"Und erlöse uns von allen Üblen" #73 : Der Butler will sich 100.000 verdienen

Leibwächter Mulder hält Verleger Schwarzkoff für den Mörder. Dessen Butler hat viel zu erzählen. Ein Fortsetzungsroman, Teil 73.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Ermittlungen im Mordfall Freypen konzentrieren sich jetzt auf dessen alten Freund, den Verleger Schwarzkoff. Der wahre Täter ist nicht in Verdacht.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 73 vom 27. August.

Der Butler des Verlegers wohnte über der Garage und deshalb war seine Adresse auch die seines Chefs. Von wegen Butler. Früher hatte Fritz Seifert den Fuhrpark der Abendpost geleitet, aber seit im Zuge der branchenüblicher Einsparungen diese Abteilung einfach aufgelöst worden war, hatte er nichts mehr zu tun gehabt. Vor die Wahl gestellt, im Alter von 49 Jahren arbeitslos zu sein, und dann wahrscheinlich für immer, oder Chauffeur und Mädchen für alles bei Schwarzkoff zu werden, hatte er sich für feste Verhältnisse entschieden.

Dass er seinen Chef hasste, dem er das in jeder Beziehung zu verdanken hatte, war nicht verwunderlich. Nachdem er zum ersten Mal Freypen in einer Talkshow erlebt hatte, war Seifert in die Partei Nationale Alternative eingetreten. Bei der konnte er seine Wut auf die da oben ungehemmt austoben, hier fand er in seinem durch die persönliche Lebensniederlage beschränkten Rahmen ein paar Gleichgesinnte.

Als sein Telefon klingelte, wollte Seifert zunächst nicht abheben. Aber wahrscheinlich war es Schwarzkoff, denn nur der nahm keine Rücksich­ten auf Uhrzeit und Tag, wenn er etwas wollte.

"Ja bitte, Herr Schwarzkoff?"

"Herr Seifert, Fritz Seifert?"

Seifert blickte verblüfft, als er begriff, dass nicht sein Chef in der Leitung war. "Ja", antwortete er dann misstrauisch, denn nach seiner Erfahrung konnte es nichts Gutes bedeuten, um Mitternacht angerufen zu werden. Dann noch einmal "Ja." Fragend: "Und wer sind Sie?"

"Wir kennen uns von einer Parteiveranstaltung", log Mulder, "ich bin Karl Mulder, der Sicherheitschef unserer Partei. Sie haben ja mitbekommen, dass Joachim Freypen erschossen worden ist. Das hat Sie bestimmt auch getroffen." Es hatte Seifert zwar nicht getroffen, aber der andere wartete seine Reaktion erst gar nicht ab. "Ich brauche Ihre Hilfe, streng vertraulich natürlich. Es geht um die gerechte Sache." Mulder stockte einen Moment lang, das klang selbst ihm zu dick aufgetragen und zu verlogen, aber noch kam kein Widerspruch von Seifert: "Am Telefon kann ich nicht mehr sagen, aber so viel kann ich versprechen, falls Sie uns helfen, wird es sich für Sie lohnen. Ich meine, auch finanziell lohnen. Von der Belohnung haben Sie doch bestimmt gehört?"

Seifert hatte auch davon nichts gehört, biss aber sofort an. Seit Jahren kam es zum ersten Mal wieder vor, dass jemand behauptete, auf seine Hilfe angewiesen zu sein. Das kannte er nur von früher, als leitende Herren des Verlages ihm ein paar Scheine zuschoben und sich darauf verließen, dass anschließend sein Gutachten, ob ihnen ein neuer Dienstwagen zustand, positiv ausfiel. Beim Stichwort Belohnung hatte er sofort die Vision in fast greifbarer Nähe vor Augen, die ihn täglich beschäftigte, die zu einer Obsession geworden war. Dass er mit genügend Kapital eines Tages Schwarkoff alles vor die Füße werfen könnte, nicht ohne zuvor noch ein paar Beulen in den Jaguar zu treten und endlich, endlich diesen unwürdigen Job nicht mehr brauchte. Immer wieder hatte er sich die Szene ausgemalt. Wie Schwarzkoff befehlen würde, Seifert, den Wagen, und er antworten würde, fahr doch selbst, dumme Sau. Freiheit , die er meinte, war für ihn eine Freiheit , die nur durch Geld zu erringen war.

"Können wir uns in einer halben Stunde treffen? Am besten da, wo uns keiner sieht. Sagen wir, hier in der Zentrale? Ihre Unkosten werden Ihnen ersetzt. In Ordnung?" Seifert sah aus der kleinen Dachluke seiner Wohnung hinüber zum Haupthaus, alles dunkel, die Herrschaften schienen zu schlafen, getrennt natürlich, das wusste sogar er, sagte zu, legte den Hörer auf und ging in die Garage. Dort nahm er sich den roten Golf, der fürs Personal angeschafft worden war, gebraucht selbstverständlich.

Mulder erwartete ihn bereits an der vergitterten Stahltür des Parkhauses und fuhr schweigend mit ihm per Fahrstuhl nach oben in die Zentrale. Sie musterten sich gegenseitig. Den Mann hatte Seifert noch nie gesehen und sofort erwachte sein Misstrauen wieder. Doch die Gier war stärker.

"Also", begann Mulder in seinem Büro und dann appellierte er an Seiferts Verpflichtung als aufrechter Deutscher, an seine Loyalität als Mitglied der Partei. Als er merkte, dass dies keinen Eindruck machte auf sein Gegenüber, erwähnte er die Summe von 100.000 Euro, die er auszahlen könnte für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung des Mörders führten. Ergreifung, stellte er gleich fest, hieß allerdings, dass er, Karl Mulder, ihn ergreifen könnte, nicht etwa die Polizei. Die 100.000, die er für eindeutige Beweise gegen Schwarzkoff anbot, hatten ihn zwar kurzfristig geschmerzt, aber es würden trotzdem 900.000 für ihn übrig bleiben. Ein immer noch gutes Geschäft angesichts seiner beschissenen Ausgangslage. Seifert war seine letzte Chance und Mulder merkte an dessen Reaktion, dass umgekehrt er Seiferts große Chance war. Deshalb sparte er sich weitere deutsche Predigten und kam direkt und grob, wie es ihm am liebsten war, zur Sache.

"Hören Sie genau zu, Seifert, jede Einzelheit ist wichtig. Gab es am vergangenen Wochenende, also Sonnabend oder Sonntag im Zusammenhang mit Schwarzkoff irgend etwas, das anders war als sonst? In den üblichen Abläufen. In seinem Verhalten. Irgend etwas, das Ihnen aufgefallen ist?"

"Warum wollen Sie das wissen? Ich kann doch nicht mit einem Fremden über meinen Arbeitgeber reden", tat Seifert geradezu empört in einem letzten Versuch, wenigstens den Preis hochzutreiben. Was an Mulder abprallte: "Hören Sie auf mit dem Scheiß. Wenn Sie ein so treuer Diener wären, dann säßen Sie nicht mitten in der Nacht hier. Sie wollen was, Geld nämlich, ich will was, Informationen. Und bevor Sie mir nicht geben, was ich will, gebe ich Ihnen nicht, was Sie wollen. So einfach ist das. Kapiert?"

Seifert zierte sich noch ein wenig, aber dann nickte er und begann zu erzählen. Vom Sonnabend wusste er nichts, Schwarzkoff hatte ihm frei gegeben für diesen Abend und seinen Wagen selbst gefahren. Er konnte sich nur daran erinnern, morgens gegen halb vier Uhr mal aufgewacht zu sein, weil er Motorengeräusch gehört hatte. Nein, nicht in der Garage. Vor der Einfahrt. Ein Taxi wahrscheinlich. Das musste Schwarzkoff gewesen sein. Mehr nicht? Mehr nicht, nein. Weiter, was noch.

"Ja, und dann am Sonntag, das war allerdings merkwürdig. Herr Schwarzkoff gab mir den Ersatzschlüssel des Jaguars, den ich ja auch oft benutze, wenn ich ihn zum Flughafen oder ins Büro fahre. Ja, er gab mir den Schlüssel und fünfzig Euro für ein Taxi und den Auftrag, das Auto zu holen. Das stand am Stadtpark, in der Nähe des Sommerbades. Wie er da hingekommen war und wie von dort ohne Auto wieder weg, hat er nicht gesagt. Ging mich nichts an. Er murmelte irgendwas davon, dass er zu viel getrunken hatte, um noch sicher nach Hause zu fahren. Komisch aber, dass er seine Schlüssel nicht mehr hatte. Es waren ganz eindeutig die Zweitschlüssel, die er mir überreichte." 

"Ist so etwas schon mal passiert?"

"Nein", sagte Seifert und man merkte, dass ihn das Nachdenken doch anstrengte, "nein, noch nie. Er kommt zwar oft erst morgens zum Frühstück nach Hause, weil er irgendwo herumgebumst hat, der alte Bock, aber er fährt dann entweder selbst oder ruft mich direkt in meiner Wohnung an und lässt sich von mir abholen."

"Und warum Stadtpark? Wohnt da in der Nähe eine seiner Freundinnen?"

Seifert zuckte mit den Schultern: "Keine Ahnung, aber selbst wenn, dann hätte er nicht nachts um drei oder um vier da plötzlich die Kurve gekratzt und sich nach Hause bringen lassen. Das ist an sich nicht seine Art." Setzte gehässig hinzu, was Mulder unter normalen Umständen gern ausdiskutiert hätte, was ihm aber jetzt egal war: "Gerade morgens ist er aktiv, Morgenständer nannten wir das früher in der Schule und ..."

Mulder war an Seiferts Jugenderinnerungen nicht interessiert und unterbrach ihn sofort: "Hat er am Sonntag noch jemand getroffen? Hat er sich von Ihnen irgendwo hinfahren lassen?" Wieder dachte Seifert lange nach, aber wieder vergeblich: "Keine Ahnung, Sie müssen nämlich wissen, dass ich danach ab mittags bis Sonntagabend frei hatte und meine Schwester in Lüchow besucht habe."

"Sie haben also den Jaguar am Stadtpark abgeholt und den von da direkt in die Garage gefahren. Ist Ihnen im Auto etwas aufgefallen, roch es nach Alkohol, lag etwas auf den Sitzen, duftete es nach Parfum? Oder am Auto, Kratzer, Abschürfungen, Dellen?"

Seifert schüttelte nur den Kopf, nein, gar nichts: "Glauben Sie denn wirklich, dass er Freypen selbst erschossen hat?", fragte er dann vertraulich, "mir können Sie es ja sagen, ich rede mit niemand darüber." So siehst du gerade aus, dachte Mulder, blieb aber freundlich: "Darüber wiederum kann ich noch nicht reden, wir wissen zu wenig. Jetzt müssen wir erst mal rausbekommen, wo er war in dieser Nacht und wen er eventuell getroffen hat."

Immerhin wusste Mulder jetzt, wo Schwarzkoff nicht gewesen war, zuhause nämlich. Da war er erst gegen halb vier Uhr angekommen, um diese Zeit hatte Seifert Autogeräusche gehört. Zwischen zehn Uhr abends und halb vier Uhr morgens blieben also spannende fast sechs Stunden, rechnete er aus und fuhr sich über die Glatze. Freypen war gegen 21 Uhr erschossen worden, das Foto in der Zeitung, das Hofwieser gemacht hatte, entstand kurz vor Abtransport der Leiche, also ein paar Minuten vor 22 Uhr. Entweder hatte Schwarzkoff danach den Killer getroffen - am Stadtpark? Um den auszubezahlen? - oder er war zu seiner Geliebten in deren Wohnung zurückgekehrt.

Mulder machte sich zwar nichts vor. Vieles klang nicht unbedingt logisch und vieles passte nicht zusammen . Warum hätte zum Beispiel Schwarzkoff sein Auto am Park stehen lassen sollen, wenn er nur auf einen weiteren Sprung zu Andrea Hofwieser fahren wollte? War die denn wirklich seine Geliebte? Wurde sie nur benutzt, damit der Killer ungestört schießen konnte? Hätte Schwarzkoff nicht sogar im Gegenteil jede Begegnung mit ihr vermeiden müssen, falls er gewusst hat, dass aus ihrer Wohnung geschossen wurde? Und am wichtigsten: Welchen Grund sollte Schwarzkoff überhaupt gehabt haben, seinen Schulfreund umlegen zu lassen? Der ehemalige Kommissar hätte in seinem vorigen Leben als Polizist einen solchen Fall mit so schwachen Indizien zu den Akten gelegt, aber der Sicherheitschef der Nationalen Alternative hatte nichts Besseres, wollte unbedingt eine Million verdienen, na gut, fast eine Million, deshalb redete er sich ein, dass er eine neue Spur hatte und deshalb baute er auf die von Seifert vermittelten dünnen neuen Erkenntnisse.

Wie es denn mit der Belohnung sei, wollte Schwarzkoffs seltsamer Butler, der diesen Hundeblick eines vom Leben durch Schuld der anderen Benachteiligten hatte, nun wissen? Abwarten, meinte Mulder, abwarten und drückte dem Mann erst mal 200 Euro in die Hand: "Das ist für Ihre Mühe heute, und falls Ihnen in den nächsten Tagen bei Schwarzkoff und an seinem Verhalten etwas merkwürdig vorkommt, dann rufen Sie mich sofort auf dem Handy an. Nummer gebe ich Ihnen. Dass Sie über dieses Treffen Stillschweigen bewahren müssen, brauche ich Ihnen wohl nicht extra zu sagen , das liegt in Ihrem eigenen Interesse, Kamerad Seifert. Die Belohnung gibt es nur, wenn wir Ihren Chef festnageln können."

Danach hatte er es auf einmal eilig, er brachte den so überraschend entdeckten Parteifreund nach unten, fuhr anschließend nach St. Pauli und gönnte sich für dreihundert Euro aus der Parteikasse einen Quickie mit einer Nigerianerin. Im Bordell kannte er keine Vorurteile, im Gegenteil, da liebte er es exotisch.

Mulders Laune war danach so gut, dass er beschloss, heute einfach mal nichts zu tun. Sozusagen übungshalber im Hinblick auf seine Zukunft nur zu faulenzen. Seine Stimmung wurde noch besser bei der Vorstellung, dass er jetzt schlafen konnte, während seine Männer Wache schoben. Auf dem Weg in seine Wohnung fuhr er am IDUNA-Hochhaus vorbei, das dunkel war, stieg aber nicht aus. Morgen werde ich testen, nahm er sich vor, ob sie mich gesehen haben, die Schlafmützen.

Und morgen lesen Sie: Verleger Schwarzkoff bekommt es mit der Angst.

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