"Und erlöse uns von allen Üblen" #77 : Die Frau des Verlegers liebt klare Worte

Ermittlerin Hornstein erfährt mehr über die Mordnacht. Der Verleger hat sich verändert. Ein Fortsetzungsroman, Teil 77.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Eine Spur im Mordfall Freypen führt zum Verleger Schwarzkoff. Ermittlerin Hornstein trifft sich mit mit Frau Schwarzkoff.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 77 vom 31. August.

"Wie kann ich Ihnen helfen?", fragt die Golfspielerin, nachdem sie ihren rechten Lederhandschuh ausgezogen und beim Kellner zwei Kännchen Kaffee bestellt hat. Sie schaut die Kriminalbeamtin neugierig an. Susanne Hornstein entschließ sich spontan zu einer Taktik, die Bernhard Lawerenz immer die Diretissima genannt und sie ermahnt hatte, diesen direkten Weg zum Gipfel nur dann zu wählen, wenn es keine Alternative und nichts mehr zu verlieren gab. Sie hat nichts mehr zu verlieren.

"Wann ist Ihr Mann in der Nacht von Freypens Tod nach Hause gekommen?" Julia Schwarzkoff lehnt sich zurück und schließt für einen Moment die Augen, als würde sie sich auf die Antwort konzentrieren. In Wirklichkeit will sie ihre plötzliche Freude verbergen. Die Hoffnung, dass es so weit ist. Die Stunde der Abrechnung. Mein ist die Rache, spricht der Herr. Heißt es nicht so? Lieber Gott, betet sie, du hast mich lange genug geprüft, und ich habe alle Prüfungen und Demütigungen ertragen, wird nun endlich alles ausgeglichen? Muss er büßen für alles, was er mir angetan hat?

Sie weiß, dass mehr hinter der Frage der Beamtin stecken muss als nur die simple Überprüfung eines Alibis. Als sie sich vorbeugt, hat sie ihre Gedanken wieder unter Kontrolle: "Das war so gegen halb vier Uhr morgens. Warum fragen Sie?"

"Ist das eine normale Zeit für ihn? Kommt das öfter vor? Oder eher selten?", fährt Susanne Hornstein fort, ohne die Gegenfrage zu beachten.

"Mein Mann kommt und geht, wann er will", antwortet Julia Schwarzkoff ungerührt, als sei das völlig normal, "ich will Ihnen keine Märchen erzählen, die Sie mir wahrscheinlich eh nicht abnehmen würden. Wir führen, wie man so sagt, eine offene Ehe. Das bedeutet, mein Mann ist offen für andere Frauen oder die für ihn, je nachdem, aus wessen Sicht man das betrachtet, und ich habe das akzeptiert." Selbst Susanne Hornstein, die eine klare Sprache zu schätzen weiß, ist ein bisschen konsterniert nach dieser deutlichen Erklärung.

Dann erzählt Frau Schwarzkoff präzise und ohne weitere boshafte Spitzen, in welchem Zustand ihr Mann in dieser Nacht gewesen ist. Dass er erst durch sie erfahren habe vom Mord an Joachim Freypen, aber sie trotzdem den Eindruck hatte, dass irgendetwas nicht stimmte mit ihm. Es war nicht die übliche Heimkehr nach dem üblichen Seitensprung mit den üblichen Erklärungen, das konnte sie sehr wohl unterscheiden: "Er wirkte auf mich so, als ob etwas Schlimmes mit ihm geschehen war, was ihn zutiefst verstört hat. Er hatte zum Beispiel Kopfschmerzen, und nicht nur vom Alkohol. Ich weiß schließlich am besten, wie er ist, wenn er getrunken hat. Nein, er wirkte ganz anders als sonst."

"Können Sie das präzisieren, dieses anders sein? Lassen Sie sich ruhig Zeit."

"Wie soll ich das definieren?", überlegt Julia Schwarzkoff, "niedergeschlagen? Aus der Bahn geworfen? Geschockt? Als Kinder hätten wir früher gesagt, er hat im Wald den bösen Wolf getroffen."

Susanne Hornstein scheint trotzdem zu begreifen, was sie damit sagen will. Denn es passt zu ihrer Vermutung , dass Jens-Peter Schwarzkoff von der Nacht des Attentats noch lange nicht alles erzählt hatte. War der böse Wolf, den er getroffen haben könnte, vielleicht nur ein böser Mann, der Mörder?

"Entschuldigen Sie, wenn ich das so ungeschminkt frage, aber hat Ihr Mann eine bestimmte Freundin?"

"Keine Ahnung, aber Sie müssen sich dafür nicht entschuldigen. Das trifft mich nicht mehr, schon lange nicht mehr. Ich habe mir die Namen seiner Freundinnen nie gemerkt, wozu auch. Sie haben mir übrigens nicht geantwortet, Frau Hornstein, warum Sie das alles wissen wollen. Glauben Sie etwa, mein Mann hat etwas mit dem Attentat zu tun?"

Die Beamtin registriert verblüfft, dass Julia Schwarzkoff diese Möglichkeit nicht etwa für lächerlich hält oder gar empört ist über eine solche Unterstellung. Ihre Frage hat einen hoffnungsvollen Unterton. Diese Ehe musste ein wahrer Horrorfilm sein, denkt Susanne Hornstein. Hat vielleicht doch etwas Gutes, alleine zu leben so wie sie. Aber bevor sie in ihr eigenes Leben abschweift, konzentriert sie sich lieber auf das der anderen. Wie üblich: "Genauso offen gesagt, ich weiß es nicht. Wir wissen, mit wem er unterwegs war an diesem Abend, denn das haben wir inzwischen überprüft. Ihr Mann hat Frau ... äh, diese Frau so etwa gegen 21.15 Uhr zuhause abgesetzt, aber nach unseren Erkenntnissen war Freypen kurz nach 21 Uhr bereits tot."

"Freypen hat mich genau um 21 Uhr angerufen, aber das habe ich bereits einem Ihrer Kollegen ge­sagt . Also wollen Sie herausbekommen, wo mein Mann war, bevor er nach Hause gekommen ist? Das weiß ich natürlich nicht. Vielleicht sollten Sie mal die einschlägigen Bordelle abklappern, ich meine, die besseren. Trotzdem verstehe ich Sie nicht ganz. Wenn dieses Nazischwein - Entschuldigung, aber ich hielt ihn dafür - Joachim Freypen starb, als mein Mann ganz woanders war, dann kann er doch nichts damit zu tun haben. Dann hat Jens-Peter doch ein Alibi."

Das wiederum hört sich eindeutig enttäuscht an. "Es sei denn ..."

" ...es sei denn", beendet Susanne Hornstein den begonnenen Satz und redet ebenfalls ungeschützt, weil sie merkt, dass Julia Schwarzkoff das durchaus vertragen kann, "es sei denn, er hat jemand beauftragt, Freypen zu erschießen. Halten Sie das für möglich?"

"Für möglich halte ich das, ja. Ich traue ihm alles zu. Aber eher für unwahrscheinlich. Welches Motiv sollte er gehabt haben? Freypen war ein rechtsradikaler Kotzbrocken, aber deshalb hätte ihn mein Mann bestimmt nicht umbringen lassen. Mein Mann ist, wie soll ich sagen, ein unpolitischer Mensch. Ja, so könnte man das nennen, ein unpolitischer Mensch. Deshalb wahrscheinlich als Verleger so erfolgreich, weil er sich nicht für irgendwelche Ideen engagiert und nie festgelegt hat."

Abermals staunt die Kriminalistin, denn das klingt nun auf einmal so, als ob Julia Schwarzkoff ihren Mann dafür bewundert. "Joachim war einer seiner besten und ältesten Freunde , sie trafen sich regelmäßig. Die passen wunderbar zusammen. Die gingen zwar gemeinsam auf die Jagd, nicht nur im Wald, aber die schossen nicht aufeinander. Ich fürchte, Sie liegen leider falsch mit Ihrer Vermutung."

Susanne Hornstein kennt ein mögliches und durchaus handfestes Motiv für den Mord, sie weiß ja, was damals am Bodensee passiert ist. Erpressung war schon für so viele Morde das Motiv. Es ist offensichtlich, dass Schwarzkoffs Frau nie von dieser Geschichte gehört hat. Falls Susanne Hornstein aber mit ihrem Verdacht recht hat, wird sie es früh genug erfahren, also muss sie es ihr nicht jetzt erzählen. Sie erhebt sich und streckt Julia Schwarzkoff ihre Hand entgegen: "Vielen Dank, das war's, ich will Sie nicht länger von Ihrem Spiel abhalten. Vielen Dank vor allem für Ihre Offenheit. Sie haben mir sehr geholfen." Dabei fällt ihr noch eine Frage ein: "Wissen Sie, wie ihr Mann nach Hause gekommen ist? Mit seinem Auto?"

"Nein, er muss mit einem Taxi gekommen sein. Sein Jaguar stand am anderen Vormittag , das war der Sonntag, jedenfalls nicht in der Garage, als ich wegfuhr."

Und morgen lesen Sie: Der Verleger empfängt die Ermittlerin.

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