"Und erlöse uns von allen Üblen" #75 : Die Polizeireporterin ist ungenießbar

Ermittlerin Hornstein fehlen konkrete Spuren im Mordfall Freypen. Die Journalistin ist keine Hilfe. Ein Fortsetzungsroman, Teil 75.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Mord an einem jungen Mädchen vor vierzig Jahren scheint ein Motiv für das Attentat auf den Rechtsnationalen Freypen. Verleger Schwarzkoff lässt das unruhig schlafen.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 75 vom 29. August.

Susanne Hornstein wäre nach der Beerdigung von Lawerenz, die sie in Gedanken an das ermordetet Mädchen Susanne ohne Tränen und deshalb ohne weitere Schuldgefühle überstand, am liebsten in Meckenheim geblieben. Dafür gab es sogar objektive Gründe, denn inzwischen wurden sie und die Sonderkommission der Abteilung Terrorismus in Hamburg nicht mehr gebraucht. Von welchem Ort aus sie die weiteren Ermittlungen führen würden, war egal. Zwar war Joachim Freypen in Hamburg ermordet worden, doch gab es keinen lokalen Bezug zum Attentat. Die wenigen konkreten Spuren, die sie hatten, führten entweder in die Vergangenheit von Schwarzkoff, Lawerenz und Freypen nach Salem oder in den üblichen rechtsradikalen Sumpf, der ja nicht auf die Nationale Alternative allein beschränkt war. Deswegen musste sie auch nicht an die Elbe zurückkehren, das konnte sie eigentlich auch von ihrem Büro aus online erledigen.

Über ihre persönlichen Motive, lieber dort bleiben zu wollen, dachte Susanne Hornstein nicht lange nach, die waren einfach zu benennen in der Person Georg Krucht und dem, was sie aufgrund ihrer nie überwundenen Höhere-Tochter- Erziehung immer noch als Sündenfall bezeichnen würde.

Sie entschloss sich zu einem Kompromiss. Die alte Polizistenregel, dass in neunzig Prozent aller Fälle die Täter in den ersten 48 Stunden ermittelt werden, war ihr noch nie schlüssig erschienen . Ihre Leute beorderte sie deshalb zwar zurück in die Zentrale nach Wiesbaden, sie selbst aber buchte einen Platz im ICE nach Hamburg. Dabei wurde ihr erneut bewusst, dass sie im Amt keine Vertrauensperson mehr hatte, die sie in solchen Fällen um Rat hätte fragen können. Wie zum Beispiel Bernhard Lawerenz.

Sie wollte sich noch einmal mit Andrea Hofwieser unterhalten, deren Nachricht sie abgehört hatte, denn bei der verlogenen Trauerrede des Pfarrers war ihr wieder Andreas offensichtliche Lüge bei der Frage eingefallen, ob bei der Rückkehr nach Hause vor zehn Tagen irgend etwas anders gewesen war als sonst. Dabei hatte sie sich auch daran erinnert, dass sie immer noch nicht Schwarzkoffs Alibi nach 22 Uhr überprüft hatte.

Schwarzkoff hatte behauptet, nach Hause gefahren zu sein, aber das ließ sich einfach feststellen. Sogar Lawerenz könnte sie posthum noch einen Gefallen tun und Schwarzkoff mit ihrem Wissen um die Ereignisse vor vierzig Jahren in Panik versetzen, allein das war die erneute Reise nach Hamburg wert. Sie hatte nicht vergessen, wie arrogant sich der Verleger beim ersten Verhör aufgespielt hatte. Vielleicht solltest du nicht Freypens Mörder suchen, sondern dir einen anderen Job, dachte sie, und merkte dabei, dass ihr der Gedanke gar nicht so abwegig vorkam. Was sie einigermaßen verstörte, denn ihr Job war bislang gleichbedeutend mit der Möglichkeit, hin und wieder die Welt ein bisschen gerechter zu gestalten, was sie angesichts ihrer biographischen Prägungen für eine moralische Pflicht hielt.

Kurz hinter Dortmund schlief sie ein. Der Schaffner zögerte ein wenig, als er an ihren Platz trat. Aber dann beschloss er, die blonde Frau nicht zu wecken, und legte nur vorsichtig das Menü aus dem Speiswagen auf ihren Schoss. Von dieser flüchtigen Berührung ließ sie sich offenbar nicht stören. Der Schaffner aber bemerkte nicht, dass sie automatisch die rechte Hand in ihre Tasche gesteckt hatte, wo ihre Dienstwaffe steckte. Ihre antrainierten Reflexe klappten also doch noch. Nur in der Nacht mit Krucht hatten sie ihre Instinkte verlassen. Bei dem Gedanken war Susanne Hornstein endgültig wach.

Nach ihrer Ankunft vermied sie jede Begegnung mit Georg Krucht unter vier Augen, bis sie sicher war, dass auch er kein Interesse mehr zu haben schien, sie noch einmal ganz privat zu sehen. Das beruhigte sie und gleichzeitig war sie enttäuscht. Aber da sie solche Erfahrungen nicht zum ersten Mal machte, zog sie sich wie immer aus der Enttäuschung zurück auf ihren Job. Da waren die Bedingungen klar und unmissverständlich, ein Mörder musste gefunden werden. Wie gut oder wie schlecht sie im Bett war, sozusagen dort bedingt aufnahmebereit, hatte keinerlei Bedeutung für ihren Beruf. Aus Berlin hörte sie nichts, doch war sie klug genug, dies nicht etwa als nachlassendes Interesse am Fall Freypen zu interpretieren. Man gab ihr Zeit, aber sie ahnte aus Erfahrung, nicht mehr so lange.

 

Mit Andrea Hofwieser traf sie sich noch einmal in deren Wohnung, die Reporterin schien ihr seltsam abwesend zu sein. Mitten im Zimmer stand das Schreibpult, der schwarze Computer war aufgeklappt. Sein dunkler Bildschirm wirkte wie ein feindliches Auge. Auf dem Boden lagen zerknüllte Seiten. "Ich schreibe am liebsten im Stehen. Wie Grass", erklärte Andrea das ungewöhnliche Chaos. Sie wiederholte eher maulig und unkonzentriert ihre ursprüngliche Aussage und konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, bei der Frage gezögert zu haben, ob ihr etwas aufgefallen sei in der Mordnacht, um dann zu erklären, warum sie der Fall eigentlich schon nicht mehr interessierte: "Wissen Sie, ich muss mich jetzt auf das Buch konzentrieren. Ich weiß einfach nicht, wie ich anfangen soll, und bevor ich das nicht weiß, werde ich für alle ungenießbar sein, tut mir leid."

"Hat Ihnen Zartmann denn helfen können?", fragte Susanne Hornstein. Die Antwort auf diese Frage wiederum interessierte sie nicht, es war nur ein müder Versuch, das Gespräch in Gang zu halten. Darum wunderte sie sich, dass Andrea Hofwieser nur ausweichend antwortete: "Nein, gar nicht. Der war genauso zugeknöpft wie Sie." Dabei allerdings wurde sie ein wenig rot, denn eigentlich war eher das Gegenteil richtig. "Egal", fügte sie hastig hinzu, "ich schaffe es auch ohne die Hilfe von Zartmann oder die von Ihnen. Bei Thrillern ist es vor allem wichtig, dass die Dialoge funktionieren, habe ich mir sagen lassen. So etwa wie zwischen uns beiden." Das sollte ein Scherz sein, aber der kam nicht an. "Wie weit sind Sie denn?"

Susanne Hornstein zuckte nur mit den Schultern. Die Geschichte von Schwarzkoff und seinen Freunden und deren gemeinsamer Vergangenheit konnte sie seiner Reporterin nun wirklich nicht erzählen.

Beim Verlassen des Hauses fiel ihr automatisch der BMW auf, weil sie ihn schon vor zwei Stunden gesehen hatte, als sie bei Andrea Hofwieser klingelte. Sie gab im Büro das Kennzeichen in den Behördencomputer und kurz darauf bekam Mulder geballt ihren ganzen Frust ab.

"Hornstein hier, Herr Mulder. Haben Sie noch nicht genug? Reicht Ihnen das Erlebnis von Den Haag nicht? Tun Sie nicht so blöde, ich weiß Bescheid. Wenn Ihre Männer nicht in zehn Minuten verschwunden sind, Sie wissen schon wo, lasse ich die festnehmen wegen Behinderung von Mordermittlungen. Und Sie dürfen die dann begleiten."

Danach legte sie ohne weitere Erklärung auf und fühlte sich zum ersten Mal seit Tagen richtig gut. Rief über die interne Leitung Krucht an und bat ihn zu sich. "Was wissen Sie über Julia Schwarzkoff?", fragte sie ohne lange Vorrede, "ich habe da nämlich eine Idee." Er hörte ihr schweigend zu und nickte dann langsam. "Ist zumindest einen Versuch wert, ich werde Sie begleiten." Als sie ihn stirnrunzelnd anschaute, fügte er erklärend hinzu: "Weil ich mich in der Stadt besser auskenne als Sie."

Und morgen lesen Sie: Die Ermittlerin trifft sich mit der Frau des Verlegers.

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