"Und erlöse uns von allen Üblen" #82 : Die Polizeireporterin lügt

Die Journalistin Andrea Hofwieser bringt ihren Chef in Bedrängnis. Die Ermittlerin will einen Haftbefehl. Ein Fortsetzungsroman, Teil 82.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Reporterin bestreitet, dass ihr Verleger sie am Mordabend vergewaltigen wollte. Sie plant eine perfide Rache.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 82 vom 5. September.

Hat was Perverses, dachte Andrea Hofwieser, sonst waren es immer Männer, die sich angeblich nicht erinnern konnten, wenn ihnen eine Vergewaltigung zur Last gelegt wurde. Sonst waren es immer die Frauen, die beweisen mussten, dass es wirklich geschehen war und nicht nur in ihrer von Männern stets als verworren bezeichneten Phantasie. Diesmal war es umgekehrt. Eine Idee, auf die keiner kommen könnte, und unwillkürlich musste sie laut lachen.

"Was gibt es da zu lachen?", fragte Susanne Hornstein.

"Ganz einfach, ich habe mir gerade die Szene zum Beispiel vor Gericht vorgestellt, und Sie müssen zugeben, dies ist wirklich lächerlich komisch, in der ein Mann, ausgerechnet ein Mann, beweisen muss, dass er eine Frau vergewaltigt hat. Die leugnet alles. Können Sie sich so etwas vorstellen?"

Susanne Hornstein gelang es nicht, ihre Verblüffung zu verbergen. Sie war nach dem Geständnis von Schwarzkoff ganz sicher gewesen, dass er sie nicht angelogen hatte. Leider nicht angelogen hatte. Denn der war ihre letzte Hoffnung im Fall Freypen, andere vielversprechenden Spuren gab es nicht.

Allerdings hatte die Frau, die sie gerade ver­hörte, wahrlich Grund zu lachen bei der absurden Vorstellung einer möglichen Konfrontation zwischen Täter und Opfer, in der das Opfer dem Täter widersprach. Normalerweise, unter anderen Voraussetzungen, hätte sie mitgelacht.

Sie merkte , dass gleichzeitig die Spannung in ihr wieder stieg. Der Jagdinstinkt wieder erwachte. Sich ein neuer Gedanke im Hinterkopf festkrallte: Falls diese versuchte Vergewaltigung nicht stattgefunden hatte, falls Andrea Hofwieser die nicht bestätigte, falls Schwarzkoff schon wieder gelogen hatte und diesmal wirklich raffiniert, dann gab es nur eine logische Erklärung: Er war doch schuld am Tod von Joachim Freypen. Sie ermahnte sich selbst, mach jetzt bloß keine Fehler mehr, Susanne.

"Es war also alles so, wie Sie uns das erzählt haben? Es gab keinen Versuch von Schwarzkoff, Sie in der Tiefgarage zu vergewaltigen? Es gab keinen unbekannten Dritten, der ihn niedergeschlagen hat, um sie zu retten?"

"Einen unbekannten Dritten? Was soll das bedeuten?"

"Das würde bedeuten, dass der Mann, der Schwarzkoff ausgeschaltet hat, der Mörder Freypens war. Und es würde bedeuten, dass Sie ihn gesehen haben müssen. Verstehen Sie mich jetzt?"

Andrea Hofwieser verstand sehr gut. Und ob sie den Mörder gesehen hatte. Sie hatte ihn sogar gerochen, wie ihr einfiel. Dachte sofort wieder an den Geruch, den Zartmann auf ihr hinterlassen hatte. Und daran, dass der sich bis heute nicht mehr gemeldet hatte bei ihr. Was sie so und nicht anders gewollt hatte, was sie aber auch ärgerte, weil sie offenbar so wenig Eindruck auf ihn gemacht hatte.

"Klar verstehe ich Sie. Aber es tut mir leid, Ihre schöne Theorie zerstören zu müssen. Wie ich Ihnen schon sagte: Schwarzkoff hat mich an der Haustür abgesetzt, kurz nach neun Uhr, ich bin allein in meine Wohnung gefahren, habe mich allein ausgezogen, falls Sie das auch wissen wollen, habe die Nacht allein verbracht. Keine Tiefgarage, keine Vergewaltigung, kein unheimlichen Dritten, kein Mörder."

"Das würden Sie so unterschreiben?"

"Da es die Wahrheit ist: kein Problem. Wann immer Sie wollen."

Wie zufällig trat Andrea Hofwieser dabei ans Fenster und wie zufällig sah sie nach drüben in Richtung der Zentrale der Nationalen Alternative. Das Büro von Freypen war leer, nur die Deutschlandfahne konnte sie sogar von dieser Entfernung aus erkennen. Als sie ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle glaubte, drehte sie sich um. Susanne Hornstein saß mit geschlossenen Augen vor ihrem Kaffee, aber dass sie nicht etwa eingeschlafen war, konnte man am Rauch der Zigarette erkennen, die in ihrem Mundwinkel hing.

"Also, Frau Hornstein. Wie es so schön blöde immer heißt: von Frau zu Frau. Diese Geschichte von der Tiefgarage ist zwar so absurd, dass man sie fast schon wieder glauben könnte. Eigentlich kann das keiner erfinden. Aber ich versichere Ihnen, von Frau zu Frau: Es gab keinen Versuch von Herrn Schwarzkoff, mich zu vergewaltigen. Vielleicht hat er sich das gewünscht, Männer haben manchmal solchen perversen Vorstellungen. Falls er das bei mir versucht hätte, dann würden ihm, Entschuldigung, seine Eier heute noch weh tun. Sie müssen wissen, ich habe in meiner Studentenzeit in einer Peepshow gearbeitet, und das erste, was wir dort gelernt haben, war sich zu wehren gegen etwaige Annäherungsversuche nach Ende der Dienstzeit. Mit allen Tricks, die es so gibt. Wirklich mit allen."

Die Beamtin öffnete ihre Augen, vergaß für einen Augenblick das, was sie wirklich bewegte und schaute Andrea neugierig an: "In einer Peepshow haben Sie gearbeitet? So richtig in einer Peepshow? Nackt und ..."

"So richtig nackt", bestätigte die rothaarige Reporterin, "so richtig nackt. War gut bezahlt, und wenn man nicht auf diese dunklen Fenster achtete, konnte man sich mit genügend Phantasie sogar vorstellen, irgendwo nackt an einem Strand zu liegen. Da stören einen die neugierigen Blicke ja auch nicht. Nur klatschen konnten die Zuschauer nicht, weil sie immer nur eine Hand frei hatten."

Susanne Hornstein brauchte einen Moment, bis sie begriff, was gemeint war. Dann grinste sie.

Womit sie wieder bei dem anderen Mann war: "Wenn Schwarzkoff lügt, und wenn er keinen Grund hat, sich vor Ihnen zu fürchten, warum hat er dann so ohne Gegenwehr für Ihr Buch hunderttausend Vorschuss bezahlt statt nur fünfzigtausend? Und warum hat er Ihnen für die Zeit des Schreibens Ihr volles Gehalt garantiert und nicht wie üblich das halbe?"

"Hat er Ihnen das erzählt?", fragte Andrea Hofwieser zurück, und schaltete schnell, als die Beamtin mit der Antwort zögerte, "nein, hat er nicht. Lassen Sie mich raten: Sie haben unser Gespräch abgehört. Wie denn? Fand doch in Schwarzkoffs Büro statt und da war bestimmt keine Wanze." Ihr Blick blieb hängen auf ihrem Handy, das neben dem eingeschalteten Computer auf dem Schreibpult lag. Sie wies nur wortlos auf den Apparat und Susanne Hornstein nickte ebenso wortlos mit einer Art entschuldigenden Geste. "Immer noch?", fragte die Reporterin verblüfft.

"Ich weiß zwar nicht, was Sie meinen, aber die Antwort lautet Nein. Und falls Sie mich fragen würden, ob wir Sie, sagen wir mal so, auch in Den Haag begleitet haben, dann lautet die Antwort auch Nein. Wie gesagt, das ist alles Theorie, denn ich weiß ja nicht, wovon Sie sprechen."

Dass sie in Den Haag nicht abgehört worden war, schien Andrea Hofwieser am wichtigsten zu sein, und sie ging nicht weiter auf das Thema ein. Außerdem war es ihr durch dieses seltsame Spiel mit versteckten Andeutungen gelungen, eine Frage nicht zu beantworten, nämlich die nach der wundersamen Vermehrung des Buchvorschusses. Bis sich die Beamtin wieder daran erinnerte, würde sie sich was ausgedacht haben. Im Moment wäre ihr eine Erklärung schwer gefallen. Aber sie unterschätzte Susanne Hornstein: "Also? Warum hat er so viel bezahlt für etwas, was es noch gar nicht gibt. Ihr Buch?"

"Weil er wusste", log Andrea Hofwieser frech und spontan, "dass ich über meinen Anwalt ein anderes Angebot eines anderen Verlages in der Tasche hatte, ein besseres." Die blonde Frau ihr gegenüber gab sich damit zufrieden, was sicher daran lag, dass sie von den Gepflogenheiten in der Buchbranche keine Ahnung hatte, also solche Geschichten glaubte und außerdem bereits ihren nächsten Schritt überlegte. Die Verhaftung Jens-Peter Schwarzkoffs. Dafür brauchte sie einen Haftbefehl.

 

Der diensthabende junge Richter hörte sich ihre Argumente schweigend an. Gegen einen Haftbefehl sprach die Stellung Jens-Peter Schwarzkoffs in der Hamburger Gesellschaft, es schien absolut und im Wortsinne unglaublich, dass ein reicher, bekannter Verleger auf die Idee kommen würde, sich mal eben einen Mörder zu mieten. Für einen Haftbefehl sprachen allerdings auch einige Tatsachen: Er hatte kein überzeugendes Alibi, er hatte offensichtlich gelogen, was den angeblichen Vergewaltigungsversuch und den anschließenden Überfall betraf, und vor allem, er hatte ein Motiv. Der Richter gab Susanne Hornstein recht, diesen Fall würde sie vierzig Jahre nach dem Ereignis nicht mehr beweisen können, aber er blätterte doch interessiert in dem Tagebuch des Dorfpolizisten, das die Beamtin von Martin Gundlach, dem pensionierten Lehrer, bekommen hatte. Schließlich beugte er sich vor und unterschrieb das Formular.

Und morgen lesen Sie: Verleger Schwarzkoff fährt aus der Haut. Leibwächter Mulder brüllt.

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