Ich dachte mir, dass uns beide das trotzdem interessieren könnte, und habe sie deshalb hier behalten. Dass die vor deinem Haus standen, ist reiner Zufall. Wäre die Dame im Hotel geblieben oder hätte sie woanders übernachtet, hätten sie eben dort gewartet. Dir wäre nie etwas aufgefallen. Ach, ich verstehe, jetzt verstehe ich, sie ist, entschuldige, ich meinte, also." Hilflos hob er beide Hände in die Luft, aber das sah Zartmann schon gar nicht mehr. Er ging vor die Tür und gab dem wartenden uniformierten Polizisten den Auftrag, alle drei Festgenommen sofort hierher in sein Büro zu bringen. In Handschellen wohlgemerkt.

Als sie hereingeführt wurden, saß er kerzengerade an seinem Schreibtisch und stellte sich knapp vor: "Ich bin Kriminaldirektor Lionel Zartmann. Aber das muss ich Ihnen wohl nicht sagen. Sie hatten ja genügend Zeit, das herauszubekommen, als Sie heute Nacht meine Wohnung observierten. Meinen Kollegen Alain Retin kennen Sie bereits. Ich habe soeben dem diensthabenden Haftrichter mitgeteilt, dass ich Sie verdächtige, auf mich einen Anschlag vorbereitet zu haben. Ich weiß zwar noch nicht, wer Ihr Auftraggeber ist, aber wir werden es herausbekommen."

Der Älteste von Mulders Bodyguards fasste sich als erster. Bleich waren alle drei, und von ihrer selbstsicherer Überheblichkeit nichts mehr zu bemerken: "Ich möchte einen Anwalt sprechen", verlangte er in einem Restton von Widerstand. "Ihr gutes Recht, selbstverständlich, aber ..." antwortete Zartmann geschäftsmäßig und klappte ostentativ eine Akte zu, die vor ihm lag, allerdings nichts mit den drei Verhafteten zu tun hatte, "aber wir haben ein Wochenende vor uns. Leider werden Sie vor Montag keinen Anwalt erreichen können. Unsere Zellen sind so schlecht nicht, wie ich Sie versichern darf, und die Verpflegung besser als in Deutschland." Er erhob sich halb, zum Zeichen, dass die Unterredung von seiner Seite hiermit beendet war.

"Los, sag ihm, wer uns geschickt hat", schrie da der Jüngste von den drei Männern, "ich habe keine Lust, für diese Scheiße meinen Kopf hinzuhalten und in den Knast zu wandern." Als sich der Angesprochene nicht rührte, wandte er sich selbst Zartmann zu: "Wir gehören zur Abteilung Sicherheit der Partei Nationale Alternative in Deutschland. Deren Vorsitzender ist in der vergangenen Woche in Hamburg erschossen worden, das wissen Sie wahrscheinlich. Unser Chef hatte den Verdacht, nein, hat den Verdacht, dass eine Reporterin irgendwie in die Geschichte verwickelt ist. Deshalb hat er uns beauftragt, sie zu observieren. Und die ist nach Den Haag geflogen, deshalb sind auch wir hier. Mehr haben wir nicht getan. Wir sind keine Gangster. Wir wussten bis jetzt gar nicht, wer Sie sind. Wir haben nicht Sie beobachtet, sondern das Haus, in dem diese Frau sich aufgehalten hat. Wir haben nichts mit der Mafia zu tun. Nichts."

Das letzte Wort stieß er fast flehentlich heraus.

Zartmann glaubte ihm, ließ sich aber nichts anmerken: "Klingt höchst abenteuerlich, aber wir werden es so schnell wie möglich nachprüfen. Bis dahin bleiben Sie unsere Gäste. Wie heißt eigentlich Ihr Chef und wo können wir den erreichen?" Gab dann dem Polizisten ein Zeichen, alle drei wieder abzuführen: "In getrennte Zellen, wir wollen nicht, dass die Herrschaften sich gegenseitig auf die Nerven gehen", fügte er zynisch noch hinzu und wartete dann, bis er mit Alain allein war: "Und?"

"Von dir, von uns, haben sie keine Ahnung, so viel steht fest. Sonst wären sie nicht so verängstigt. Wahrscheinlich stimmt ihre Geschichte. Waffen haben wir keine gefunden, in unserem Computer stehen sie auch nicht verzeichnet. Scheinen sauber zu sein, wenn auch ein bisschen blöde. Du solltest aber trotzdem mal deine Kollegin anrufen in Hamburg, vielleicht weiß die inzwischen mehr." Während Zartmann Susanne Hornsteins Nummer wählte, nahm Retin nachdenklich seine Brille ab und schrieb dann plötzlich etwas auf ein Stück Papier. Den fragenden Blick von Zartmann ignorierte er. "Belegt", bemerkte der ungeduldig, "du siehst so aus , als sei dir gerade etwas eingefallen. Stimmt's?"

Retin riss das Papier vom Block, zerknüllte es und machte viele Schnipsel daraus: "Hör mal zu." Und er entwickelte seinem Freund eine Strategie, die ihm gerade eingefallen war. Lionel nickte immer wieder und am Ende strahlte er fast so wie ein paar Stunden zuvor aus allerdings da ganz anderen, näherliegenden Gründen. Dann wählte er erneut. Und diesmal kam das Rufzeichen an.

"Zartmann noch einmal. Die drei Männer, die wir gerade verhaftet haben, sind aus Hamburg und haben indirekt doch was mit Ihnen zu tun. Die gehören zur Partei Nationale Alternative. Die drei hier sagen, ihr Chef, ein Mann namens Karl Mulder, habe sie beauftragt, diese Reporterin zu observieren, Andrea Hofwieser", und dabei grinste er Retin an, der ihm geräuschlos zuklatschte, "und ihm zu berichten, wen die so trifft. Mich zum Beispiel hat die getroffen und deshalb fielen sie mir auf. Mehr wissen sie angeblich nicht, aber es riecht sehr danach, dass die auf eigene Faust ermitteln und den Mörder ihres Chefs finden wollen. Also, wir werden die wohl auf freien Fuß setzen müssen, wenn dieser Mulder die Geschichte bestätigt. Oder sollen wir sie noch bis Montag festhalten? Gut, wir warten auf ihren Anruf. Keine Ursache, selbstverständlich. Ach, diese Reporterin, diese Frau Hofwieser. Nach meinem Eindruck unverdächtig. Hat normale Fragen gestellt, nichts Auffälliges. Tut mir leid. Hatten Sie denn einen konkreten Verdacht? Aha, ja, wie gesagt, nichts Besonderes. Ist jetzt wieder auf dem Flug nach Hamburg. Gut, ich erwarte Ihren Rückruf. Richtig, hier im Büro."

"Ach, nichts Besonderes? Nichts Auffälliges?", sagte Alain Retin und fuhr sich durchs Haar, "hat nur die normalen Fragen gestellt? Und du hast die normalen Antworten gegeben? Eine ganze Nacht lang Frage Antwort Frage Antwort?"

Erneut ging sein Freund nicht auf die zweideutigen Bemerkungen ein, was Retin wunderte, weil Lionel normalerweise sofort mit seinen, Alains Affären gekontert hätte. Da beide unverheiratet waren und dies auch nicht zu ändern gedachten, hatten sie keine großen Geheimnisse voreinander und mussten sich auch nicht vor irgendwelchen Ehefrauen verstellen. Manchmal allerdings vor Ehemännern. Retin schaltete sofort und gab sich ernst, geschäftlich sozusagen: "Denk dran, ihr die Schwarzkoff-Idee einzupflanzen, wenn sie sich wieder meldet."

 

Susanne Hornstein bat Georg Krucht, bei Mulder anzurufen. Sie sagte betont selbstverständlich "Herr Krucht" zu ihm und er ebenso selbstverständlich "Frau Hornstein", was sie kaum hörbar aufseufzen ließ und ihre Laune verbesserte. Danke, lieber Gott, noch mal Glück gehabt, sagte sie. Wie früher als junges Mädchen. Da allerdings war es nur um Zensuren gegangen in Mathematik und Physik, zwei Fächer, die sie gehasst hat, und nicht um ein nächtliches Missverständnis.

 

Karl Mulder warf wütend eine Schreibtischlampe an die Wand, nachdem er von Krucht erfahren hatte, wer der Mann war, den er für den Mörder gehalten hatte. Musste sich immer wieder auf die Zähne beißen, um nicht laut loszubrüllen, als ihn der Hamburger Polizeibeamte dringend und zum letzten Mal aufforderte, seine Finger von der Sache zu lassen und seine Männer vielleicht lieber damit zu beschäftigen, die neue Parteichefin besser zu bewachen als deren Vorgänger, ihren Mann. Er musste sich sogar noch höflich dafür bedanken, als Krucht großmütig versprach, sich in Den Haag dafür einzusetzen, dass "Ihre drei Musketierchen", wie er sich höhnisch ausdrückte, freigelassen würden. Verfluchte Scheiße, er war so sicher gewesen, so nahe dran an der Prämie von einer Million zu sein. Als einziger Trost blieb ihm, dass er wenigstens vorsichtig genug gewesen war und nicht sofort in seiner Euphorie in der vergangenen Nacht Helga Freypen geweckt hatte. Sonst wäre er jetzt nicht nur blamiert, sondern wahrscheinlich auch schon arbeitslos. Ein Kriminaldirektor von EUROPOL als Mörder Freypens in Hamburg verdächtigt. Die hätten ihn ungespitzt in den Boden gerammt , falls sie vor lauter Lachen überhaupt dazu gekommen wären.

Nach dem ersten Wutanfall holte Mulder eine Whiskyflasche aus dem Wandschrank und schenkte sich ein großes Glas ein. Das schlimmste war für ihn, dass er keinen anderen für das Desaster verantwortlich machen konnte. Nur sich selbst. Und sich konnte er in einem solchen Zustand nur betrunken ertragen.

Und morgen lesen Sie: Der Mörder ruft die Ermittlerin an.

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