"Und erlöse uns von allen Üblen" #74 : Der Mörder bekommt Post von einem Toten

Die Ermittlerin muss zu einer Beerdigung. Die Polizeireporterin ärgert sich über ihre Vermutungen zum Täter. Ein Fortsetzungsroman, Teil 74.

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Illustration: Anna Krauss
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Verleger Schwarzkoff erkennt, dass die Ermittlungen sich gegen ihn richten. Er sieht sich in Gefahr.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 74 vom 28. August.

Andrea Hofwieser hatte den ganzen Sonntag über ihre Wohnung nicht verlassen. Der Anrufbeantworter blieb zwar ausgeschaltet, aber es rief niemand an. Sie selbst versuchte, Susanne Hornstein zu erreichen, um ihr so beiläufig noch ein paar Fragen über Lionel Zartmann zu stellen, denn die neueste Entwicklung im Fall Freypen interessierte sie nur noch am Rande. Die Reporterin hatte damit nichts mehr zu tun, wie sie glaubte. Aber sie erreichte nur die Mailbox des Handys. Offensichtlich war die Beamtin nicht in der Stadt. Eine richtige Vermutung.

Susanne Hornstein war nach Bonn gefahren, dort wollte sie übernachten, um bei der Beerdigung von Bernhard Lawerenz dabei zu sein. Schuldig wie sie sich fühlte, glaubte sie ihm wenigstens das schuldig zu sein. Die Totenmesse in der Friedhofskapelle sollte im kleinen Kreis stattfinden. Verwandte von Lawerenz gab es keine mehr, und vom BKA und vom Innenministerium wurden nicht viele Trauergäste erwartet. Der Minister hatte einen Kranz mit schwarz-rot­goldener Schleife bestellt, wichtige Termine verhinderten ihn leider, dem treuen Beamten die letzte Ehre zu geben. Er wird sich von einem Staatssekretär vertreten lassen. Dabei wäre er doch der einzige gewesen, der Lawerenzs vorletzte Worte hätte zitieren können.

Als die Reporterin aus dem Fenster auf die Straße schaute, fiel ihr ein BMW auf, den sie gestern schon an dieser Stelle gesehen hatte. Aber sie registrierte das nur nebenbei, schon gar nicht brachte sie das Auto oder die Männer, die in dem saßen, mit dem Fall Freypen in Verbindung. Was daran lag, dass ihre Gedanken noch in anderen Welten schwebten. Zum Beispiel, dass sie sich beinahe lächerlich gemacht hatte in Den Haag. Die mit Zartmann verbrachte Nacht war abgehakt, das war wirklich ein perfektes Dessert nach einem guten Essen, und offensichtlich für ihn nicht weniger oder gar mehr als für sie. Keiner von beiden musste sich vorwerfen, dem anderen etwas vorgemacht zu haben. Sie hatten einander benutzt, mehr nicht. Gleichberechtigung wie Andrea sie liebte. Über ihren Verdacht, ihre blöden Fragen, nur wegen einer grünen Sporttasche und wegen eines Jogginganzuges konnte sie jetzt lachen. Andrea atmete tief durch die Nase ein, als brauche sie dringend frische Luft im Gehirn. Öffnete die Fenster, weil sie das absurde Gefühl hatte, ihre Wohnung habe einen fremden Geruch angenommen. In genau diesem Augenblick fiel ihr ein, wo und bei wem sie schon einmal das Rasierwasser gerochen haben könnte, von dem immer noch ein Hauch an ihrem Körper war.

 

Jens-Peter Schwarzkoff saß in seiner Bibliothek und grübelte. Die Meldung über den Unfalltod des hohen Beamten Bernhard Lawerenz hatte ihn verstört. Konnte zwar alles Zufall sein, erst Joachim, dann Bernhard, aber falls es kein Zufall gewesen war, und das ganze doch irgend etwas, - von wem inszeniert?- mit der alten Geschichte am Bodensee zu tun hatte, falls doch die Vergangenheit der gemeinsame Nenner war, dann würde er der nächste sein. Er war der letzte Überlebende der damaligen Bootsbesatzung. Nur er wusste, wer das Mädchen Susanne solange unter Wasser festgehalten hatte, bis kein Leben mehr in ihr war. Wer noch außer ihm konnte es wissen? Die Angst, die ihn auf einmal überfiel, blockierte ihn, sonst wäre er vielleicht darauf gekommen. Er trank sich mit zwei, drei hastig gekippten Cognacs diese Angst von der Seele.

 

Als Julia Schwarzkoff später in ihr Schlafzimmer ging, hörte sie, wie sich ihr Mann stöhnend und unruhig auf einer Couch in seinem Arbeitszimmer wälzte, als würde ihn etwas Furchtbares bedrücken. Einen Augenblick blieb sie zögernd an der Tür stehen, dann fiel ihr rechtzeitig ein, wie viele Nächste sie schlaflos gelegen hatte und der Anfall von Mitgefühl war schnell wieder vorbei.

Auch Fritz Seifert war noch wach, ihn ließ die Hoffnung auf 100.000 Euro und damit eine zweite Chance in seinem Leben, nicht zur Ruhe kommen. Noch hatte er nicht die geringste Ahnung, wie er sich die Belohnung sichern könnte.

 

In Den Haag las Lionel Zartmann in seinem Arbeitszimmer deutsche Sonntagszeitungen, die er sich vom Bahnhof hatte schicken lassen. Nichts Neues über das Hamburger Attentat, nur die üblichen Spekulationen zu den üblichen Vermutungen ausgewalzt. Die These mit dem angeblichen Mörder aus den eigenen rechtsradikalen Reihen hatte man schon wieder fallen lassen. Susanne Hornstein war beim Verlassen des Polizeipräsidiums fotografiert worden, er betrachtete lange die Großaufnahme von ihrem Gesicht. Sie sah ein bisschen verdrießlich aus, also wird das Foto wohl gestern kurz nach seinem Anruf aufgenommen worden sein.

Damit lag er falsch. Woher sollte Zartmann wissen, dass Susanne Hornsteins Ausdruck nichts mit dem ungelösten Fall Freypen oder seinem mageren Bericht aus Den Haag zu tun hatte, sondern mit ihr und vor allem mit Georg Krucht.

Neben Zartmanns Telefonapparat lag die Nummer von Andrea Hofwieser.

Die Anwandlungen, sie einfach mal anzurufen, ohne einen besonderen Grund, denn die gemeinsam verbrachte Nacht an sich galt auch ihm nicht als besonderer Grund , unterdrückte er und rauchte dabei mehr als sonst. Eine Meldung im Innenteil der Zeitung weckte sein Interesse. Er las und dann riss er sie aus und befestigte sie an seiner Pinnwand:

Drogenkartelle kooperieren mit der Russen-Mafia

Mexikanische Drogendealer haben sich nach Erkenntnissen der New York Times mit russischen Banden verbündet, um den Rauschgiftschmuggel nach Europa über die  zu intensivieren. Wie das Blatt unter Berufung auf Quellen von NSA und der Homeland Security in seiner Samstagausgabe schreibt, versorgt die Russenmafia die Südamerikaner mit Waffen, lässt sich mit Drogen bezahlen, die sie wiederum in Westeuropa an serbische, albanische und italienische Zwischenhändler verkauft. Genannt wurden neben Drohnen und Maschinengewehren sogar Luftabwehrraketen. Die Zeitung beruft sich in ihrem Artikel auf Experten sowohl der der US-Regierung als auch auf russische Regierungskreise. Die kriminellen Organisationen haben außerdem Banken und Wirtschaftsunternehmen in ganz Europa erworben, geführt von angesehenen unverdächtigen Managern, die wo das schmutzige Geld aus Drogen- und Waffenhandel gewaschen werde.

Anschließend warf er die Zeitungen in einen Papierkorb und dabei fiel ihm ein, dass er seit Tagen nicht die Post aus seinem Briefkasten geholt hatte. Der quoll bestimmt schon über. Er stellte sein Weinglas zur Seite, zog sich Slipper über die nackten Füße und ging nach unten. Neben den üblichen Werbebotschaften gab es nur Mitteilungen seiner Lebensversicherung und seiner Krankenkasse. Ein dicker wattierter Umschlag fiel auf. Absender Bundeskriminalamt Wiesbaden. In seiner Wohnung öffnete er den. Eine Tonbandkassette, eingewickelt in Blatt Papier.

Lieber ehemaliger Kollege Zartmann, wenn Sie diesen Brief lesen und die Kassette in den Händen halten, deren Inhalt Sie ja besser kennen als jeder andere, bin ich tot. Ja, ich war es, was Sie wahrscheinlich lange schon vermutet haben, der das Band so manipuliert hat, dass man Freypens Stimme nicht identifizieren konnte. Er hat mich erpresst. Was meine Schuld nicht geringer macht. Aber ich habe eine Kopie vom Original gezogen. Und das schicke ich Ihnen hiermit. Freypen hat mich erpresst. Susanne Hornstein hat herausgefunden, womit er mich erpressen konnte. Wenn Sie diesen Brief lesen, habe ich meine Schuld mit meinem Leben beglichen. Ich bin sicher, Sie haben eine Idee, wie das Band auch nach Freypens Tod noch eingesetzt werden könnte. Ihr Bernhard Lawerenz

Und morgen lesen Sie: Ermittlerin Hornstein hat eine Idee.

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