"Und erlöse uns von allen Üblen" #79 : Die Ermittlerin wagt den Befreiungsschlag

Polizistin Hornstein setzt Verleger Schwarzkoff unter Druck. Dessen Butler hofft auf eine fette Belohnung. Ein Fortsetzungsroman, Teil 79.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Polizeiermittlerin Hornstein offenbart dem Verleger Schwarzkoff, dass sie das Geheimnis um das ertrunkene Mädchen kennt. Der Butler des Verlegers hat das Gespräch belauscht.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 79 vom 2. September.

Schwarzkoff sinkt bei der Erwähnung Salem in seinem Stuhl zusammen, als habe einer die Luft aus ihm herausgelassen. Er schweigt und schlägt die Hände vors Gesicht. So wie er da hockt, wirkt er wie ein gebrochener alter Mann, doch er spielt das nur, er will nur Eindruck machen. Was ihm bei Susanne Hornstein nicht gelingt, die hat genauso wenig Mitleid mit Schwarzkoff wie sie vor ein paar Tagen Mitleid mit Lawerenz hatte. Eher weniger, denn Bernhard Lawerenz ist tot, der hat für seine Schuld auf seine Art gebüßt. Der hier hofft noch, irgendwie davonzukommen. Wieder mal, und da alle anderen tot sind, diesmal endgültig.

Sie lässt sich nicht täuschen: "Das Mädchen Susanne. Siebzehn Jahre alt. Schwanger im dritten Monat. Deren Tod im Bodensee nie geklärt wurde. Weil drei Freunde sich in ihrer Aussage abgesprochen haben. Sie und Lawerenz und Freypen. Lawerenz ist tot, Freypen ist tot, nur Sie leben noch. Außer Ihnen kennt keiner mehr die Wahrheit. Meinen Sie nicht, Sie hätten mir doch noch was zu erzählen?"  

Scheinbar mühsam richtet sich der Verleger wieder auf und gibt seiner Stimme einen empörten Unterton, allerdings mehr aus Gewohn­heit: "Wollen Sie damit andeuten, dass ich mit dem Tod dieses Mädchens etwas zu tun hatte?"

"Etwas zu tun hatte, Herr Schwarzkoff? Etwas zu tun hatte? Ich bin sogar überzeugt davon, dass Sie Susanne ermordet haben, aber das werde ich wohl nicht mehr beweisen können nach so langer Zeit. Bevor Sie sich zu früh freuen: Nehmen wir einmal an, ich hätte trotzdem recht mit dieser Vermutung. Nehmen wir weiter an, dass Freypen auch vermutete, dass Sie ein Mörder sind. Nehmen wir einmal an, dass er Sie erpresst hat mit der Drohung eines öffentlichen Skandals, so wie er zum Beispiel Lawerenz erpresst hat. Tun Sie nicht so, als ob Sie das nicht wissen. Lawerenz hat mir vor seinem Tod gestanden, dass er Ihnen alles erzählt, Sie sogar um Hilfe gebeten hat. Also, angenommen Joachim Freypen erpresst Sie, seinen alten Freund. Was wollte er denn von Ihnen als Gegenleistung für sein Schweigen? Informationen? Wohl kaum, was hätten Sie ihm denn bieten können. Unterstützung? Da kommen wir der Sache schon näher. Er brauchte mit seiner Partei öffentliches Wohlwollen, er musste raus aus der Nazi-Ecke, er brauchte ein Forum für sich und seine Ideen. Eine Zeitung zum Beispiel. Einen Sender. Alles, was sein guter Freund Schwarzkoff besaß. Und ..."

Jens-Peter Schwarzkoff ist aufgestanden und hat sich mit jetzt doch zitternden Händen einen Whisky eingeschenkt, den er auf einen Zug herunterstürzt: "Sie spinnen ja. Als nächstes werden Sie noch behaupten, ich hätte ihn deswegen umgelegt."

"Nein, das werde ich nicht behaupten, Herr Schwarzkoff. Sie haben für die Tatzeit eindeutig ein Alibi. Sie ganz persönlich. Aber der Mörder, den wir suchen, der könnte zum Beispiel von Ihnen beauftragt worden sein, das Problem Freypen zu lösen, ihn für Sie zu erledigen, denn Sie konnten sich einen Rechtsschwenk in Ihrer Zeitung schon aus geschäftlichen Gründen nicht leisten. Ein Mord also, egal wie teuer, war billiger. Nach der Tat haben Sie sich mit dem Killer am Stadtpark getroffen und ihn ausbezahlt "

Dabei merkt sie natürlich, dass sich ihr Schlusssatz verdammt unlogisch anhört, verzieht aber keine Miene und wartet seine Reaktion ab.

Fritz Seifert hält es kaum noch aus auf seinem Horchposten. Am liebsten würde er sofort Karl Mulder anrufen. Die 100.000 Euro Belohnung schwirren in seinem Kopf herum wie bunte Schmetterlinge. Er hat das Netz in der Hand, um sie einzufangen.

Jens-Peter Schwarzkoff wirkt plötzlich wieder ganz ruhig, ganz überlegen. Was auch Susanne Hornstein bemerkt. "Ach, die kluge Frau Polizistin", sagt er höhnisch, "haben Sie denn irgendeinen Beweis für den Blödsinn, den Sie gerade verzapft haben? Ich fahre also ausgerech­net mit meinem eigenen Wagen nachts in einen öffentlichen Park, treffe dort einen Mörder, übergebe dem ein Paket mit Geld - klar, Scheck konnte ich ihm ja nicht geben, und diese Mordstypen nehmen gemeinerweise keine Kreditkarten, haha, - dann werfe ich meine Autoschlüssel weg, weil ich den besonders klugen Einfall habe, nicht etwa unauffällig mit meinem Auto zu verschwinden, nein, ich lasse mich mit einem Taxi nach Hause bringen. Wie würde sich eine solche Geschichte unter normalen Umständen für Sie anhören?"

Ziemlich unwahrscheinlich, denkt Seifert draußen, aber da ihn keiner fragt, ist das unerheblich. Susanne Hornstein denkt das auch, aber sie will diesen Zweikampf gewinnen und wer gewinnen will, muss etwas riskieren. Auch so ein Lehrsatz von Lawerenz.

Sie wagt einen Befreiungsschlag: "So kann man es sehen, klar. Ich sehe es anders, so zum Beispiel, Herr Schwarzkoff. Sie bringen Andrea Hofwieser nach Hause, damit haben Sie ein Alibi. Sie wissen, dass der von Ihnen engagierte Mörder nicht mehr in der Wohnung ist. Hat er Sie nach dem Mord gleich angerufen? Dass er überhaupt die Wohnung benutzen konnte, haben Sie geschickt vorbereitet. Für diesen Abend Andrea Hofwieser eingeladen und ihm damit freie Schussbahn aus deren Appartement ver­schafft. Waren Sie eigentlich vorher schon mal mit ihr unterwegs? Sie müssen nicht antworten, das kriegen wir auch ohne Sie heraus. Wir brauchen nur Frau Hofwieser zu fragen. Also, Sie wissen, dass von Freund Freypen, dem Erpresser, keine Gefahr mehr droht. Der schweigt für immer. Und damit müssen Sie auch keine Angst mehr haben wegen dieser anderen Geschichte am Bodensee. Jetzt nur noch den Killer bezahlen und dann ist dieser Albtraum endlich vorbei. Sie treffen sich nicht in der Nähe des Tatorts, das wäre zu riskant. Sie haben sich verabredet am Stadtpark. Sagen wir mal: Um Mitternacht, man konnte nicht voraussehen, wann der zum Schuss kommen würde. Wo waren Sie bis dahin? Im Bordell? Nein? Mitternacht also. Alles dunkel, still. Sie fahren vor. Der Mann wartet. Es kommt zu einem Streit, um die Summe vielleicht? Wollte er plötzlich mehr? Oder wollten Sie weniger bezahlen? Er schlägt Sie nieder, was Ihre Kopf­chmerzen erklären würde, wirft Ihre Schlüssel weg, damit Sie ihm nicht folgen können, nimmt Ihnen das Geld ab. Oder er zwingt Sie, ihm zu helfen, die Waffe verschwinden zu lassen. Ist nicht nur ein kleiner Revolver, ist immerhin ein großes Gewehr. Wie gefällt Ihnen denn diese Variante, Herr Schwarzkoff?"

Gar nicht, hat sie den Eindruck, gar nicht. Deshalb hat er nicht reagiert, als sie von seinen Kopfschmerzen sprach. Von wem außer von seiner Frau hätte sie das wissen wollen? Oder die Andeutung mit dem Bordell, auch knapp an der Grenze des Erlaubten. Ich muss aufpassen, nimmt sie sich vor, und zwar sehr gut aufpassen. Der hatte sicher gute Anwälte.

Schwarzkoff murmelt etwas von Irrsinn und verrückt, aber eher fassungslos als empört. Deshalb legt sie nach und wagt sich noch einmal auf ungesichertes Gelände: "Weil Ihnen Ihre Polizeireporterin mal von gewissen Typen auf St. Pauli erzählt hat, und weil die eins und eins zusammenzählen kann, und dabei darauf gekommen ist, dass es kein Zufall ist, wenn aus heiterem Him­mel ausgerechnet aus ihrer Wohnung und ausgerechnet an dem Abend, an dem sie mit Ihnen verabredet ist, ein Mord begangen wird, hat die ebenfalls ihre Chance genutzt. Sie auf ihre Art zur Kasse gebeten, was allerdings strafrechtlich nicht relevant ist. Zum Beispiel für ihr erstes Buch hunderttausend Vorschuss bekommen statt der von Ihnen angebotenen fünfzigtausend. So schließt sich der Kreis, Herr Schwarzkoff. Ich fürchte ..."

"Sie fürchten was?", unterbricht Schwarzkoff und starrt sie an. Woher weiß die das mit dem Vorschuss? Er kommt nicht auf den Gedanken, dass sein Gespräch mit der Reporterin abgehört worden ist. Für ihn steht in diesem Moment nur fest, dass Andrea Hofwieser ihm das eingebrockt hat , dass die sich auf ihre Art gerächt hat , dass sie der Beamtin diesen ganzen Schwachsinn eingeredet hat. Weil sie sicher war, dass er sich aufgrund der versuchten Vergewaltigung nicht wehren kann, ohne sich selbst zu belasten. Blinder Hass auf Andrea vernebelt ihm den Verstand, denn sonst hätte er erkannt, dass Susanne Hornstein zwar ganz nette Theorien, aber keinen einzigen handfesten Beweis hat. Er hört kaum hin, wie die gerade noch einmal nachlegt: "Ich fürchte, ich muss Sie bitten, sich von Ihrem Butler einen kleinen Koffer packen zu lassen und uns zu begleiten."

Beim Stichwort Butler löst sich draußen Fritz Seifert von der Wand und geht lautlos zurück ins Haus. Er will nicht etwa packen, sondern keine Zeit verlieren, möglichst schnell Mulder erreichen und ihm alles erzählen, seine Belohnung verdienen. Nicht am Telefon, man weiß ja nicht, wer mithört. Natürlich niemand, aber Seifert hat zu viele schlechte Krimis gesehen. Er vergisst in seiner Aufregung, dass er das Geld nur dann bekommt, wenn Mulder vor der Polizei erfährt, wer der Mörder ihres Vorsitzenden gewesen ist und sich den schnappen kann, bevor er verhaftet wird. Er geht in Richtung seiner Wohnung und deshalb bekommt Fritz Seifert nicht mit, welche Wendung das Gespräch nimmt. Wahrscheinlich hätte er seinem Arbeitgeber das Leben retten können, wenn er auf seinem Horchposten geblieben wäre.

Und morgen lesen Sie: Verleger Schwarzkoff wird von der Polizei vernommen

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