"Und erlöse uns von allen Üblen" #81 : Die Reporterin plant ein böses Spiel

Die Ermittlerin konfrontiert die Journalistin mit der Aussage des Verlegers. Die Reaktion ist überraschend. Ein Fortsetzungsroman, Teil 81.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Verleger Schwarzkoff hat die Wahrheit über die Tatnacht und die versuchte Vergewaltigung gestanden. Die Polizei fragt sich, was die Reporterin über den Mörder weiß.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 81 vom 4. September.

An den Landungsbrücken muss die BKA-Beamtin an der Ampel warten. Neben ihr hält ein roter Golf. Das Gesicht des Fahrers kommt ihr zwar bekannt vor, aber bevor sie ihn noch einmal genauer anschauen kann, springt das Signal auf Grün und sie muss Gas geben, um dem Hupen der Autos hinter ihr zu entkommen.

Wieder wartet Mulder auf seinen ganz besonderen Parteigenossen, der umständlich rangierend seinen Wagen abstellt, unten am Parkhaus. Diesmal hat er es noch eiliger, mit ihm nach oben zu fahren, denn am Telefon hat ihm Seifert nur gesagt, er habe was ganz Entscheidendes für ihn. In seinem Büro drückt er ihn förmlich auf einen Stuhl und schaut ihn geradezu gierig an: "Also los, Mann, reden Sie." Fritz Seifert berichtet von dem Verhör, das er belauscht hat, und ist dabei ähnlich umständlich wie kurz zuvor beim Einparken. Mulder würde ihn am liebsten schütteln, nur mühsam hält er sich zurück. Der andere schildert im Detail die Theorie der Polizistin, dass Freypen von einem bezahlten Mörder erschossen worden ist. Von einem Mörder, den Schwarzkoff beauftragt hat. Erzählt, wie sie Schwarzkoff damit konfrontiert hat. Nein, er hat sein Gesicht dabei nicht sehen können. Er hat sie nur gehört.

Blickt dabei immer wieder auf einen Zettel, auf dem er sich einzelne Stichworte gemacht hat. Wohnung Andrea Hofwieser. Die ist vielleicht die Geliebte des Verlegers. Kontakt Unterwelt. Motiv ein unaufgeklärter Todesfall eines jungen Mädchens vor vierzig Jahren. Die hatte Schwarzkoff offenbar ertränkt. Damit wiederum hat ihn Freypen erpresst, denn der war damals dabei, und deshalb hat Schwarzkoff ihn umbringen lassen.

Was Seifert berichtet, ist der Durchbruch, die Lösung, die Sensation. Und er, Mulder, hat als erster den Verdacht gegen Schwarzkoff gehabt, zwar kein Motiv erkennen können, aber das gab es jetzt ja auch quasi auf dem Tablett mitgeliefert. Am liebsten hätte er Seifert umarmt, doch das vergeht ihm gleich wieder. Denn als der umgeschulte Butler mit dem Satz von Susanne Hornstein schließt, den er gerade noch mitbekommen hatte, dass er die Koffer mit den nötigen Sachen packen solle, weil sie den Verleger als Mordverdächtigen mitnehmen wollte, ist es schlagartig vorbei mit Karl Mulders Euphorie: "Sie Idiot, und warum sind Sie nicht da geblieben und haben mich telefonisch informiert?" Der ist beleidigt, weil er diesen plötzlichen Ausbruch nicht begreift. Er hat doch alles richtig gemacht. Er hat ihnen doch seinen Chef ans Messer geliefert. Wie versprochen. "Ich will jetzt mein Geld", sagt er schließlich und steht auf, "ich will meine Belohnung."

"Die können Sie sich in die Haare schmieren, Mann. Haben Sie denn noch immer nicht begriffen? Das Geld gibt es dann, wenn wir, wir sage ich, den Mörder unseres Vorsitzenden vor der Polizei in die Hände bekommen. Verstehen Sie: vor der Polizei!" Mulder weiß, was er dann mit Schwarzkoff machen wird. Langsam totschlagen, mit jedem Schlag sich selbst befreien von seinem Versagen, nicht an das Panzerglas gedacht zu haben. Ja, sagt er sich, totschlagen werde ich ihn und dann erst Helga Freypen anrufen. Dann zwingt er sich zu ruhigem Nachdenken, während Seifert wie ein Häufchen Elend auf seinen Stuhl zurückgesunken ist. Eine winzige Chance gibt es noch. Könnte doch sein, dass die Beamtin den Verleger nur erschrecken wollte. Dass sie nur geblufft hatte. So einfach war es ja nun nicht, wie er aus seinem früheren Leben wusste, nur aufgrund eines Verdachtes einen bisher unbescholtenen Bürger zu verhaften. Einen mit festem Wohnsitz und einem mit solchen Beziehungen wie Schwarzkoff.

Er reißt Seifert hoch: "Hören Sie zu. Sie fahren jetzt zurück ins Haus. Ich hoffe für Sie, dass Schwarzkoff noch da ist. Und Sie sollten das auch hoffen, denn Sie wollen doch Ihre Hunderttausend verdienen oder? Und wenn Sie angekommen sind und er noch da sein sollte, dann rufen Sie mich an. Hören Sie? Einfach anrufen, mehr nicht. Dann holen wir ihn uns. Und dann, erst dann, Seifert, sind Sie ein reicher Mann."

 

Susanne Hornstein hatte sich nicht lange überlegt, mit welcher Taktik sie Andrea Hofwieser überfallen sollte. Es schien ihr nach Schwarzkoffs Geständnis eine eher leichte Übung. Zwar fühlte sie sich getäuscht von ihr, weil sie den Zwischenfall verschwiegen hatte, andererseits wusste sie aus ihrer beruflichen Erfahrung, wie schwer es Frauen fiel, über eine Vergewaltigung zu reden. Interessiert war sie mehr an einer Beschreibung des Mannes, der Schwarzkoff niedergeschlagen hatte, denn das konnte nur einer gewesen sein, der Mörder. So ganz nebenbei war auch der leise Verdacht ausgeräumt, den Andrea Hofwieser allerdings durch ihr Zögern selbst ausgelöst hatte. Der Verdacht, dass sie in indirekter Weise am Mord beteiligt war, also eventuell dem Verleger die nötigen Kontakte in der Unterwelt geknüpft hatte. Der wiederum hatte zwar eine versuchte Vergewaltigung zugeben müssen, sich dadurch aber von jedem Verdacht befreien können, mit dem Mord an Joachim Freypen etwas zu tun zu haben. Blieb der alte Mord am Bodensee, den Susanne Hornstein zufällig entdeckt hatte. Aber vierzig Jahre nach der Tat , das wusste auch Schwarzkoff, würde sie nichts mehr beweisen könne. Zumal die beiden einzigen Zeugen tot waren.

Sie klingelte unten an der Haustür, und als sich die Stimme der Reporterin in der Gegensprechanlage meldete, sagte sie nur kurz: "Ich bin's, Hornstein", ohne sich für den überraschenden Besuch zu entschuldigen. Oben in der Wohnung sah es aus wie bei ihrem letzten Treffen. Chaotisch. Andrea Hofwieser empfing sie wie eine lang vermisste Freundin, bot ihr Kaffee an und stellte diesmal sogar lächelnd einen Aschenbecher neben die Tasse. Die Beamtin hätte eine ganz andere Reaktion erwartet, eher Ärger über die Störung, aber sie konnte nicht wissen, dass die Journalistin jeden anderen auch so begrüsst hätte. In diesem frühen Stadium des Schreibens wurde selbst die kleinste Unterbrechung als willkommenen Anlass benutzt, nicht weiterschreiben zu müssen. Wie schon beim Gespräch mit Schwarzkoff wählte Susanne Hornstein den direkten Weg: "Warum haben Sie mir nicht erzählt, was in der Tiefgarage passiert ist, Frau Hofwieser?"

"Was soll da passiert sein?", fragte die kühl zurück, und es gelang ihr, sich nichts von dem plötzlichen Schock anmerken zu lassen. Lionel Zartmann? Hatte der seiner Kollegin etwas von ihrem seltsamen nächtlichen Geplänkel über die Tiefgarage berichtet ? Hatte der vielleicht nur mit ihr geschlafen, um sie auszuhorchen? War die Hornstein deshalb auf die Idee gekommen, sie danach zu befragen? Genaues wissen konnte die aber nicht, denn sie hatte Lionel, nur das Stichwort Tiefgarage als Köder hingeworfen, und weiter nichts gesagt, als der nicht anbiss.

"Was soll da passiert sein, was soll da passiert sein, halten Sie mich doch bitte nicht für blöde", fauchte Susanne Hornstein wütend, denn mit einer solchen Antwort hatte sie nun wirklich nicht gerechnet, war eher auf peinliches Gestammel und die üblichen Ausflüchte vorbereitet: "Schwarzkoff hat mir vor einer Stunde gestanden, dass er Sie vergewaltigen wollte da unten. So etwas vergisst man doch nicht."

"Vergewaltigen? Mich? Ausgerechnet Schwarzkoff? Wäre ihm zwar zuzutrauen, Frau Hornstein, aber eigentlich müsste ich es doch wissen, wenn es denn so gewesen wäre. Man wird ja nicht alle Tage vergewaltigt. Meinen Sie nicht?" Sie blieb unbewegt und wirkte dabei geradezu arrogant sicher von oben herab. Denn in dem Moment, als ihr klar wurde, dass sie Lionel Unrecht getan hatte, dass der nicht hinter der Frage steckte, sondern Schwarzkoff aus welchem Grund auch immer geredet hatte, war sie zu einer ganz anderen Variante entschlossen. Zu einem bösen Spiel, aber das Schwein hatte es nicht besser verdient. Sie würde alles abstreiten, schlichtweg leugnen, dass jemals eine Attacke stattgefunden hat. Ihre Art von Rache, eine ganz besondere.

Und morgen lesen Sie: Die Aussage der Reporterin bringt den Verleger Schwarzkoff in Schwierigkeiten.

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